Menschenmassen pilgerten zur Kaje
Über eine Million Fahrgäste reisten mit "United States" über den "großen Teich"- "Blaues Band vor 50 Jahren ergattert

Sie war ein Mythos. Traumschiff unter den Ozeanriesen zwischen Bremerhaven und New York. Am schönsten. Am schnittigsten. Am schnellsten. Heute vor 50 Jahren lief die "United States" zur Jungfernreise aus und errang dabei als letzter Luxusliner das "Blaue Band" des Ozeans für die schnellste Nordatlantikquerung.

Kein anderes Passagierschiff lief in den 50er und 60 er Jahren die Columbuskaje so oft an wie die "United States" (53 329 BRT)- und kein anderes Schiff zog Bremerhavens Bevölkerung so stark in den Bann. "Die Kaje war schwarz vor Menschen, und die Menschen waren begeistert. Wann immer die "United States" nach Bremerhaven kam: Sie wurde triumphal bei uns empfangen", hat Harald Wichert aus Wulsdorf, Lokomotivführer im Ruhestand, noch heute lebhaft in Erinnerung.
                Oft und gern gesellte sich der heute 66-Jährige in den 50er-Jahren zu den "Sehleuten" am Pier, die das Einlaufen des populären Passagierdampfers mit Spannung und Faszination verfolgten. Wichert: "Wenn das Schiff eingeschleppt wurde, kam Volksstimmung auf."
                So empfand es auch Hanna Braun aus Schiffdorferdamm. "Ob im Familienkreis oder in Begleitung auswärtiger Besucher: Der Anblick begeisterte uns alle immer wieder neu, wenn sechs oder mehr Schlepper das riesige Schiff in die richtige Position an der Kaje bugsierten", steht der heute 95-jährigen Kapitänswitwe noch nach Jahrzehnten das bewegende Bild der Vergangenheit vor Augen.
Nicht nur in Bremerhaven, weltweit erfreute sich die "United States" großer Popularität. Heute vor 50 Jahren sorgte das Schiff für internationale Schlagzeilen. Auf seiner Jungfernfahrt, zu der es am 3. Juli 1952 unter Kapitän Harry Manning von New York nach Southampton auslief, passierte das Schiff nach nur drei Tagen, zehn Stunden und 40 Minuten den Leuchtturm von Bishop Rock und damit das Ziel der nordatlantischen Rennstrecke. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 34,51 Knoten überbot der dank vier riesiger Westinghouse- Getriebeturbinen 240 000 PS starke Ozeanriese den 14 Jahre alten Rekord seiner britischen Rivalin "Queen Mary" um volle zehn Stunden und jagte ihr so das begehrte "Blaue Band" ab.
Nach mehr als 100 Jahren hatte Amerika damit die Trophäe zu zurückerobert. Jubel in New York, als die "Big U", wie sie von nun an respektvoll genannt wurde, am 15. Juli 1952 zurückkehrte: Hunderte von Schiffen und Schleppern, Fähren und Begleitbooten veranstalteten ein ohrenbetäubendes Hup-, Tut- und Pfeifkonzert, sämtliche Fabriksirenen schrillten, Flugzeuge kreisten in der Luft, Tausende von Menschen feierten den Rekordbrecher.
Wenige Wochen vor der Rekordfahrt weihten die Bremerhavener den neuen "Columbusbahnhof" ein und setzten auf den Passagierverkehr nach Übersee. Der begann bald zu boomen, nachdem der 300 Meter lange Dampfer am 3. Januar 1953, nachts um 2 Uhr- hell erleuchtet und über die Toppen geflaggt- erstmals an der Columbuskaje festmachte. Von hier nahm nun "Big U" mit dem regelmäßigen Liniendienst der "United States Lines" zwischen Bremerhaven und New York eine Vorkriegstradition wieder auf.

Mehr als 160 Fahrten
167 Mal stampfte die "United States" ab 1953 zwischen Bremerhaven und New York hin und her. Der Seestadt erschloss sich so eine Einnahmequelle, die mit jeder Schiffsankunft neu sprudelte: Was Reederei, Besatzung und Passagiere an Hafengebühren, Heuergeldern und Ersparnissen hier ließen, maß sich in Millionen Mark und kurbelte den wirtschaftlichen Aufschwung an der Wesermündung an- Grund genug für die Bremerhavener, sich mit "ihrer United States" wie mit kaum einem anderen Schiff zu identifizieren.
Fast 17 Jahre lang mobilisierte die "United States" Menschenmassen, die zur Columbuskaje pilgerten. Sie wollten dort nicht nur dem legendären Liner, sondern oft genug prominenten Passagieren Referenz erweisen. Klangvolle Namen von Konrad Adenauer bis John F. Kennedy, von Leonhard Bernstein bis Salvador Dali, Burt Lancaster bis Rudolf Schock fanden in den fanden sich in den Passagierlisten der "United States", die bis 1969 exakt 1 025 691 Fahrgäste über den "großen Teich" führte.
Doch die transatlantische Passagierschifffahrt bekam bald die Konkurrenz schneller Flugzeuge zu spüren. Mit der ersten Boeing 707 (ab 1958 im damals neuen Liniendienst zwischen London und New York eingesetzt) schrumpften die Passagierzahlen auf der "United States" stetig dahin.
                Bereits 1968 benutzten 90 Prozent der Reisenden auf dem Weg zwischen alter und neuer Welt das Flugzeug, während die "United States" mittlerweile Verluste von jährlich vier Millionen Dollar machte.
Am 2. November 1969 kam das Aus: Das Schiff legte ein letztes Mal in Bremerhaven ab und rostet heute, 33 Jahre später, in den USA vor sich hin.

Quelle: Nordsee-Zeitung vom 03.07.2002

Daten der "United States"
Bauwerft: Newport News Shipbuildung and Dry Dock Company Virginia (USA)
Baukosten: über 78 Millionen US-Dollar
Eigner: United States Lines
Kiellegung: 8. Februar 1949
Stapellauf: 23. Juni 1951
Jungfernreise: 3. Juli 1952
Länge über alles: 302,40 Meter
Breite über Spanten: 30,90 Meter
Tiefgang: 10,98 Meter
BRT: 53 329 BRT
Antrieb: 4 Westinghouse-Getriebeturbinen, 240 000 PS
Geschwindigkeit: maximal 42 Knoten
Besatzungsmitglieder: 1093
Passagiere 1. Klasse: 913
Kabinenklasse: 558
Touristenklasse: 537