Die letzten ihrer Zunft: Windjammer-Takler
Was andere in Deutschland längst verlernt haben:
Tecklenborg, Kegel takelt die großen Rahsegler
Sie beherrschen nicht nur ihr Handwerk, sondern sind auch absolut schwindelfrei.
Denn die Mitarbeiter der Tecklenborg, Kegel GmbH müssen im Zweifelsfall hoch
hinaus- in die Masten und Rahen eines Großseglers. Das Bremerhavener
Traditionsunternehmen ist das letzte in Deutschland, das die komplizierte Kunst
des Takelns beherrscht. Die Tagelage eines Windjammers zu erneuern, hat nur
einen Haken, sagt Geschäftsführer Jürgen Krause: "Die Arbeiten finden
fast immer im Winter statt; im Sommer sollen die Schiffe segeln."
Selbst für Seeleute ist das Rigg eines Großseglers nur schwer zu durchschauen.
Brassen, Fallen, Schoten, Stagen, Wanten, Webeleinen, Flußpferde- wie ein
riesiges Spinnennetz erstrecken sich Drähte, Leinen und Taue zwischen den
Masten. Ob im stehenden Gut (für die Stabilisierung des Riggs) oder im laufenden
Gut (zum Bewegen der Bäume, Rahen und Segel) - eines haben alle Teile
gemeinsam: "Gerade bei schlechtem Wetter auf See wirken ungeheure Kräfte
auf die Takelage; Qualität ist da eine Frage der Sicherheit", sagt Krause.
Auch modernste Materialien halten diesen Beanspruchungen nicht ewig stand. Alle
paar Jahre muß deshalb das stehende und laufende Gut eines Windjammers erneuert
werden. Und dann sind die Männer (und eine Frau) von Tecklenborg gefragt- die
Grundinstandsetzung der "Gorch Fock" und die Generalüberholung der
"Passat". Das Schwesterschiff der "Padua"
(die heute als "Krusenstern"
unter russischer Flagge fährt) liegt als Museumsschiff in Lübeck-Travemünde-
und erwies sich als besondere Herausforderung für die Spezialisten aus
Bremerhaven. "Es gab praktisch keine technischen Zeichnungen mehr, alles
mußten wir von Hand und aus Erfahrung machen", erinnert machen",
erinnert sich Jürgen Krause.
Alles- das ist nicht wenig bei zehn Kilometern Drahtseil und 13 400 Metern
Tauwerk, die über dem Deck der 4-Mast-Bark verspannt sind. Um die komplizierten
Arbeiten überhaupt erledigen zu können, wurden schließlich sogar die bis zu
65 Meter hohen Masten abgesägt- "und anschließend wieder auf den
Millimeter genau angeschweißt", so Krause. Die alte Takelage zu entfernen,
war schon eine Aufgabe für sich. Jeder einzelne Draht, jedes Tau mußte von
Hand demontiert werden. Wobei auch für die Takler das eherne Gesetz auf See
gilt: Eine Hand für den Mann, eine Hand fürs Schiff.
Von oben nach unten, Stück für Stück lösten die Takler alte Knoten, Schäkel,
Püttings und Schrauben. Und alles, was sie nach unten brachten, wurde
feinsäuberlich beschriftet.
Für den Wiederaufbau wartete neben der Montage noch eine Herausforderung auf
das fachkundige Team: Die "Passat" ist ein Museumsschiff, also mußten
alle Neuteile originalgetreu hergestellt werden- selbst für die Blöcke und
Taljen, durch die das laufende Gut umgelenkt und die Zugkräfte verstärkt
wurden, durften keine modernen Varianten verwendet werden:" Wir haben sie
eigens anfertigen lassen", sagt Jürgen Krause. Und in der 116 Seiten
langen Bauvorschrift fand sich noch eine Besonderheit: Die Trethölzer- die
ersten "Stufen" in den Wanten- mußten mit selten gebrauchten
Zierknoten befestigt werden. "Da mußten wir selbst noch einmal überlegen,
wie ein Rosenknoten überhaupt geknüpft wird", lachte er. Der gute Ruf von
Tecklenborg, Kegel kommt nicht von ungefähr. Seit 1929 beschäftigt sich das
Unternehmen in Bremerhaven mit allem, was mit dem Tragen und Bewegen schwerer
Lasten an Draht und Tauwerk zu tun hat. Großsegler gehören von Anfang an
zum Alltag im Betrieb- schließlich geht die Firma auf die geschichtsträchtige
Bremerhavener Windjammer-Werft Joh.
C. Tecklenborg zurück- auf der wurde z.B. auch das Schwesterschiff der
"Passat", die "Padua" (heute "Krusenstern")
gebaut.
Von den Arbeiten an Windjammern allein kann das Unternehmen längst nicht mehr
leben- auch wenn der gute Rat aus Bremerhaven stets gefragt ist. Doch
Tecklenborg, Kegel hat sich längst auf viele andere Arbeiten mit Draht und
Tauwerk verlegt. Selbst aus dem tiefen Binnenland kommen spezielle Aufträge
nach Bremerhaven. Das Know-how von Tecklenborg, Kegel ist allerdings nicht nur
gefragt, wenn es um große Dimensionen geht. Zum Lieferprogramm zählen
Edelstahlseile, die nur Bruchteile von Millimetern dick sind. sie werden in der
Chirurgie bei schwierigen Knochen-Operationen benötigt. Mit seinem
Edelstahl-Programm geht das Unternehmen seit längerem mit dem Trend der Zeit.
Nicht nur in der Medizin wächst der Bedarf an edlem Geflochtenem und
Geschlagenen: Solche Seile werden häufig bei modernen Gebäuden als
Gestaltungselement eingesetzt- geliefert werden sie aus Bremerhaven in 48
Nationen auf alle Kontinente.
Und doch ist
das Unternehmen in erster Linie der See treu geblieben. Schlepptrossen,
Festmacherleinen, Schäkel, Tragegeschirre- es gibt nichts, was es in den
verwinkelten Hallen nicht gibt.