Logenplatz am Kaiserhafen
Schiffsachverständiger Hans-Joachim Möller legt Perle Bremerhavener Architektur frei




Der Schiffsachverständige Hans-Joachim Möller arbeitet in einem der ersten Häuser am Platz. Vom Schreibtisch aus hat er einen beeindruckenden Blick: Direkt vor ihm liegen die Kaiserhäfen und das Wendebecken. Am "Alten Fährweg 8" glänzt ein Schmuckstück der Lokalgeschichte.

Das Gebäude hinter der Zollstation Rotersand stammt aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Auf der Suche nach  neuen Büroräumen stießen Möller und seine Frau Berbel 1991 auf die Immobilie im Überseehafengebiet. Deren Charme erschloss sich damals erst auf den zweiten Blick. Die Midgard, der letzte Mieter, war zuvor nach Speckenbüttel gezogen. Das Ehepaar Möller kaufte das Haus für etwa 400.000 Mark auf Erbpacht. "Als wir mit dem Renovieren anfingen, bin ich doch etwas unruhig geworden", sagt die Immobilienfrau.
Denn unter einer Klappe stand in einem der Räume das Wasser. Das Original-Treppenhaus war im Zuge zahlreicher Umbaumaßnahmen einfach stillgelegt worden. Der schönste Raum des rund 500 Quadratmeter großen Hauses musste wieder zum Leben erweckt werden. Glasbausteine verschandelten ursprünglich großzügige Fensterlöcher. Eine Wendeltreppe verband an unpassender Stelle das Erdgeschoss mit dem ersten Stockwerk. "Hier kommt das Büro hin", entschied das Ehepaar trotzdem.
Durch die Renovierungsarbeiten kam ein lichtdurchfluteter Kontorbereich zu Tage. Die in Handarbeiten gefertigten Scheiben glänzen heute in voller Pracht. Wichtige Hinweise auf die frühere Nutzung erhielten Hans-Joachim und Berbel Möller, als sie das Eingangsportal freilegen ließen. Hinter viel Holz kam die Inschrift " Stauerei des Norddeutschen Lloyd" zu Tage.



Damit gab es auch einen Erklärung für einen begehbaren Tresor in einem Nebenzimmer. "Da sind früher vielleicht Lohngelder auf bewahrt worden", vermutet Möller. Heute dient der Tresor als Aktenschrank. Die Kosten für die Renovierung betrugen das Anderthalbfache des Kaufpreises.

Kaiserhafen-Fähre
Stadtarchivar Dr. Hartmut Bickelmann vermutet, dass es sich bei dem etwa 100 Jahre alten Gebäude um das Fährhaus der Kaiserhafen-Fähre handelt. Sie legte an dieser Stelle seit 1898 ab. Der Straßenname Alter Fährweg (seit 1974) deutet darauf hin. "Aufschluss verspricht ein Blick in die Akten des Hansestadt Bremischen Hafenamtes", sagt der Stadtarchivar. Mehrere Fähr-
linien steuerten damals die Kaiserschleuse oder die Lloyd-Kantine auf der anderen Seite des Hafenbeckens an. Später kamen Hafenrundfahrten hinzu. Der Unternehmer Jürgen Hinsch leitete das Unternehmen. Im Auftrag des Norddeutschen Lloyds betrieb er in dem Haus auch eine Stauerei. 1924 übernahm der Seemaschinist Adolf Zickelkau das Unternehmen.
                Die Passagierzahlen imponieren noch heute: In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beförderten die maximal 30 Personen umfassenden Boote bis zu einer Million Fahrgäste pro Jahr. Die meisten Passagiere waren Hafenarbeiter, aber auch Spaziergänger oder Passagiere von der Columbuskaje zählten dazu. Sie nutzten die Kaiserhafen-Fähre für einen Besuch der Innenstadt. Im Bereich der heutigen Kreuzung Bürgermeister-
Smidt-Straße/Rickmersstraße hielt die Straßenbahn. Das heute leer stehende Gebäude an dieser Ecke beherbergte um 1900 das "Hotel Rotersand". Die Kaiserhafen-Fähre fuhr am 31. Dezember 1964 zum letzten Mal. Heute bestimmen oft riesige Autotransporter das Bild. Hans-Joachim Möller kann sie von seinem Büro aus fast mit Händen greifen.

Nordsee-Zeitung vom 31. Januar 2001