Die Flagge halbstocks für Franz Stapelfeldt
Der Chef und Kamerad von einstmals 40.000 Werftarbeiter schied aus dem Leben

Im 78. Lebensjahr hat am Freitag Franz Stapelfeldt seine Familie und seine Freunde verlassen. Er war ein erfolgreicher Mann, aber wie weit tritt sein kaufmännischer Erfolg vor dem Menschen Franz Stapelfeldt zurück! Am 18. Januar 1877 wurde er in Stockelsdorf bei Lübeck geboren, und in die Wiege legte ihm ein gütiges Geschick alle die Eigenschaften, die später den Umgang mit Franz  Stapelfeldt nicht nur zu einer herzlichen Freude, sondern auch- wenn man ihn länger kannte- auch zu einem Erlebnis machten. "Unser Franz war ein echter Kamerad eines jeden seiner Arbeiter.
Das will etwas heißen. Es gab Zeiten, da der "Generaldirektor" (von dem er wenig oder keinen Gebrauch machte) für 40.000 Arbeiter zu sorgen hatte. Solange er bei der AG. "Weser", dann bei der Deutschen Schiffs- und Maschinenbau-AG. in leitender Stellung war, gab es praktisch keine Lohn-
streitigkeiten. Der Mann aus dem Volke wußte mit dem Volk zu reden, die Lage des Unternehmens so  offen darzustellen, daß jedes Wort Vertrauen und Einsicht fand.
Wenn die guten Eigenschaften, die Franz Stapelfeldt auszeichneten, in eine Rangfolge bringen würden, so müßte man sein soziales Gefühl, sein warmes Herz für seine Mitarbeiter wohl am meisten loben. Wenn er durch die Werkhallen ging, begleitete ihn ein Hündchen mit einer Klingel am Halsband. Das gab jedem Mann am Schraubstock den Voralarm. Wir sind alle Menschen und dann und wann bummelt auch einer, und bummeln wollte Franz Stapelfeldt keinen sehen, deshalb schickte er einen Vierbeiner als Vorhut voraus.
Man könnte meinen, daß bei soviel Zartgefühl die nötige Härte in der geschäftlichen Haltung fehlte- mitnichten. Anders wäre der 1884 nach Bremen Gekommene, wo er auch seine kaufmännische Lehre durchmachte, schwerlich in führende Stellungen gekommen. Während des ersten Krieges war er bei den Otwi-Werken Delmenhorst, am 1. April 1921 wurde er in den Vorstand der Aktien-Gesellschaft "Weser" berufen, nach deren Umgründung in die DESCHIMAG als deren Generaldirektor. Auf den Helgen dieser größten Weserwerft- einer der größten deutschen Werften überhaupt- wurde die "Bremen" gebaut, das Flaggschiff des Norddeutschen Lloyd. Jahre hindurch das Spitzenschiff der Weltflotte.
Diese Blüte wurde sehr bald abgelöst durch Notzeiten, so drückend, daß die Deschimag zeitweilig nur mehr 500 Arbeiter beschäftigen konnte, aber unter der zuversichtlichen und umsichtigen Leitung Franz Stapelfeldts kam die Werft aus der Bedrängnis heraus und nahm einen Aufschwung wie nie zuvor. Man muß zugeben: unter dem heißen Atem der Aufrüstung und des Krieges. Die Verdienste Franz Stapelfeldts werden indes hierdurch nicht geringer.  Wenn wir uns recht erinnern, hat ein Gremium von Sachverständigen nach dem Zweiten Weltkrieg ihm das Zeugnis ausgestellt, er sei ein Unternehmer, wie man ihn nur wünschen kann.
Dieses Urteil wird dem Heimgegangenen über manches Ungemach hinweg-
geholfen haben, das in der nationalsozialistischen Zeit und in der ersten Besatzungszeit über ihn hereingebrochen war. Bei seinen Freunden war er nie umstritten. Seine Frohnatur schaffte ihm viele Freunde und sie hielten ihm auch die Treue, wie er ihnen die Treue hielt. Wie vielen dieses weiten Kreises aus allen Schichten der Bevölkerung hat er geholfen, indem er sie in Stellungen brachte, ihnen mehr als Almosen gab oder aber, wo dies nichts fruchtete, sie seelisch aufrichtete!
Mit ihm geht ein Stück bester bremischer Tradition zu Ende, ist eine Persön-
lichkeit hanseatischer Prägung abberufen worden. Einige wenige Männer leben noch, die die bremische Wirtschaftsepoche der zwanziger und dreißiger Jahre bestimmten.

Bremer Nachrichten vom 5. Juni 1954