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"Und aufgeregt war ich auch"
Ehemalige Zwangsarbeiter kehren an den Ort ihres Leidens zurück
Verschleppt, ausgebeutet, entwürdigt. Dies war das Schicksal Tausender
Zwangsarbeiter, die während des Zweiten Weltkrieges, in Wesermünder Werften
und Fischfabriken eingesetzt wurden. Einige von ihnen kamen jetzt auf
Einladung des Magistrats an den Ort des Leidens zurück.
Die Eltern von Wladimir Dmitrijewitsch Prudskoi leisteten Zwangsarbeit in der
Fischkonservenfabrik Heinrich Baumgarten. Prudskois Vater schleppte Fischkisten,
Prudskois Mutter stanzte Konservendosen. Als die junge Frau am 1.Oktober 1944 in
der Krankenbaracke des Frauenlagers einen Knaben zur Welt brachte, hatten die
Prudskois großes Glück, erzählte der Ukrainer: "In der Administration
waren Leute, die menschlich zu uns waren." Vater, Mutter und Sohn durften
auf einen Bauernhof nach Wanhöden umziehen. "Da aßen wir mit am
Tisch", sagt der 57-jährige Rentner dankbar.
Zum dritten Mal hat der Verein Walerjan Wrobel im Auftrag des Senats ehemalige
Zwangsarbeiter in das Land Bremen eingeladen. Die Idee, dabei erstmals
Bremerhaven einzubeziehen, sei der engen Kooperation bei der Bear-
beitung von Anträgen für die Zwangsarbeiterentschädigung zu verdanken, sagt
der Vereinsvorsitzende Dr. Hartmut Müller.
Der ehemalige Chef des Staatsarchivs in Bremen weist darauf hin, dass noch
kein einziger der berechtigten Bremer und Bremerhavener Zwangsarbeiter bislang
Entschädigungszahlungen erhalten habe, obwohl das Geld bereits in der Ukraine
sei. Dies sei besonders schlimm, weil die Betroffenen wegstürben und "weil
die Armut schreiend groß ist".
"Freude empfunden"
Der Besuch in Bremen und Bremerhaven sei "eine Geste der moralischen
Wiedergutmachung", sagte Müller. "Es geht darum, dass sie ein Stück
ihrer Würde zurück bekommen, die man ihnen damals genommen hat." Die
alten Menschen nehmen die Geste mit Dankbarkeit an. "Einfach nur
Freude habe er empfunden, als die Einladung eintraf, sagt Wladimir
Prudskoi. "Und aufgeregt war ich auch."
Die 18 ehemaligen Zwangsarbeiter aus der Ukraine, die seit Sonntag im Land
Bremen zu Gast sind, kamen gestern an Bord der Senatsbarkasse nach Bremerhaven.
An der Seebäderkaje wurden die Gäste von Stadtverordneten-
vorsteher Artur Beneken (SPD) begrüßt. Nach einem Essen in der Strandhalle
trugen sie sich in das Goldene Buch der Stadt ein.
Nachmittags standen eine Firmenbesichtigung bei Frozen Fish und eine Kranz-
niederlegung an der Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter im Fischereihafen auf
dem Programm. Beneken erinnerte an das Schicksal der über 14000 Menschen,
"die im damaligen Wesermünde Opfer von menschenverachtender Verblendung
wurden."
Nordsee-Zeitung vom 19. Oktober 2001