Aus Logger "Olga" wurde Frachtschiff "Visnes"
Nach 94 Jahren Rückkehr: Litauer kamen mit umgebautem Heringsfänger nach Bremerhaven

"Visnis" Foto Peter Müller 2/2002

Das hätte sich "Olga" aus Hammelwarden bei Brake nicht träumen lassen: Dass sie einmal litauische Esche im Bauch haben würde. Das frisch lackierte Innenleben steht ihr aber ausgesprochen gut. "Olga" ist 94 Jahre alt, 30 Meter lang und ein Heringsfänger- genauer: einer der ältesten erhaltenen Logger. Eine dreiköpfige Besatzung aus Litauen hat den Oldtimer, der vor 52 Jahren in "Visnes" umbenannt wurde, jetzt zur Festwoche nach Bremerhaven gebracht.
                Die hübschen, blitzblanken Bullaugen der alten Dame sind zum Verlieben: Sie sind kugelrund und aus altem, massivem Messing. So weit wie möglich haben die Litauer das Schiff im übernommenen Zustand belassen, sagen Zigmas Steckis, Jozef Keller und Edward Rimgaila an Bord. Meist redet nur einer, Keller. Nur er kann ein wenig Deutsch und übersetzt für seine Kollegen. Zigmas Steckis kramt eine alte, stark verrostete Taschenlampe hervor. Aha: eine Wehrmachtslampe. Und dann nimmt er eine Messingtute von der Wand- ein herrlich satter Ton ertönt an der Kaje des Alten Hafens.
Doch der Reihe nach. Man schreibt das Jahr 1906, als die Braker Herings-
fischerei  AG den neuen Segellogger "Olga" in seine Flotte einreiht. Erbauer ist die Lühring-Werft in Hammelwarden. 1912 bekommt "Olga" neue Masten, 1913 einen 65-PS-Motor- nun ist sie ein Motorsegler. Mit dem Ende der Braker Treibnetzfischerei muss "Olga" ihren Heimathafen verlassen. Neuer Eigner ist ab 1926 der Hamburger Reeder Bernhard Reinecke, der "Olga" zum Frachter für die Nord- und Ostsee umbauen lässt. Das Schiff, in Brake mit Mais beladen, strandet 1937 bei Fehmarn. Die Havarie verläuft glimpflich ohne Schaden.
                Im Zweiten Weltkrieg sieht man "Olga" als Versorger der Kriegsmarine (Taschenlampe!) in norwegischen Gewässern. Ihren Heimathafen Hamburg sieht sie nicht wieder: "Olga" wird an Nordwegen abgegeben und 1948 in "Visnes" umbenannt. Haugesund, Egernsund und Bergen sind als weitere Stationen zu nennen. Mehrfach wird der Motor ausgetauscht, der jüngste hat 230 PS. Die Norweger setzen einen hohen Aufbau mit Ruderhaus aufs Achterdeck und vergrößern die Ladeluke.
Zigmas Steckis kauft 1998 die "Visnes" und bringt sie nach Klaipeda, dem früheren  Memel. Wir werkeln fünf Mann (laut Keller eine "Brigade") im Hafen, bauen eine moderne Navigations- und Radioanlage ein und rüsten die "Visnes" mit neuen Kojen für sechs Personen aus: "Drei Mann Besatzung, drei Gäste." Trotz aller Umbauten ist noch etwas vom charakteristischen Bild des Loggers erkennbar. Nach Auffassung Kellers handelt es sich um "den letzten Segellogger und das letzte Frachtschiff dieser Klasse"
In Brake hat man übrigens die "Olga" nie vergessen. Sie war, sagte uns Claus Lühring, der zweitletzte von sieben Segelloggern, die die Werft seines Urgroßvaters Johann Conrad Lühring gebaut hat. Sein "C. Lühring" ziert die Schiffsglocke. 1988 wurde die Werft geschlossen. Der Urenkel schreibt nun an einer Firmenchronik.
Ursprünglich sollte das restaurierte Schiff in Litauen Frachten befördern, mittlerweile scheint es dafür zu schade. Zigmas Steckis meint nun, dass die frühere "Olga" als schiffbautechnische Rarität nach Deutschland, an die Weser gehört. Vielleicht interessiere sich ein Museum oder ein Unternehmen für den historischen Logger. Was kostet ein altes Schiff, dessen Registerpapiere wenigstens bis 2005 gültig sind? Keller spricht von 250 000 US-Dollar- Verhandlungsbasis, versteht sich. Nun warten drei Männer aus Klaipeda, dass jemand ihrer "Olga" in die Augen schaut.

Weserkurier vom 15. Juli 2000