
      
Seebeckwerft
1933-1945
von Peter Müller
.
"Adolf Hitler ist Reichskanzler", lauteten die Schlagzeilen
der meisten Zeitungen am 30. Januar 1933. Die Nazis übernahmen
die Macht in Deutschland, und für viele politische und gewerkschaftlich
organisierte Arbeiter begann die Nacht der langen Messer. Am 3. März
1933 fand noch eine letzte große Demonstration von SPD und KPD in
Bremerhaven gegen den Faschismus statt, an der 9.000 Bremerhavener teilnahmen.86
Am 1. Juni 1933 wurde der SPD jegliche politische Betätigung untersagt.
Am 16. April 1933 versammelten sich in der Bremer
Börse die bremischen Kaufleute, um ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit
mit der Naziregierung zu erklären. Der Vizepräsident der Handelskammer,
Wilhelm Biedermann, forderte die Kaufmannschaft auf, "sich in dieser Stunde
erneut zu unserem deutschen Vaterlande, zu seiner ruhmreichen Geschichte
und zu dem Glauben an deutsche Kraft und deutsche Weltgeltung zu bekennen."
In ähnlicher Weise bekundeten der Vorstand der Bremer Baumwollbörse,
die Kleinhandelskammer und die Vereinigung der Arbeitgeberverbände
im Unterwesergebiet in Resolutionen ihre rückhaltlose Unterstützung
für die neue Regierung.87
Am 25. April 1933 legte Gustav Krupp von Bohlen und Halbach
im Namen des Reichsverbandes der Deutschen Industrie der Naziregierung
einen Plan zur "Neugestaltung der Industrie" vor.
Es ging darum, wirtschaftliche und politische Aktivitäten
der Industrie Richtung Aufrüstung zu koordinieren.
Auf der am 28. August 1933 in Bremen stattgefundenen ordentlichen
Generalversammlung der Deschimag wurde im Bericht des Vorstandes die wirtschaftliche
Situation der Deschimag-Werften wie folgt geschildert: "Im Geschäftsjahr
1932 haben sich die wirtschaftlichen Verhältnisse leider weiter verschlechtert.
Diese Entwicklung ist schlechthin nicht auf gelegentlich wiederkehrende
Krisenerscheinungen, sondern auf den völligen Zusammenbruch der Weltwirtschaftsordnung
zurückzuführen."
"Infolge des katastrophalen Niedergangs in der Schiffahrt
ist es uns im verflossenen Geschäftsjahr nicht möglich gewesen,
Schiffsneubauaufträge hereinzuholen."
Im Aufsichtsrat der Deschimag saßen zu dieser Zeit
Direktor Max Koepke (Norddeutsche Kreditbank AG), Präsident Dr. jur.
G. Kautz, Berlin, und Konsul A. Dubbers (Fa. Bachmann, Bremen). Den
Vorstand bildeten F. Stapelfeldt, Bremen, Professor Dr. G. Bauer, Bremen,
Dipl.-Ing. H. Hein, Bremen, und F. Niedermeyer, Bremerhaven.88
Die 8.ordentliche Generalversammlung der Deschimag am
21.6.1934 nahm auch den Bericht des Vorstandes unter F. Stapelfeldt entgegen,
in dem dieser schrieb, es ergebe sich ein Verlust von 1,277 Mio.
RM. "Im vergangenen Geschäftsjahr hat sich die Lage des Welthandels
und der Schiffahrt gegen das Jahr 1932 noch nicht gebessert."
"Umso lebhafter können wir es daher begrüßen,
daß die neue Regierung es in klarer Erkenntnis dieser Tatsachen unternahm,
der Schiffahrt zu helfen und es den Reedereien ermöglichte, den Werften
Neubauaufträge zu geben und zahlreiche Verbesserungen an dem vorhandenen
Schiffspark vorzunehmen zu lassen. Nach mehrjähriger Pause konnten
wir in der zweiten Hälfte des abgelaufenen Geschäftsjahres für
unser Werk in Bremen drei Schiffsneubauten von dem Norddeutschen
Lloyd bzw. von der Hanseatischen Schiffahrts - und Betriebs- Gesellschaft
m.bH., Bremen, in Auftrag nehmen..."
"Ferner erhielten wir für unser Werk in Wesermünde
den Auftrag auf einen Fischdampfer von der Reederei H.
Siebert, Wesermünde."
Zu diesem Zeitpunkt befanden sich im Vorstand:
F. Stapelfeldt, Bremen, Professor Dr. G. Bauer, Bremen, Dr. Ing.
H. Hein, Bremen, F. Niedermeyer, Bremerhaven.89
Die ersten beiden Schiffe, die nach der Machtübernahme
durch die Nazis auf der Werft gebaut und von der "Nordsee" in Auftrag gegeben
wurden, trugen die Namen zweier Naziführer. Scheinbar meinte
die "Nordsee" Deutsche Hochseefischerei AG, sich auf diese Weise
bei den Nazis anbiedern zu müssen. Ein Fischdampfer erhielt
den Namen Carl Röver, benannt nach dem Gauleiter der NSDAP.

"Gauleiter Telschow"
Röver machte schon vor der Machtergreifung seine menschenverachtende
Gesinnung deutlich, wenn er sagte: Die Burschen werden noch was erleben,
wenn Hitler an der Macht ist. Wir sagen euch, euch wird nichts geschenkt,
ihr Lumpen und Volksverräter. Ich garantiere diesen Schweinehunden,
dass sie gehenkt werden, und wir werden sie solange hängen lassen,
bis die Krähen sie gefressen haben.90 Der Fischdampfer "Carl Röver" kam am 28.9.1939
als Vorpostenboot "V209" der Kriegsmarine zum Einsatz. Am 28. Juli 1942
wurde das Schiff mit ausgeglühtem Vorschiff nach einem Gefecht mit
einem britischen Zerstörer nach Cherbourg eingebracht. Die Wiederindienststellung
erfolgte am 6. Juli 1943. Am 13.Juni 1944 erhielt das Schiff bei St. Malo
nach einem Gefecht mit einem britischen Torpedoboot und einem Jagdbomber
eine schwere Beschädigung. Im September 1944 stellte man das Schiff
endgültig außer Dienst.91
Den zweiten Fischfänger, R. Walther Darre,
benannte die "Nordsee" nach dem Leiter des Rasse- und Siedlungshauptamtes
der SS (1931-1942) und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft
(1933-1943). Darre fungierte außerdem noch von 1934-1942 als Reichsbauernführer
und trug mit seinen Büchern stark zur "Blut- und Boden"-
Ideologie
bei.92 Den Fischdampfer "R. Walther Darre" rüstete die Kriegsmarine
später zum Vorpostenboot um und setzte ihn bei der Festungskriegsübung
Swinemünde am 10.6.1937 ein. Ab 28. September 1939 erhielt das
Schiff die Bezeichnung "V 210" usw.
Die Logger Heinrich Brons (B.-Nr.518) und Johann Wessels
(B.-Nr. 519) stellte die Seebeckwerft für die Reederei "Großer
Kurfürst" Heringsfischerei Emden her. Im Mai 1933 erfolgte die
Übergabe und später der Einsatz als Lotsenmutterschiffe bei der
Kriegsmarine.93
Die AG Weser in Bremen erlebte in dieser Zeit einen
wirtschaftlichen Aufschwung:
Die Belegschaftszahl steigerte sich von 660 Arbeiter
im Jahr 1932, über 3.600 im Jahr 1934 auf 12.650 im Jahr 1939.94
Um die Jahreswende 1934/1935 erhielt die AG "Weser" den ersten Rüstungsauftrag,
den Bau des Kanonenbootes "Brummer". Zwischen 1935 und 1938 wurden vier
Zerstörer gebaut. Gleichzeitig nahm die AG "Weser" wieder den
Bau von U-Booten auf.
1933/34 setzte für die Seebeckwerft ein langanhaltender
wirtschaftlicher Aufschwung ein. Dieser resultierte unter anderem aus dem
Ausbau der deutschen Hochseefischerei im Rahmen der nationalsozialistischen
Autarkiepolitik. Fischdampfer mit 400 BRT bildeten dabei den Standardtyp.
Am 20. Januar 1934 wurde von der Hitlerregierung das
"Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit" erlassen. Es beseitigte die
Rechte der Betriebsräte und bestimmte den Unternehmer zum alleinigen
Führer des Betriebes. An die Stelle der Betriebsräte traten sog.
Vertrauensleute, die den Unternehmern beratend zur Seite standen. Im März
und April 1934 fanden die ersten Vertrauensrätewahlen statt.
6 Fischdampfer im Baudock 2 (1936)
Ab 1939 baute die Werft auch für deutsche Reeder
Fischdampfer über 600 BRT. Erfahrungen auf diesem Gebiet hatte sie
in den Jahren 1935/36 gesammelt, als sie 15 in Serie gebaute Dampfer
der Northern-Klasse (650 BRT) nach England lieferte.

FD Carsten Janssen 1938
Die Rümpfe dieser
Serie zeichneten sich durch eine verbesserte Maier-Form aus, bei der der
weit ausfallende Vorsteven sich als eine besonders gute wasserverdrängende
Form erwies. 95
1.0 Deschimag (IV)
Am 25. September 1935 fand die 9. ordentliche Generalversammlung
der Deschimag in der Norddeutschen Kreditbank, Bremen, statt. Für
das Geschäftsjahr 1934 setzte sich der Aufsichtsrat aus Max Koepke,
Ernst Glässel, A. Dubbers, G. Kautz, Ludwig Noè, H.
Ulrich und Herbert L. Göring, Berlin zusammen. Den Vorstand
bildeten F. Stapelfeldt, G. Bauer, H. Hein und F. Niedermeyer. Die Deschimag
machte einen Verlust von 1,3 Mio. Mark und der Vorstand schrieb in seinem
Bericht zur Lage der Deschimag-Werften: "Das Gesamtergebnis ist auch in
diesem Geschäftsjahr unbefriedigend geblieben. Ein günstigerer
Verlauf konnte auch kaum erwartet werden, da der Auftragsbestand anfangs
des Geschäftsjahres, an der Produktionsfähigkeit unseres Unternehmens
gemessen, als zu gering anzusehen war. Hinzu kam, daß die im Laufe
des Jahres hereingenommenen Neubauaufträge wohl eine weit größere
Beschäftigung boten, preislich aber in vielen Fällen als unzureichend
anzusprechen waren."
"Wir hoffen zuversichtlich, daß das Geschäftsjahr
1935 ein weit besseres Ergebnis zeitigen wird, da es nicht nur mit einem
nennenswerten Auftragsbestand seitens der Handelsmarine, sondern auch der
Kriegsmarine seinen Anfang nahm. Die vorliegenden Neuaufträge bieten
uns volle Beschäftigung bis in das Jahr 1937 hinein."96
Im Betrieb wurden während der Zeit des Faschismus
auch Solidaritätsaktionen gegen die Repressalien der Nazis organisiert.
Hein Cordes, Werftarbeiter und Kommunist erzählte mir in einem Interview
am 11. April 1985, daß es 1933 bei der Seebeckwerft eine KPD-Betriebs-
gruppe
gab. Zu den bekanntesten Genossen gehörten Roman Fuchs und Willi
Wollenweber.
Hein Cordes hat von 1953- 1973 bei Seebeck gearbeitet.
Als Werftarbeiter und KPD-Funktionär Karl
Salomon 1935 zum zweiten Mal verhaftet worden war und im Zuchthaus saß,
sammelten die Kollegen auf der Werft für den Lebensunterhalt seiner
Frau und deren Kinder.97
Ernst Schildknecht98, seit 1920 Mitglied der KPD, hatte
die "Kleine Arbeiterzeitung" von Folkert Potrykus verteilt. Dafür
erhielt er 1934 ein Jahr und fünf Monate Gefängnis. Nach seiner
Entlassung hat er als Dreher bei Seebeck gearbeitet. 1937 wurde er erneut
verhaftet.99
Über den politischen gewerkschaftlichen Widerstand
auf der Seebeckwerft während des Faschismus ist uns ansonsten wenig
bekannt. Die Zeitzeugen Krakow, Haase und Weidenhammer gaben
mir dazu folgendes
Interview:
"Müller: Man sagt, es hat in der 30er Jahren auf
der Seebeckwerft eine KPD-Betriebsgruppe gegeben, 1936/37 dann
war wahrscheinlich irgendwann Schluß. Gab es denn da in den 40er
Jahren noch Widerstand von Gewerkschaften, von irgendwelchen oppositionellen
Gruppen? Eine an die Wand gemalte Parole?
Haase: Es gab ja keine Gewerkschaften.
Krakow: Die Gewerkschaften wurden von der Arbeitsfront
abgelöst.
Da mußte ja jeder drin sein. Und in wieweit da
Gruppen waren, die in der Opposition standen, das war ja unheimlich streng
alles gehandhabt, die konnten ja gar nicht groß ans Tageslicht treten,
vor allem war das ja auch so. Viele die auf der Werft waren, waren ja auch
in der Partei. Jüngere Leute, die im dienstfähigen Alter waren,
die wurden ja u.k. gestellt. Und das bedeutete keine Teilnahme in der Wehrmacht.
Rüstungsbetrieb, U-Boot-Bau, Spezialwaffe usw. Mein Bruder, der z.
B. in Rußland gefallen ist, der war auch u.k., der wollte auch von
der Werft weg, hat sich dummerweise als Kriegsfreiwilliger gemeldet. Das
war sein Schicksal. Ich will jetzt nur mal sagen, die "u.k." war ja ein
gewisses Privileg. Was war nun besser, auf der Werft arbeiten und die Schnauze
halten oder Wehrdienst machen und an der Front fallen? Und da hat jeder
ganz schön kurz getreten.
Haase: Einer der da eine große Klappe hatte; nächste
Woche war er an der Ostfront.
Krakow: Die Gruppen, nach denen Sie fragen, das war ja
gleichbedeutend mit dem Tod."100
Im Jahr 1935 baute die Seebeckwerft sozusagen schon die
ersten beiden Kriegsschiffe, nämlich die Fluß-Tankleichter "Seeve"
und Ilmenau sowie einen Schwimmkörper für die Kriegsmarine
mit einer Vermessung von 685 BRT und einer Länge von 63 m. Von der
Seebeckwerft wurden zwischen 1935 und 1939 fast 50 Fischdampfer allein
für deutsche Rechnung produziert.101 Seit Beginn der Dampffischerei
bis ca. 1939 hat sich die Einteilung der Schiffsräume auf den Fischdampfern
kaum geändert. Vorn lagen die Mannschaftsräume, dann folgte
der Fischraum, dahinter lagen die Kohlenbunker, Kessel -und Maschinenraum
und im Achterschiff die Unterkünfte für die Offiziere. Auf dem
Vordeck erfolgte die Verarbeitung, d. h. das Ausweiden und Abspülen
der Fische.
Für das Geschäftsjahr 1935 gab der Vorstand
der Deschimag am 23. Juni 1936 auf der 10. ordentlichen Generalversammlung
in Bremen einen Bericht ab. Es wurde ein Verlust von 299.583 RM eingefahren.
Der Bericht des Vorstandes102 skizzierte die Situation der beiden Werften
in Bremen und Wesermünde wie folgt: "Wenn die Periode unrentablen
Arbeitens, wie wir hoffen, nun ihr Ende erreicht hat, so mußte doch
im Laufe des Jahres 1935 noch eine Reihe von Aufträgen erledigt werden,
die infolge des schweren Wettbewerbs unter den Werften zu gedrückten
Preisen hereingenommen worden waren; wir hatten uns zu diesem Vorgehen
entschließen müssen, um der Gefolgschaft unserer Werke eine
volle Beschäftigung zu gewährleisten, und um, angesichts eines
zu erwartenden weit größeren Arbeitsprogramms, ein Abwandern
der Facharbeiter zu verhindern."
Dem Aufsichtsrat gehörten im Jahr 1935 an: Max Koepke,
Ernst Glässel, A. Dubbers, G. Kautz, Ludwig Noè, H. Ulrich,
Herbert L.W. Göring und D.W. Tengelmann.
1935 rückte Dipl.-Ing. Fritz Neef in den Vorstand
der Deschimag auf. Er hatte während des 1. Weltkrieges bei der A.G."Weser"
in der Abteilung für den U-Boot-Bau eine maßgebliche Stellung.
Gleichzeitig trat Direktor Otto Schrödter von der Seebeckwerft
die Nachfolge von F. Niedermeyer im Vorstand der Deschimag an, zunächst
als stellv. Mitglied. 1941 wurde der Vorstand der Deschimag weiter ergänzt,
indem Direktor Hermann Schölzgen von der kaufmännischen Abteilung
(A.G."Weser") zum Vorstandsmitglied ernannt wurde.103
3.0 Bau von Walfangbooten
Seebeck baute die Walfangboote Terje 1-9 für
die Fa. Krog Hansen und ein Jahr später Rau I bis
VIII für die Fa. W. Rau Neusser Ölwerke, Bremen. Der Rau-Typ
besaß eine Vermessung von 354 BRT und eine Länge von 40,52 m.
Die Seebeckwerft hatte 1936 die Walfänger "Treff IV und V" für
die Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft mbH, Hamburg, erbaut, die als Vorbild
für die Rau-Boote dienten.
Schon am 30.10.1934 wurde zwecks vorbereitender Studien,
unter der kommunalen Regie der Städte Wesermünde und Bremerhaven,
die erste Deutsche Walfang AG mit Sitz in Wesermünde gegründet.
Ihr gelang es in der Folgezeit rasch, den Gedanken des Walfangs zu propagieren
und bei den nationalsozialistischen Machthabern in Berlin reges Interesse
zu wecken. Die Pläne paßten hervorragend in die Autarkiebestrebungen
des deutschen Faschismus, wonach Devisen gespart werden sollten zugunsten
der Aufrüstung und ein hoher Selbstversorgsungsgrad für
den Kriegsfall erreicht werden sollte.
Deutschland galt als der größte Verbraucher
von Walöl und kaufte zeitweise die Hälfte der Weltproduktion
auf. Um einer Abhängigkeit von Norwegen und England zu entgehen, bemühte
man sich, die Versorgung mit Walöl auf eine gesicherte, eigene Grundlage
zu stellen. So verkündete Hermann Göring 1936 in Wesermünde,
Deutschland werde bis an die Grenze des Möglichen gehen.
Ende 1935 gelang es, den Düsseldorfer Henkel-Konzern
für die Finanzierung zu gewinnen, da die Firma das Walöl für
ihre Persilproduktion benötigte. Im Dezember 1935 wurde der Fracht-
und Passagierdampfer "Württemberg" bei Blohm &
Voss in das Walfangmutterschiff "Jan Wellem" umgebaut und verbreitert.
Zugleich gab man den Bau von sechs Fangbooten modernsten Typs, vier bei
Stülcken in Hamburg, zwei bei Seebeck in Wesermünde, in Auftrag.
Für die Spezialausrüstung mit Walfangmaterial waren Kontakte
zu norwegischen Firmen aufzubauen, die bis 1936 die führenden Hersteller
waren.
Am 26. September 1936 verließ die erste deutsche
Walfangexpedition mit dem Mutterschiff "Jan Wellem" und den Fangbooten
"Treff I-VI" den Hamburger Hafen seewärts, um in das Fanggebiet am
südlichen Polarmeer zu fahren.104 In den nächsten Jahren folgten
von der Seebeckwerft noch die Fangboote "Wiking 6-10" und "Wal 8-9".
Der Zeitzeuge Kurt Weidenhammer105 , Jahrgang 1908,
arbeitete von 1937-1973 auf der Seebeckwerft. Er erinnert sich: "Als
ich 1937 bei Seebeck anfing zu arbeiten, da haben wir die Rau-Boote gebaut.
Eigentlich wollte ich nur 6 Wochen bei Seebeck bleiben. Ich hatte elf Jahre
zur See gefahren und wollte mein Patent machen. Und dafür mußte
ich erst Geld verdienen. Ich war vorher als Heizer gefahren. Ich wollte
denn ja auf Schule gehen. An dem Montagmorgen als ich anfing zu arbeiten,
war gerade das Unglück passiert. Ich kam in den Walfangbau. Gleich
mittags ist das passiert, als die Rau III umgekippt ist.
1937 wurden die Walfangboote genietet. Wir, als Bordmontage,
mußten die ganzen Durchbrüche anzeichnen. Diese wurden aber
schon geschweißt. Ölleitungen, Kühlleitungen und Frischwasser.
Im Doppelboden wurden schon die Rohre verlegt während der Dockarbeiten.
Und nach dem Docken kam die Maschine rein, die Hauptmaschine. Hauptmaschinen
und Kessel für die Walfangboote wurden von der Seebeckwerft
selbst gebaut.
Nach dem Stapellauf wurde meistens die Maschine reingesetzt.
Die Maschinen wurden erprobt, die Waljäger hatten Ölfeuerung.
Dann machten wir eine Standprobe, Restprobe."
3.1 Einsatz der Walfangboote als Vorpostenboote oder
U-Boot-Jäger
Die Walfangboote Rau I-VIII wurden später als Vorpostenboote
bei der Kriegsmarine eingesetzt, und zwar mit 2/2 cm-Fliegerabwehrkanonen
und später noch mit einer 3,7 Pak ausgerüstet. Zum Beispiel die
Rau II setzte die Kriegsmarine ab 25. September 1939 als Vorpostenboot
"V 1509" ein. Sie wurde am 6.Juni 1944 in einem Gefecht mit britischen
Streitkräften vor Le Havre von einer Mine getroffen und versenkt.106
Unter den Schiffen der Jahre 1935/36 stehen einige Neubauten
für englische Rechnung an erster Stelle. Es sind vier Fischdampfer
für eine Firma in Aberdeen mit je 640 BRT und der große
Serienauftrag von 15 Fischdampfern für die Firma Mac Line Ltd. in
Fleetwood. Die Fischdampfer der sog. Northern-Klasse- "Northern Pride",
"Northern Wave" usw.- sind mit 650 BRT die bisher größten
ihrer Art, die in solcher Zahl nach einheitlichem Plan gebaut wurden. Die
Dampfer erregten bei ihrem Erscheinen in England großes Aufsehen.
Die Vorschiffe der Dampfer zeigen die verbesserte Maier-Form mit ausfallendem
Vorsteven. Derartige schrägliegende Vorsteven waren von Seebeck
schon seit mehreren Jahren auf Fischdampfern mit bestem Erfolg angewandt
worden mit dem Ziel, dem Vorschiff eine wasserabweisende Form zu geben.
Fischdampfer Northern Pride, 655 BRT (1936)
4.0 Deschimag (V)
Am 3. Juni 1937 gab der Vorstand der Deschimag den Geschäftsbericht
für das Jahr 1936 ab und nahm zur Ertragssituation wie folgt Stellung:
"Die in unserem letzten Jahresbericht ausgesprochenen
Hoffnungen auf eine Besserung unseres Geschäftsergebnisses für
1936 haben sich erfreulicherweise in vollem Maße erfüllt, so
daß wir außer der Tilgung des Verlustvortrages von RM
2 908 990.61 noch einen Gewinn von RM 440 104.87 ausweisen können.
Dieses Resultat konnte nur erreicht werden durch die starke Belebung der
Schiffbauindustrie, sowohl auf Grund von Aufträgen seitens der Kriegsmarine
als auch deutscher und ausländischer Reedereien."107
Angesichts positiver Gewinnausschüttung im Jahr
1936 wuchs das Interesse Bremer Kaufleute an einer Privatisierung der Deschimag.
Das übernehmende Bremer Konsortium bestand aus acht Bremer Kaufleuten,
zwei Kreditinstituten und vier Berliner Herren, die sich mit folgenden
Einlagen beteiligten:
| Norddeutsche Kreditbank |
600000,00 RM |
| Bankverein für Norddeutschland |
100000,00 RM |
| Otto Wolff |
300000,00 RM |
| Herbert Göring |
267000,00 RM |
| Baron von Swieykowski |
267000,00 DM |
| Dr. Schmidt |
10000,00 RM |
| Franz Stapelfeldt108 |
560000,00 RM |
| Gustav Scipio109 |
330000,00 RM |
| August Dubbers110 |
350000,00 RM |
| Dietrich Kriete |
300000,00 DM |
| Carl Albrecht |
200000,00 RM |
| Carl Wuppesahl |
100000,00 RM |
| Ernst Glässel111 |
100000,00 RM |
| H. Focken |
50000,00 RM |
| L. Schnittger |
30000,00 RM |
- sowie folgende Personen mit Beträgen zwischen
10.000 bis 20000,00 RM:
- F. Feilcke112
- H.Schölzgen
- F.Niedermeyer113
Der Initiator der ganzen Transaktion und des Übernahme-Konsortiums,
Franz Stapelfeldt114 , spielte auch in der Deschimag eine führende Rolle.
Die Mittel zur Übernahme seines Aktienpakets hatte Stapelfeldt durch
einen Kredit der Deutschen Bank erhalten.115
Ende des Jahres 1936 trat Direktor Niedermeyer in den
Ruhestand. Er wurde in den Aufsichtsrat der Deschimag gewählt. Als
Nachfolger Niedermeyers übernahm Otto Schroedter116 die Leitung der Seebeckwerft.
Gleichzeitig wurde Schroedter stellvertretendes Vorstandsmitglied
und nach dem Ausscheiden von Schiffbaudirektor Dr. Ing. Hein, 1938,
ordentliches Vorstandsmitglied der Deschimag. Neben Direktor Schroedter
teilten sich die Leitung der drei Hauptabteilungen der Werft: Gerloff als
Direktor der Schiffbauabteilung, Hoefs als Direktor der Maschinenbauabteilung
und Kloppenburg als Leiter der kaufmännischen Abteilungen. Im Januar
1939 wurde außerdem Dipl.-Ing. Hermann Stieghorst an das Werk Seebeck
berufen, zunächst als stellvertretender Schiffbaudirektor. Geffers
wurde im März 1943 ebenfalls zum Direktor ernannt.117
5.0 Kentern der Rau III
Am 7. Juni 1937 kenterte der auf einer Probefahrt befindliche
Walfänger Rau III bei der Ausführung eines Drehmanövers
vor der Einfahrt zur Nordschleuse. Später sank das Schiff. Zwölf
Personen fanden den Tod. Der Walfänger "Rau III" gehörte zu einer
Reihe, die für den Walfang in der Antarktis bestimmt waren.118
6.0 Fischdampfer als Vorpostenboote
Im Jahre 1937 zog die Kriegsmarine die ersten Fischdampfer
zu Übungen in der Nordsee heran und testete sie auf ihre Eignung
als Vorpostenboote. Im März desselben Jahres baute man fünf Fischdampfer
einer Bremerhavener Reederei auf der Seebeckwerft und der Unterweserwerft
zu Vorpostenbooten um, und stellte sie in den Dienst der Marine.119
Zwischen 1939 und 1945 wurden viele Fischdampfer zu Vorpostenbooten,
U-Boot-Jägern und Hilfsminensuchbooten umgebaut.120 Viele Fischdampfer,
die bei Seebeck gebaut wurden, wie z. B. die "Regulus" (B.-Nr. 374),
die "Venus" (B.-Nr.389), die "Münden" (B.-Nr. 438) und die "Hildesheim"
(B.-Nr. 392) wurden zu Vorpostenbooten umgerüstet und nahmen am "Unternehmen
Seelöwe" teil.
1938 entstand das Frachtmotorschiff "Tannenfels" mit 7.840
BRT und 155 m Länge. Während des 2. Weltkriegs kam das
Schiff als Blockadebrecher-Versorger zum Einsatz. Die Alliierten
versenkten es 26.8.44 vor der Girondemündung.121
Im gleichen Jahr lief die 58 m lange und 1.000
PS starke "Weser" auf der Seebeckwerft vom Helgen. Sie fuhr mit 24
Mann Besatzung und war damals mit 6.000 Korb der Fischdampfer mit der größten
Fangkapazität. Im Kriegseinsatz sank das Schiff, wurde jedoch wieder
gehoben und auf der Seebeckwerft durch den Einbau einer Filetiermaschine
sowie einer Fischmehl- und Tiefkühlanlage zum ersten Fangfabrikschiff
umgebaut. Nach ihrem erfolgreichen Einsatz in der Ostsee mußte das
Schiff nach Kriegsende laut Kontrollratsbestimmungen zum reinen Frischfischfänger
zurückgebaut werden.122
Am 14. Juni 1938 traf sich im Gebäude der Norddeutschen
Kreditbank, Bremen, die 12. ordentliche Generalversammlung der Deschimag.
Dem Aufsichtsrat123 für das Jahr 1937 gehörten elf Herren
an.
Der Bericht des Vorstandes124 spricht von einem befriedigenden
Ergebnis, von einem Gewinn in Höhe von 912.489 RM und daß der
Auftragsbestand gestiegen war.125
Am 4. Juli 1938 erhielt die Seebeckwerft von der Kriegsmarine
den Auftrag für den Bau von zwei Minen- und Schulschiffen, die eine
Verdrängung von 5.450 BRT haben sollten. Die Aufträge wurden
allerdings nach Kriegsausbruch annulliert. Das Minenschiff A lief unter
der Bau-Nr. 625 und das Minenschiff C unter der Bau-Nr. 626.
Der Auftrag für das Minenschiff C wurde am 4.5.1939
auf die Deutsche Werft, Hamburg Finkenwerder Bau-Nr. 270 übertragen,
jedoch nach Kriegsausbruch annulliert.126
6.1 Der Bau von Handelschiffen und ihr Einsatz bei
der Kriegsmarine
Für die D.D.G. "Hansa" lieferte die Deschimag,
Werk Seebeck, 1938 das Motorschiff "Tannenfels" mit 7840 BRT ab. 1941 erfolgte
mit dem Schiff ein Blockadedurchbruch in 80 Tagen Reise von Somaliland
nach Bordeaux. Ab 1942 befand sich das Schiff bei der Kriegsmarine als
Blockadebrecher und Hilfskreuzerversorger im Dienst. Die "Tannenfels" reiste
unangefochten mit einer Ladung Traktoren, Maschinenteilen und Chemikalien
von Bordeaux nach Japan. Hier ein Auszug aus dem Bericht:
"Gleich nach dem Auslaufen wird das Schiff von einem
Feindflugzeug entdeckt. Gegen den ausdrücklichen Umkehrbefehl der
Marine-Leitstelle setzt Kapitän Haase die Reise fort. Aber es scheint
sich zunächst alles gegen die TANNENFELS verschworen zu haben: Draußen
auf dem Atlantik in Luke 2 bricht Großfeuer aus, dem heftige Explosionen
folgen. Chemiekalienfässer fliegen reihenweise in die Luft.
Die Lage ist höchst bedrohlich. Mit Gasmasken wagen sich der Zweite
Offizier, anschließend dreimal hintereinander der Erste Offizier,
in das glutheiße Inferno. Es gelingt, durch gezielten Löschangriff
gegen den Brandherd vorzugehen, das Feuer zu teilen und abzulöschen.
Nun wagen es die Männer des Deckspersonals, die noch nicht detonierten,
aber schon gefährlich heißen Chemikalienfässer der restlichen
Ladungspartie aus dem Raum zu hieven und über Bord zu werfen. Das
alles geschieht während eines heulenden Sturms - und im Nebenraum
von Luke 2 lagern einige hundert Fässer Äther-Chloroform!"127 ...
Am 15. Mai 1942 trifft der Frachter nach einer erneuten Prüfung durch
einen fürchterlichen Orkan dennoch unangefochten in Japan ein und
rettete heimkehrend am 27.9.42 die 325 Überlebenden des deutschen
Hilfskreuzers STIER aus dem Südatlantik. Vollgepfercht mit Menschen
setzt die TANNENFELS ihre Reise fort und entging auf dem Weg nach
Bordeaux knapp der Sichtung durch einen britischen Flottenverband. Das
Schiff wurde am 26.8.44 in der eingeschlossenen "Atlantik-Festung Gironde-Süd"
von der eigener Besatzung versenkt.128
Die 14. ordentliche Generalversammlung der Deschimag
fand am 28. Juni 1940 in Bremen statt, und hier gab der Vorstand den Geschäftsbericht
für das Jahr 1939 ab. Im Aufsichtsrat saßen: Max Koepke,
Herbert L. W. Göring, August Dubbers, Heinrich Fokken, Ernst
Glässel, Georg Kautz129 , Dietrich Kriete, Ferdinand Niedermeyer, Ludwig
Noè, Gustav Scipio und Wilhelm Tengelmann. Den Vorstand stellten
Franz Stapelfeldt, Gustav Bauer, Hans Mohr, Fritz Neeff und Otto Schrödter.
Die Bilanz wurde mit einem Gewinn von 1.172 Mio. RM geschlossen. Zur Beschäftigungslage
äußert sich der Vorstand im Bericht wie folgt: "Auch in
diesem Geschäftsjahr waren unsere Betriebe bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit
beschäftigt. Durch das politische Geschehen wurde uns eine Fülle
von Aufgaben gestellt, die stärkste Anspannung und Einsatz aller Kräfte
bedingte."130
Im August 1939 konnte die MS Mars unter der B.-Nr.
614 an die D.G. Neptun, Bremen ausgeliefert und in Dienst gestellt werden. Das
Schiff verfügte über eine Vermessung von 2469 BRT, eine Länge
von 101,53 m, eine Breite von 14,55 m und erzeugte mit 3.000 PS eine Geschwindigkeit
von 15 Kn. Später setzte die Kriegsmarine den Motorfrachter als Transporter
und Hospitalschiff während des 2. Weltkrieges ein. Im Dezember 1943
erhielt die "MS Mars" einen Bombentreffer, wurde repariert und 1945 nach
England abgegeben und lief dort unter dem Namen "Empire Forth"131. Das
1939 gebaute Motorschiff "Zeus" wurde während des Krieges als "Sperrbrecher
11" und ab 1943 als "Sperrbrecher 22" eingesetzt. Ab 1949 erhielt das Schiff
in der BRD wieder den Namen "Zeus" zurück.
Schwadtke gibt an, daß in den Jahren 1943 und 1944
auf der Seebeckwerft die Motorfrachter "Tantalus" (1.542 BRT) und "Tellus"
(1.495 BRT) für die D.G. "Neptun" Bremen gebaut worden sein sollen.
Diese Schiffe lassen sich allerdings weder in der Baunummern-Liste von
Dieter Albers, Reinhard Schmelzkopf noch in der Baunummern-Liste des Einkaufs
der Schichau Seebeckwerft finden.
Für die D.D.G. "Hansa" erfolgte am 4.3.1939 der
Stapellauf des Frachters Schwaneck (I). Die Übergabe des Schiffes
fand im Juni 1939 statt. Das 2194 BRT vermessende Schiff war
als kleiner Frachter für den Spanien-Portugal-Dienst gebaut worden.
Der Fertigbau verzögerte sich infolge des Kriegsausbruchs. Am 17.
November 1941 sank der Frachter nach einem Minentreffer vor Stettin. Spätere
Hebeversuche waren vergeblich.133
6.2 Rau IX als U-Boot-Jäger
Im August 1939 lief die Rau IX vom Stapel. Vor der
Indienststellung überfiel Nazideutschland Polen. Der Walfangdampfer wurde für
die Kriegsmarine zwangsgechartert und zum U-Boot-Jäger umgebaut. Als "UJ
D" und später als "UJ 1212" gehörte sie zur 12.
U-Jagdflottille. Ab 1. Mai 1944 Einsatz als "NH 06" und bis sie 1944
als "V 6505" zur 65. Vorpostenflottille kam. Nach dem Krieg diente sie
in der 4. Minenräumdivision der GMSA.1948 lief sie unter norwegischer Flagge
als Walfangboot "Krutt". 1949 unter britischer, ab September 1953
unter norwegischer Flagge. Ab 1955 unter isländischer Herrschaft mit dem Namen
"Hvalur". 1968 unter Faröer-Flagge als "Heykur".134
Und kam 1969, 30 Jahre nach dem Stapellauf, als Museumsschiff nach Bremerhaven
zurück.135
Die "Rau IX" ist ein typischer neuerer Walfangdampfer. Gebaut ist er
in der sog. Maierform, einer Schiffsform, bei der der Widerstand im
Wasser besonders gering ist. Man erkennt die Maierform am weit ausladenden
Vordersteven, der das Wasser eher verdrängt als durchschneidet, im Gegensatz
etwa zu einem senkrechten Steven. Die Rau X wurde zweckmäßig konstruiert. Die
Inneneinrichtung ist karg und eng. Der vordere Niedergang führt zu den Räumen
der Mannschaft, die alle in einem Schlaf- und Freizeitraum wohnen mussten. Die
Offiziere logierten streng getrennt von der Mannschaft. Der Steuermann wohnte
backbord unterhalb der Brücke und der Kapitän steuerbord.136
Walfang war
Saisonjagd im antarktischen Sommer und eine Expedition dauerte ca. acht Monate.
Die "Rau IX" liegt heute im Alten Hafen in Bremerhaven-Mitte im Außengelände
des Deutschen Schifffahrtsmuseums und kann dort besichtigt werden.
7.0 Das Mob-Programm und der U-Boot-Typ IX C
Am 28. Juni 1939 gab die Kriegsmarine den Auftrag für den Bau von 6 Zerstörern
an die Seebeckwerft, die die Bezeichnungen Z31-Z36 tragen sollten. Die Schiffe
liefen unter den B-Nr. 663-668 und hatten eine Standard-Verdrängung von 1971
BRT. Es handelte sich bei vier Schiffen (Z31-34) um den Typ 38b.
Die Aufträge wurden allerdings am 19.9.1939 annulliert und als Typ 36A-Mob an
die Deschimag Bremen unter den B-Nr. 1001-1004 übertragen. Für 2
weitere Zerstörer (Z35-36) wurden die Bauaufträge ebenfalls am 19.9.39
annulliert und am 13.10.39 als Typ 36B an die Deschimag Bremen unter den Bau-Nr.
1005-1006 übertragen.137
7.1 Bau des Typs IX C
Mit Kriegsbeginn trat das Mob-Programm 1939 in Kraft. Mit ihm war nach einer
gewissen Anlaufzeit die Ablieferung von 108 U-Booten (24 Typ IX C) vorgesehen.
25. September 1939: Erster Auftrag zum Bau von U-Booten des Typs IX C. Bis
zum Beginn des Jahres 1944 wurden 14 U-Boote fertiggestellt und abgeliefert. Es
waren dies U 161 bis U 170 und U 801 bis U 806.138
Für die IX C U-Boote U
807-816 und U 1501-1506 wurden die Aufträge sistiert und für die IX C Boote U
817-820 kam kein Auftrag zustande.
Für die Seebeckwerft war die monatliche Ablieferung von 0,75 U-Booten des Typs
IX C vorgesehen. Wegen Rohstoff- und Materialmangels, aber vor allem wegen
des fehlenden Werftarbeiterpotentials, kam es zu Verzögerungen beim Baubeginn.
"U-161" wurde am 25.9.1939 in Auftrag gegeben (zusammen mit 5 anderen
Booten), aber erst am 8.7.1941 an die Kriegsmarine übergeben. Für eine
rationelle Erstellung der U-Boot-Typen VII C und IX C war eine enge
Zusammenarbeit der beteiligten Werften notwendig. Die Konstruktionswerft
AG Weser (IX C) wurde zur vorbauenden Werft erklärt, die anderen jeweils
den gleichen Typ bauenden Werften zu Nachbauwerften. Der AG Weser wurden ca. 30
Boote des Typs IX zugeteilt.139
25. September 1939: Erster Auftrag zum Bau von U-Booten des Typs IX C.
Zwischen Juli 1941 und Januar 1943 baute die Seebeckwerft die U-Boote U 161-170
vom Typ IX C . Es handelte sich um ein großes U-Boot mit 1232 t Verdrängung,
einer Länge von 76,8 m und konzipiert für eine Besatzung von 48 Mann.
Das Schiff hatte man bereits 1935 für die ozeanische Verwendung entwickelt.
Gegenüber dem Typ VII C hatte Typ IX C einen größeren Aktionsradius,
eine höhere Torpedozahl und war weniger wendig. Die Bauzeit der Boote betrug 21
Monate.
Daneben stellte die Werft zwischen März 1943 und April 1944 die U 801-806 vom Typ
IX C 40 her. Es handelte sich ebenfalls um ein Zweihüllenboot für den Übersee-Einsatz.
Dieser Bootstyp besaß eine Größe von 1257 m3 bei einer Länge von 76,76 m und
einem Durchmesser von 6,84 m.140
Für die IX C U-Boote U 807-816 und U 1501-1506 wurden die Aufträge sistiert
und für die IX C Boote U817-820 kam kein Auftrag zustande.
Von den Menschen, die während des II. Weltkrieges auf der
Seebeckwerft gearbeitet haben, leben nur noch sehr wenige. Drei der letzten
Zeitzeugen berichteten in einem Interview28,
das ich am 3. November 1993 mit ihnen in Bremerhaven führte, über ihre
Beobachtungen während des U-Boot-Baus:
Müller: Ab 1939 hat Seebeck U-Boote gebaut, erst die IX C-Boote, die etwas
Kleineren und später die XXIer -Boote. Können Sie da ein bißchen was erzählen?
Wie war die Atmosphäre, wie war die Zusammenarbeit mit Kollegen?
Weidenhammer: Man hatte Kollegen. Als das anfing mit den
U-Booten, da mußten die entscheidenden Leute 4 Wochen nach Bremen. Weil Bremen
schon dieselben Boote baute. Dann wurde das nochmal alles durchgegangen und dann
kriegten wir selbst unser erstes Boot. Die erste Arbeit, die wir hatten, war
Kugelschotten herzustellen. Auch Druckschotten genannt. Das war die Zentrale.
Vorn und hinten waren die Torpedoräume, da waren Kugelschotten drinnen
und in der Zentrale, zwischen Zentrale und Wohnraum. Auf den Probefahrten der IX
C-Boote war ich noch bei neun Booten dabei. Ich fuhr dann immer für 6 Wochen
mit. Von hier ging das nach Kiel. Das Boot wurde ausgewogen und dann durfte sich
keiner vom Platz bewegen. Wenn das Boot im Wasser schwebte, konnte mit 3-4
Liter Wasser schon etwas Bewegung reinkommen. Wie eine Wasserwaage.
Müller: Für das U-Boot XXI da war das ja so, daß Seebeck
nur eine Sektion gebaut hat. Seebeck baute Sektion VII, den Torpedoladeraum.
Weidenhammer: In der Kesselschmiede liefen Schienen wie
für einen Zug.
Wilfried Krakow: Wir haben da ja auch mal reingeschaut in
diese Halle, obwohl die streng abgeschirmt war. Das war tatsächlich schon Fließbandarbeit.
Die einzelnen Sektionen wurden immer weitergeschoben bis zur Fertigstellung. Und
erst dann ging das große Tor auf und die Sektion wurde auf Kähnen nach Bremen
verladen, glaube ich. Die Leute, die da drinnen arbeiteten, die hatten einen
besonderen Status. Alle anderen, die auf der Werft arbeiteten, hatten da
eigentlich nicht viel verloren.
Müller: Herr Krakow, Sie haben das selbst miterlebt?
Krakow: Ich habe von 1944-1947 als Tischler auf der
Werft gelernt.. Und ich habe eben gesagt, wir kamen ja auch auf der Werft herum,
auch die damaligen Lehrlinge, jetzt ja Azubis. Und dann hat man schon mal einen
Blick da reinwerfen können. Obwohl da gar nicht viel zu sehen war. Die auf der
Werft beschäftigt waren, die wußten auch ganz genau, daß da U-Boote gebaut
wurden. Aber die da jetzt direkt gewirkt haben und da zuständig waren und ihren
Arbeitsplatz hatten und diese Sektionen mitbauten, das war wieder ein
abgesonderter, strenger militärischer Bereich gewesen.
Müller: Herr Krakow, von wann bis wann waren Sie bei Seebeck?
Krakow: Ich hab von 1944-1947 gelernt. Ich bin im August
angefangen. Nach dem großen Bombenangriff wurde wir ja von der Modelltischlerei
umgesiedelt nach Wulsdorf in die Kistenfabrik Bempen.
Müller: Was für Schiffe haben da im August 1944 und später
in den Docks, im Hafen und an der Ausrüstung gelegen? Was wurde da gebaut,
umgebaut?
Krakow: Hauptsächlich fand dort der U-Boot-Bau statt. Im Ostdock wurden die
U-Boote repariert.
Weidenhammer: Im West-Dock haben wir auch U-Boote drin gehabt.
Krakow: Wir kamen morgens zur Werft und da war die Werft, der
Vorhafen und das Dock voller U-Boote. Und da waren die über Nacht
reingekommen zur Wartung. Da hatten sie die eingedockt. Die U-Boot-Fahrer waren
vorn an der Ausrüstungskaje wo das Fremdfirmenhaus untergebracht war,
Haupteingang Nordtor. Gästehaus. Das sie mal aus ihren U-Booten rauskamen.
Müller: Auch während des Krieges mußte das Leben und die
Arbeit auf der Werft irgendwie weitergehen.
Krakow: "Und wie gesagt, ich bin 1944 angefangen und im
September war der große Angriff. Da war ja das Hauptmagazin mit ausgebombt
worden und dann mussten wir Lehrlinge alles was Tischlereibedarf war, aus diesen
Trümmern bergen. Und alles was an verzinkten Schrauben und an Zubehör da
lagerte. Überfälle und Schnäpper und Schlösser und alles was ne Tischlerei
gebrauchte, das war da ja gelagert und das mußte jetzt geborgen werden.
Vor allem müssen sie davon ausgehen, 44 war ja schon tiefster Krieg, der
Materialfluß war ja nicht mehr da. Und alles, was nur bergenswert war und
wiederverwendbar, wurde da rausgepuhlt, geputzt und fein wieder zur Verwendung
gebracht. Dann waren wir ja ausgebombt. Jetzt hatten wir ja keine Hobelbänke
mehr. Wir haben dann auch Werkzeugkisten gebaut, bevor wir ausgebombt waren.
Dann war erst mal eine ganze Zeit Schluß. Und ganz schwer war auch für uns: Die
Lufthoheit war ja schon für die Alliierten gegeben, wir hatten ja Tag und Nacht
Fliegeralarm. Also, wenn ich meine Lehrzeit zusammenrechne, von drei Jahren, wo
ich wirklich echt an der Hobelbank gestanden habe, das war vielleicht ein
Drittel.
Sie haben nach der körperlichen Belastung gefragt. Wir haben nachts im Bunker
gesessen bei Fliegeralarm. Jetzt hatten wir einen Fliegeralarm gehabt, dann
haben wir drei, vier Stunden im Bunker gesessen oder aber auch nicht, wenn wir
Zuhause waren. Aber man war ja wach. Aber ich muss auch sagen, wenn Fliegeralarm
war, wir gingen in den Bunker, weil wir unwahrscheinliche Angst hatten. Mein
Vater z. B. ging überhaupt nicht in den Bunker. So, denn hat aber keiner
gesagt, ihr habt heute Nacht drei Stunden im Bunker gesessen, ihr braucht Morgen
nicht arbeiten. Denn standen wir aber um halb acht wieder auf dem Teppich.
Und wenn wir denn an unserer Hobelbank angelangt waren, todmüde einmal,
und dann war wieder Fliegeralarm und wir Tischlerlehrlinge waren
angewiesen in den sogenannten Marinebunker zu gehen, der war im Fischereihafen
in der Nähe von Kühlken. Der ist nach dem Krieg gesprengt worden. Dann saßen
wir wieder im Bunker, daß war denn mal eben so.
Die Vierziger Jahre bei Seebeck, das war mit dieser Ausbomberei,
Materialknappheit, auch die Arbeit das war schon alles schwierig durch die viele
Bunkersitzerei und da hat am andern Morgen keiner gesagt, nun bleib man paar
Stunden Zuhause."
Während dieser Zeit hatte die deutsche Wehrmacht schon
viele Facharbeiter von den Werften eingezogen. Fachkräfte fehlten an
allen Ecken und Enden. Die entstandene Lücke versuchte man mit ausländischen
Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zu füllen.141
Wir wissen heute wenig über die Arbeitsbedingungen der deutschen und ausländischen
Arbeiter beim U-Boot-Bau auf der Seebeckwerft.
Über den Bau des U-Boot-Typs IX wissen wir, daß Ende 1935 die
inzwischen neu gegründete U-Bootabteilung im Konstruktionsamt der Kriegsmarine
den Entwurf dieses Schiffes vorlegte. Die AG-Weser30 wurde Vorbau- und
wichtigste Serienbauwerft. Sie führte für diesen Bau-Typ die Schußbauweise
ein. Bei dieser Vorstufe zur Sektionsbauweise wurde der Druckkörper nicht mehr
in einem Stück auf der Helling zusammengebaut, sondern in einzelnen drei bis
sechs Meter langen "Schüssen" vorgefertigt. Die Schüsse wurden auf
besonderen Montageplätzen oder in der Werkstatt aus Spanten und Mantelplatten
zusammengeschweißt und dann auf dem Helgen zum Druckkörper zusammengebaut. Die
Produktion von U-Booten erfolgte nach Kriegsausbruch trotz großer Serien in
Einzelfertigung. Platten und Profile wurden in der Schiffbauhalle Stück für Stück
angezeichnet und bearbeitet, in der Schweißhalle zu Schüssen, Tanks,
Fundamenten, zum Turm und anderen Fertigteilen zusammengeschweißt und zuletzt
auf der Helling zusammengebaut.143
Erst danach begann der Innenausbau und der Anbau des Außenschiffes an den
Bootskörper. Der Innenausbau war dadurch geprägt, daß fast alles in
Einzelteilen durch die Lukenengpässe an Bord gebracht werden mußte. Wegen des
starken Arbeiterengpasses auf den Werften wurde ab 1941 dazu übergegangen, den
Schussbau und den Bau von Teilen des Außenschiffes an Stahlbauanstalten
außerhalb der Werften zu vergeben.
7.2 Bau des U-Boot-Typ XXI
Der U-Boot-Typ XXI war
konstruktiv eine Weiterentwicklung des Walther-Bootes vom Typ XVIII,
allerdings mit großer E-Anlage und mit starken Fahrmotoren. Es war praktisch
das erste U-Boot der Welt, daß wirklich längere Zeit unter Wasser bleiben und
fahren konnte. Es hatte eine 3fach größere Batteriekapazität und war mit
einer 2 Wellen-Antriebsanlage mit je 2500 PS E ausgestattet. Da diese ersten
U-Boote mehr Tauchboote als reine Unterseeboote waren und starke
Verluste durch die Luft- und Ortungsüberlegenheit der Alliierten, die geringe
Unterwassergeschwindigkeit und die kurze Verweildauer unter Wasser hinnehmen mussten,
wurde ein neuer U-Boot-Typ gesucht. Eine revolutionäre Entwicklung war der
außenluft-unabhängige
Antrieb von Professor Walther, mit dem dazu noch eine hohe
Unterwassergeschwindigkeit erreicht werden konnte. Mit ihrer stromlinienförmigen
Rumpfform wären diese Boote die ersten echten Unterseeboote gewesen. Da der
Antrieb aber noch nicht serienreif war und der U-Bootkrieg immer höhere
Verluste brachte, wurde ein Kompromiss geschlossen. Man füllte die große Hülle
des neuen Bootes vom Typ XXI144 mit
einer großen Anzahl von Batterien und kam so zu dem sogenannten Elektroboot. Es
wurde mit 7 m langen Torpedorohren bewaffnet und hatte einen Turm mit
Flakbewaffnung.
Schiffbauliche Angaben zum Typ XXI:
Länge über alles: 76,70 m
Höhe Unterkante Kiel bis Mitte Ausblick Sehrohr:
17,70 m
Tiefgang Mitte beladenes Boot:
6,24 m /6,32 m
Verdrängung Überwasser: 1610,0 qm
Hauptangaben über Bewaffnung:
6 Bugtorpedorohre für 20 mitgeführte Torpedos
4 Rohre installiert
1 Maschinenpistole
10 Mauserpistolen
3 Seitengewehre
Angaben über Antriebsanlage:
Überwasser-Antrieb: Zwei 6 Zyl.- MAN 4 Takt-Dieselmotoren mit Turbo-Aufladung
und einer Nennleistung von je 2000 PS
Unterwasser-Antrieb: Zwei SSW Haupt-E-Maschinen mit je 2500 PS
Zwei SSW Schleich-E-Maschinen mit je 113 PS
Aktionsradius Typ XXI:
Fahrt mit Dieselantrieb (2 Wellen)
Fahrbereich bei Marschfahrt:
17000 sm bei 8 Kn
15000 sm bei 9 Kn
5000 sm bei 15,6 Kn
Gesamtschiffsgewicht
1610,3t145
Im Dezember 1943 erhielt die Seebeckwerft den Auftrag für den
Bau von Sektionen für den neuen U-Boot-Typ XXI. Weitere Sektionen
befanden sich im Bau.
Die Seebeckwerft baute die Sektion VII für den Typ XXI
Das Werk Seebeck der Deschimag baute die Sektion VII für den U-Boot-Typ
XXI. Die Sektionen VII und VIII enthielten den Torpedoraum. Wegen seiner Größe
wurde er auf zwei Sektionen aufgeteilt. Die Sektion VII hat eine Länge von 6,8
m und wiegt ca. 90 t, die Sektion VIII ist 14 m lang und wiegt ca. 110 t. Der
Druckkörper hat einen kreisförmigen Querschnitt und verjüngt sich konisch
nach vorn. Eine genauere technische Beschreibung mit Skizze der Sektionen VII
und VIII findet sich bei Rössler.
Bis zum 10. Februar 1945 wurden 141 Sektionen der Sektion VII von der
Seebeckwerft abgeliefert, dazu kamen noch mehrere Turmsektionen.Weitere
Sektionen befanden sich im Bau. In den letzten Kriegsmonaten dominierten
allerdings Reparatur-und Umbauaufgaben.
Die Sektion VII wurde auf der Seebeckwerft in einer großen Schiffbauhalle
auf zwei parallelen Taktstraßen in Serienproduktion hergestellt und dann auf
dem Wasser- oder Schienenweg zu den Bauwerften nach Bremen oder Hamburg
transportiert. Neben der Sektion VII stellte Seebeck noch druckfeste Luken37, Türen
und Verschlüsse her.
Bei der Deschimag in Bremen wurden nach Herzog vom Typ XXI die Uboote
U 3001-3063 (U 3064-3500 im Bau?) gebaut. Es ist davon auszugehen, daß die 141
Sektionen der Sektion VII nach Bremen gebracht wurden und dort Bestandteil
der in Bremen produzierten 63 XXIer-Boote geworden sind.
Auftrag an Seebeck-Wesermünde, die Sektion VII des U-Boottyps
XXI für den gesamten Westraum zu bauen und nach folgendem Plan abzuliefern:
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------
1944
1945
2 3 4
5 6 7
8 9 10
11 12 1
2 3 ...
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------
2 7 14
20 23 23 25
25 25 25
25 25 25 25
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Davon wurden abgeliefert bis 31.10.1944 74 und bis 10.02.1945 141
Sektionen.
Aufteilung des Bootes in 9 Sektionen
Sektion I - Länge 12,7 m -
Gewicht ca. 65 t (Heck mit Heckraum, Steueranlage und
Werkstatt)-Howaldtswerke Kiel
Sektion II - Länge 10,0 m - Gewicht ca. 130 t (E-Maschinenraum)-KMW
W`haven
Sektion III - Länge 8,4 m - Gewicht ca. 140 t
(Dieselmotorenraum) - DW Hamburg
Sektion IV - Länge 5,3 m- Gewicht ca.
70 t Mannschaftswohnräume)-
Flenderwerke
Lübeck
Sektion V - Länge 7,6 m- Gewicht ca.
140 t (Zentrale und Kombüse)
Howaldtswerke Hamburg
Bremer Vulkan , Vegesack
Sektion VI - Länge 12,0 m- Gewicht ca. 165 t (Vordere
Wohnräume) - DW, Hamburg
Sektion VII - Länge 6,8 m- Gewicht ca. 92 t (Torpedolagerraum)-
Deschimag
Werk Seebeck, Wesermünde
Sektion VIII - Länge 14,0 m- Gewicht ca. 110 t (Bug mit Torpedorohren)
-DWK, Kiel
Sektion IX - Länge 14,1 m
(Turmumbau) - Hitzler, Lauenburg (Elbe)
Büsumer Schiffswerft
Sietas; Bremer Vulkan
Lübecker Maschinenbaugesellschaft
Montagewerften für den West-Raum waren Blohm & Voss,
Hamburg und die AG Weser, Bremen. Für den Bau der Sektion VII waren in der
Vorkalkulation 9000 Arbeitsstunden angesetzt worden, benötigt wurden Ende 1944
8500 Arbeitsstunden.40 Die Sektion VII sollte eisenbaulich von
Stahlbauanstalten weitgehend vorgefertigt werden. Für die Sektion waren dies
die Firmen:
- Schäfer, Ludwigshafen
- Grohmann & Frosch, Wittenberg (Elbe)
- Uebigau, Dresden
- Beuchelt & Co, Grünberg (Schlesien)
Der erste Bauabschnitt bei der Herstellung des Schiffskörpers erfolgte in den
Walzwerken und Gießereien. Aus den Stahlplatten wurden nun in Stahlbaufirmen
die Druckkörperschüsse hergestellt. Der Zusammenbau der Schüsse und
vorgefertigten Eisenteile zu den Rohsektionen erfolgte bei größeren und an
Wasserstraßen liegenden Stahlbaufirmen. In den Sektionswerften wurden die
Rohsektionen zu vollständigen Sektionen ergänzt und mit allen Einrichtungen
und Maschinen ausgerüstet, mit Ausnahme der Teile, die entweder zu schwer waren
oder durch zwei oder mehrere Sektionen reichten (Hauptwellen).
Nach einem genauen, auf den Tag festgelegten Terminplan sollte die bis auf den
letzten Pinselstrich fertigen Sektionen an die Montagewerften abgeliefert
werden. Der Transport erfolgte auf dem Wasserweg nach Bremen oder Hamburg.
Für die Montagewerften sollte ein spezieller Luftschutz geschaffen werden. Im
Herbst 1943 wurde mit dem Montagebunker "Valentin" in Farge
begonnen. Der Bunker Valentin erhielt eine Größe von 450 m x 100 m. Die
Betonmauern hatten eine Stärke von 3-4,5 m. Im Innenraum war Platz für
Einzelsektionen (3 U-Boote) und 13 vollständige Boote in den verschiedenen
Stadien des Zusammenbaus.41 Das vermutlich letzte erhaltene Boot dieses
Typs liegt heute als Technisches Museum im Alten Hafen beim Deutschen
Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven.42
1943 stieg die Zahl der Beschäftigten bei der Seebeckwerft auf 4.479. Im
gleichen Jahrschrieb Dr. Otto Höver folgendes zur Situation der Werft: "
Zur Zeit ist das Werk Seebeck voll für den Bedarf der Kriegsmarine eingesetzt.
Die derzeitige Lage erfordert freilich, daß über die laufenden Arbeiten noch
Stillschweigen gewahrt wird. Nach siegreicher Beendigung des Krieges wird auch
die Handelsschiffahrt des Großdeutschen Reiches eine Fülle neuer Aufgaben zu
stellen haben. die endgültige gefestigte Weltstellung unseres Vaterlandes auf
den Meeren wird dann auch das Werk Seebeck an dem Platz finden, den es sich dank
der Tatkraft seiner leitenden Männer im deutschen Schiffbau errungen hat."
8.0 Krupp übernimmt die Deschimag
Für das Geschäftsjahr 1940 wurde auf der 15.
ordentlichen Hauptversammlung der Deschimag am 7.11.1941 in Bremen vom
Vorstand unter Leitung von Franz Stapelfeldt der Geschäftsbericht
abgegeben. Ich zitiere: "Die Bilanz schließt nach Vornahme
von RM 6 588 154.64 Abschreibungen mit einem Gewinn von RM 992 737.68.
Das Geschäftsjahr 1940 stand wiederum im Zeichen
des Krieges. Die an unsere Betriebe gestellten sehr erheblichen und mannigfachen
Anforderungen konnten dank der Pflichttreue und steten Einsatzbereitschaft
unserer gesamten Gefolgschaft in vollem Umfange erfüllt werden."
Im Verlauf des Jahres 1940 plante Herbert L. Göring
, der Halbbruder des NS-Spitzenfunktionärs Hermann Göring, sich
von seiner nicht unerheblichen Minderheits-Beteiligung an der Deschimag
zu trennen, die er seit Mitte der 30er Jahre mit Hilfe von Bankkrediten
zusammengekauft hatte. Generaldirektor Stapelfeldt , der unbedingt eine
Einflußnahme der an dem Aktienpaket interessierten Hermann-Göring-Werke
abwenden wollte, gelang es Ende 1941, den Verkauf an Krupp zu arrangieren.
Krupp erwarb zunächst von Herbert L.W. Göring und Franz Stapelfeldt
für ca. 19,2 Mio RM Aktien im Nennwert von 6,6 Mio. RM und damit
die knappe Aktienmorität des damals 12,2 Mio. RM umfassenden Kapitals
der Deschimag. Durch eine Gesamtinvestition von 26,9 Mio. RM konnte die
Firma Krupp im Verlauf des 2. Weltkrieges ihren Besitzanteil auf 56,83
% ausbauen. Am 7. November 1941 wählte die Hauptversammlung Alfried
von Bohlen und Halbach in den Aufsichtsrat. Der Aufsichtsrat hatte
jetzt folgende Zusammensetzung:
- Max Koepke, Bremen, Vorsitzender
- Herbert L.W. Göring, Berlin, stellv. Vorsitzender,
- Alfried von Bohlen und Halbach, Essen,
- General-Konsul August Dubbers, Bremen,
- Direktor Heinrich Focken, Bremen,
- Ernst Glässel, Bremen,
- Dietrich Kriete, Bremen,
- Professor Dr.-Ing. Ludwig Noè,Danzig,
- Gustav Scipio, Bremen,
- Landrat a.D. Wilhelm Tengelmann, Herne i.W.
Auf der 16. ordentlichen Hauptversammlung der Deschimag
am 2. September 1942 in Bremen bildeten den Aufsichtsrat in dieser Reihenfolge:
Max Koepke (Vors.), Herbert L. Göring, stellv. Vorsitzender, Alfried
von Bohlen und Halbach, August Dubbers, Heinrich Focken, Ernst Glässel,
Dietrich Kriete, Ludwig Noè, Gustav Scipio und Wilhelm Tengelmann.
Den Vorstand bildeten Franz Stapelfeldt, Gustav Bauer, Hans Mohr, Fritz
Neeff, Hermann Schölzgen und Otto Schrödter (Wesermünde).
Auf dieser Aktionärsversammlung wurde ein Beschluß über
eine Erhöhung des Grundkapitals um nom. 780.000. RM- auf nom.
20 Mio. RM beschlossen.
Erst in der Hauptversammlung am 25.6.1943 verzichtete
Herbert L.W. Göring auf seine Wiederwahl in den Aufsichtsrat. Alfried
Krupp wurde am 23.6.1944 zum stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrates
gewählt. Diese Funktion hatte allerdings auch August Dubbers
inne.
9.0 Die Hebeschiffe Energie und Ausdauer
Im Jahr 1942 erfolgte der Bau der beiden Hebeschiffe
Energie und Ausdauer für die Bugsier- Reederei &
Bergungs AG, Hamburg, unter den B.-Nr. 689 und 690 mit je 1.867 BRT.
Die Schiffe waren 74,90 m lang und 12,45 m breit und konnten je 2.500
t tragen. Während des 2. Weltkrieges wurden sie
als U-Boot-Bergungsschiffe eingesetzt.
Sie hatten nicht nur einen erheblichen Anteil an der
Wrackräumung in den ersten Nachkriegsjahren in deutschen Gewässern,
sie sind auch heute noch bei der amerikanischen Marine unter den
Namen "AHLC I und II" in Betrieb. Ihre "Muskelpakete" mußten
die beiden Hebeschiffe viele Male spielen lassen, um Wracks
aus der Tiefe zu holen. Durch die Umstände der Schiffsuntergänge
und der Bergung rückten sie häufig ins Licht der Öffentlichkeit.
Schwadtke gibt an, daß "Energie" von 1945-1947 und "Ausdauer"
von 1945-1958 an Großbritannien verchartert war.
Im Auftrag der Vereinten Nationen hoben "Energie" und
"Ausdauer" 1957 die im Suezkanal versenkten Frachter sowie
Brücken und machten die bedeutende Seestraße damit für
die Schiffahrt wieder frei.
Im Geschäftsbericht für das Jahr 1943 wies
der Vorstand einen Gewinn von 1,06 Mio. RM aus. In diesem Jahr hatte
der Aufsichtsrat folgende Zusammensetzung: Der Vorstand der Deschimag
bestand ab Sommer 1943 aus folgenden Herren: Franz Stapelfeldt, Vorsitzender,
Bremen, Prof. Dr. Gustav Bauer, Bremen u. Hamburg, Dr. Johann
Joeden, Kiel, Dr. Hans Mohr, Bremen, Dipl. Ing. Fritz Neeff,
Bremen, Hermann Schölzgen, Bremen, Otto Schrödter, Wesermünde.
10.0 Kriegseinwirkungen und Zwangsarbeiter
Am 3. Februar 1944 warfen Bomber der alliierten Luftstreitkräfte
Flüssigkeitsbrandbomben auf das südliche Stadtgebiet von Bremerhaven und auf
die Deschimag ab. Es gab 32 Tote und 77 Verletzte. Bei der Deschimag
wurden die Modelltischlerei und die Metallputzerei teilweise schwer
getroffen. Tote und verletzte Werftangehörige gab es nicht. Es gab
keine Beeinträchtigung des Werftbetriebes.
Am 24. Juni 1944 gegen 13.30 Uhr fielen 358 Spreng- und
150 Flüssigkeitsbomben auf den Fischereihafen und auf das Gelände
der Deschimag. Hierbei fanden 84 Menschen, darunter 32 Zwangsarbeiter,
den Tod. Bei der Deschimag wurden die Schiffszimmerei, die Trockenkammer,
die Hammerschmiede und das Bürogebäude völlig zerstört.
Weitere Schäden entstanden an der Zimmerei, der Taklerei, der Schiffbauhalle,
der Schweißerei und der Schlosserei.
Neben der Ausrottung von Millionen europäischer Juden
gehört die Deportation und der menschenverachtende Einsatz von
Zwangsarbeitern z. B. aus Rußland oder Polen in Deutschland
während der Zeit des Faschismus zu den abscheulichsten Verbrechen,
deren sich Nazi-
Deutschland schuldig gemacht hat.
Die Zahl der in Deutschland umgekommenen und umgebrachten
Zwangsarbeiter entspricht etwa der aus Deutschland in die Konzentrationslager
deportierten Juden. Zwischen 1941 und 1944 stieg die Zahl der ausländischen
Arbeiter in Deutschland von Januar 1941 mit 1,5 Mio. auf 5,4 Mio. im Monat
März 1944. Krupp z. B. beschäftigte 1943 mehr als 50.000 ausländische
Arbeiter und Kriegsgefangene. Der Generalbevollmächtigte für
den Arbeitseinsatz der Zwangsarbeiter, Fritz Sauckel, hat 1944 zugegeben,
daß "von den fünf Millionen ausländischen Arbeitskräften,
die nach Deutschland gekommen sind, sind keine 200.000 freiwillig gekommen."
Nach dem Überfall Hitlerdeutschland auf die Sowjetunion
entstand durch die Einziehung vieler Werftarbeiter in die deutsche Wehrmacht
ein Arbeits-
kräftemangel.
Die Entlohnung der Ostarbeiter war über die Deutsche
Arbeitsfront dergestalt geregelt, daß nach Abzug einer Sondersteuer
z. B. bei Russen und nach Aufrechnung der Kosten für Unterkunft und
Verpflegung entweder gar nichts, Schulden oder ein lächerlich geringer
Betrag übrig blieb. Und das bei einer 60-70 stündigen Arbeitswoche.
Die Zwangsarbeiter sollten bei denkbar sparsamstem Einsatz die größtmöglichste
Leistung hervorbringen.
Die Lage der ausländischen Arbeiter in den Lagern
der Krupp-Werke waren äußerst schlecht. Im Oktober/ November
1942 mußte man bei Krupp feststellen, daß "die Ernährung
der russischen Kriegsgefangenen, die bei uns im Betrieb ausschließlich
als Schwerarbeiter beschäftigt sind, völlig unzureichend ist"
und "daß die Leute bei dieser Verpflegung immer nach kurzer Zeit
bei der Arbeit zusammenbrechen und teilweise eingehen." Ende 1943 bestanden
rund 40 Prozent der Belegschaft von Krupp aus ausländischen Zwangsarbeitern.
Aber es waren auf den deutschen Werften nicht nur Zwangsarbeiter, sondern
auch KZ-Häftlinge eingesetzt. Dönitz hat auf einer Konferenz
am 11. Dezember 1944 erklärt, daß "12.000 Kz-Häftlinge
als zusätzliche Arbeitskräfte in den Schiffbauwerften beschäftigt
werden würden". Krupp gehörte ebenso zu den größten
Arbeitgebern von KZ-Häftlingen.
Bei der AG "Weser" Bremen bestand 1943 nicht ganz 19%
der Gesamtbelegschaft aus sogenannten ausländischen "Zivilarbeitern"
und Kriegsgefangenen. 1944 wurden außerdem ca. 1.500 Häftlinge
des KZ Neuengamme auf der Werft eingesetzt. In den Betrieben war
die Zwangsarbeit durch Antreiberei und nackte Gewalt gekennzeichnet. Schon
wegen Geringfügigkeiten wurden als Strafe Essensentzug, "Bußen"
in Höhe von Tageslöhnen und Arrest verhängt, der beispielsweise
in den Krupp-Werken in speziellen Haftzellen (Stehbunkern) unter grausamen
Bedingungen vollstreckt wurde. Zur betrieblichen Justiz gehörten weiterhin
die Einweisung in Strafkolonnen und in "Arbeitserziehungslager".
Das Essen war vollkommen unzureichend und die Zahl der
erkrankten Ostarbeiter war doppelt so hoch wie bei den deutschen Arbeitern.
Tbc war besonders weit verbreitet. Im November 1942 betrug
der Ausländeranteil bei der Deschimag in Bremen 12,7 %.
Im November 1944 waren bei der Deschimag (Seebeckwerft)
3.816 Deutsche und 851 Zwangsarbeiter beschäftigt.
Zum größten Teil waren es Männer, aber
es mußten auch Frauen hier arbeiten. Sie kamen aus Frankreich, Polen
und der Sowjetunion und lebten im Lager Halle XIV zwischen Lunedeich und
Wittlingstraße.
Am 19.06.1942 gründeten Wesermünder Kaufleute
für die Dauer von fünf Jahren das "Männerlager der Wesermünder
Wirtschaft". Zweck der Gesellschaft war "die gemeinschaftliche Heranschaffung
(An- und Abtransport), Unterbringung, Verpflegung und Betreuung von
Arbeitskräften für die Wirtschaft Wesermündes und Umgebung".
Je angeforderten bzw. im Gemeinschaftslager untergebrachten Lagerinsassen
wurden von den Gründern 100 Reichsmark eingezahlt. Zusätzlich
mußte der Betrieb dann die laufenden Kosten für die Unterbringung
und Verpflegung aufbringen (pro Tag und Arbeiter waren das 0,50 RM für
die Unterkunft und 1 RM für die Verpflegung). Die Stadt Wesermünde
gehörte mit zu den Gesellschaftern. Als Lager diente die Packhalle
XIV im Fischereihafen. Laut Gesellschaftsvertrag vom 03.09.1942 wurde
die Geschäftsführung folgenden Geschäftsführern übertragen:
1) Dipl.- Ing. H. Stieghorst i. Fa. Deschimag,
Werk Seebeck,
2) Direktor H. Merkel i. Fa. Schiffbaugesellschaft
Unterweser A.G.,
3) Heinrich Kramer i. Fa. J. Heinr. Kramer,
4) John Mahn i. Fa. Gesellschaft für Schiffsbedarf
m.b.H.,
5) L. Herrmann i. Fa. Vereinigte Werkstätten
A. Busse,
6) Joh. Kohlmann für den Verband der Kohlenhändler
an der Unterweser.
Von ihnen galten die Herren Stieghorst und Kramer als
leitende Geschäftsführer.
Für das Lager Halle XIV weisen die Lagerlisten für
1944/45 654 "Ostarbeiter" aus. 117 Franzosen und 45 Polen aus. Konzipiert
war das Lager für 1.200 Menschen. Es wurde auch als "Männerlager"
oder "Russenlager" bezeichnet. Ein ehemaliger französischer
Zwangsarbeiter berichtete 1986 über die Zustände im Lager:
"Nach unserer Ankunft wurden wir auf die Lager "Halle
XIV" und "Baggerloch" verteilt. Die Lager waren mit Stacheldraht umzäunt
und von Marinern bewacht, die uns auch zur Arbeit begleiteten. In "Halle
XIV" waren außer uns noch deportierte Russen, einige Italiener und
Zigeuner, die gegen Ende kamen... Halle XIV unterstand drei SS-Führern,
sie wurden unterstützt von Marinern und Russen. Die Russen überwachten
das Lager innen, sie waren besser bekleidet und sicherlich besser ernährt,
denn sie schienen in guter Verfassung zu sein und setzten leicht ihre Knüppel
ein. Deutsche Wachen machten die Runde mit Schäferhunden, mehrere
von uns wurden gebissen, einen haben die Hunde in Stücke gerissen
und getötet...
Wir fühlten uns sehr elend, täglich erhielten
wir nur eine Mahlzeit, abends, wenn wir von der Arbeit kamen, sie bestand
aus einer schlechten Rübensuppe. Einmal in der Woche bekamen wir ein
Stück Brot von 500 bis 600 g mit etwas Wurst, das wir sofort aufaßen.
In der übrigen Zeit mußten wir uns mit der Suppe begnügen,
die uns oft aus beliebigen Gründen von den Wachen vorenthalten
wurde.
Was die Arbeit angeht, so haben wir immer sehr schlechte
Arbeit in den Betrieben machen müssen und auf den Werften, wo wir
oft im Wasser stehend bis zum letzten schufteten... Wir haben auch viel
unter der Kälte gelitten, weil wir während unserer ganzen Haft
nur die Kleidung hatten, die wir im Augenblick unserer Gefangennahme trugen.
Wir haben niemals Ersatzkleidung bekommen, wir hatten nichts zum Wechseln,
um unsere Wäsche zu waschen und wir waren völlig verlaust...
Eine (medizinische) Behandlung gab es nicht, ein Militärarzt
kam der Form halber wöchentlich ins Lager. Sichtbare Wunden ließ
er von einer Schwester verbinden; im übrigen konnten wir so krank
sein, daß wir uns nicht mehr aufrecht halten konnten, er sagte immer
nur: "Ihr könnt arbeiten"...
Unter den vielen Zwangsarbeitern, die bei Seebeck arbeiten
mußten, war auch der französische Widerstandskämpfer Jean
Permingeat, der am 15.August 1944 zusammen mit 400 anderen Deportierten
im Baggerloch-Lager eintraf. Er sagte: "Tagsüber mußte ich auf
der Seebeckwerft arbeiten und mit Eimer und Besen den Dreck wegmachen."
Fritz Köln arbeitete von 1935 bis 1944 bei Seebeck
in der Tischlerei. Er war 1886 in Geestendorf geboren, mit 18 Jahren trat
er in die Gewerkschaft und die SPD ein. Aus seinem Garten an der Wurster
Straße brachte er sich Obst mit zur Arbeit, schälte es
und warf die Schalen in die Hobelspäne. Als er sah, daß die
französischen Zwangsarbeiter sich später den Obstabfall aus den
Spänen suchten und aßen, brachte er in Zukunft mehr Obst mit
und legte es unter den Spanhaufen. Am 16. Oktober 1944 wurde er verhaftet
und kam in ein Arbeitslager.
Herbert Feldmann, ein Sozialdemokrat, erinnert sich,
daß die Russen halb verhungert ihre schwere Arbeit verrichten mußten.
Er nahm zwei von ihnen mit nach Hause in die Heinrichstraße 24 und
lud sie zu Kaninchenbraten ein. Sie aßen kaum. "Wir krank werden,
wenn jetzt essen", sagten sie. Sie überlebten die Lagerzeit und schickten
später Fotos aus der Heimat.
Die Zeitzeugen Krakow, Weidenhammer und Haase erinnerten
sich in dem bereits erwähnten Interview auch an die ausländischen
Zwangsarbeiter auf der Werft:
"Müller: Spätestens 1944 waren bei Seebeck zeitweilig
851 ausländische Zwangsarbeiter eingesetzt. Waren die auch im U-Boot-Bau
eingesetzt?
Günter Haase: Nein, die waren z. B. bei uns in der
Tischlerei eingesetzt. Ich bin 1942 bei Seebeck angefangen und war bis
1985 dort. Während der Währungszeit war ich mindestens 2 Jahre
raus.
Müller: Darf ich nochmal zu den Zwangsarbeiter oder
zu den ausländischen Arbeitern fragen. Franzosen, Russen waren da
ja auf der Werft während der Kriegszeit, also spätere Kriegszeit.
Können Sie sich da an was erinnern?
Haase: Ja. Wir hatten da z. B. einen Russen, der hieß
Lukas und wir haben dem auch mal was zum Essen zugesteckt, durfte natürlich
keiner sehen. Es waren ja auch Arbeitskollegen dabei, die in der Partei
waren, wie z. B. unser Meister. Aber wenn wir das konnten, haben wir das
auch gemacht. Die waren ja auch schlimm dran. Die hatten ja nichts zu essen.
Und wenn wir denn mal gedockt haben, dann waren mal so kleine Fische mit
im Dock, wenn das denn leergepumpt wurde, dann haben die sich da drum geschlagen.
Das war traurig.
Müller: Wo waren die ausländischen Zwangsarbeiter
eingesetzt?
Weidenhammer: Im Transport und bei den Reinigungsarbeiten.
Müller: Einfache Arbeiten?
Haase: Bei uns in der Tischlerei, der hat die Bude
gefegt. Die waren verteilt auf die Branchen.
Krakow: Mit diesem Fremdarbeiter-Problem. Die auf der
Werft waren, wenn wir zum Eisen- oder zum Holzlager mußten,
dort waren die eingesetzt, eigentlich immer zu untergeordneten Arbeiten.
Und im Eisenlager waren die eingesetzt, die draußen arbeiteten. Wir
hatten ganz strenge Winter. Die Fremdarbeiter waren zum Teil sehr
zerlumpt und ganz schlecht in Zeug gehalten, die Kriegsgefangenen, insbesondere
immer die Russen, die anderen Nationen nicht so.
Man sagte damals, so leid einem das heute tut,
das war das bolschewistische Untermenschentum. Das war die Nazi-Ideologie.
Die Leute, die ich im Eisenlager gesehen habe, die hatten solche Koks-Öfen.
Die Öfen wurden aufgestellt, weil bei 7-8 Grad konnten die nicht mehr
schweißen. In den Docks wurden die Koksöfen aufgestellt und
die haben uns gewärmt.
Im Eisenlager habe ich als junger Auszubildender Begegnungen
mit russischen Kriegsgefangenen gehabt. Da wurden Koksöfen für
die Leute aufgestellt, die im Eisenlager beschäftigt waren, weil
strenge Winter waren, daß die sich auch mal aufwärmen konnten.
Die standen überall. Da wurden die Platten, die in der Fertigung
gebraucht wurden, weggeholt und da mußten die ausländischen
Arbeiter Hilfsarbeiten leisten. Wenn wir jetzt von unserer Lehrwerkstatt
durch das Eisenlager mußten und zum Holzlager hin gingen, was ja
praktisch unmittelbar daneben war, das erste bevor wir ausgebombt wurden,
dann sah man diese Leute. Und ich hab auch erlebt, daß die auf solch
einem Stock ein Stück gefrorene Steckrüben hatten. Das
waren deren Rationen, die wurden ja so unterverpflegt, daß kann man
sich gar nicht vorstellen. Dann hatten sie solch ein Stück Steckrübe
auf dem Stock und saßen ganz verstört am Feuer und die Augen
guckten. Das durfte keiner sehen. Die hatten da eigentlich gar nichts verloren,
aber trotzdem, es war auch eine gewisse Loyalität zwischen uns. Weil
diese Kriegsgefangenen waren in Wirklichkeit ganz arme Schweine.
Und wir hatten ja auch nicht viel zu essen. Und ich habe oft, wenn wir
da durch gingen, von meinem Brot eine Scheibe mitgenommen und habe
die irgendwo hingelegt. Das sahen die. Die guckten dann. Aber keinen direkten
Kontakt. Das wäre schief gegangen. Das durften wir nicht. Wenn man
das gesehen hat in welchem Aufzug und wie zerlumpt die waren. Und das war
auch eigentlich der Sinn, das wissen Sie ja auch von der Nachkriegsgeschichte,
die hat man ja systematisch kaputtgemacht. Die sollten ja gar nicht überleben.
Müller: Vernichtung durch Arbeit, sagte man.
Krakow: Ja, genau.
Haase: Ich rieche das heute noch.
Müller: Sie riechen das heute noch?
Haase: Ich rieche das heute noch. Solch einen Geruch.
Die rochen so sauer. Irgendwie die ganzen Plünnen, die konnten die
ja auch gar nicht wechseln. Irgendwie hab ich das noch in der Nase.
Müller: Herr Haase, haben Sie denn noch irgend ein
besonderes Erlebnis mit den Zwangsarbeitern gehabt?
Haase: Wir hatten einen Werkboden, wenn wir Deck gelegt
haben, dann wurde das abgedichtet, wurde es kalfatert, sagt man. Dann hatten
wir einen Werkboden, dort haben wir oben gesessen, das war
ein großer Ballen. Dann mußte das erst gedreht werden, wir
haben das gezupft, dann wurde das gedreht, denn auf einen
Knüdel, dann sind wir an Bord gegangen. Da haben wir das reingeschlagen.
Und da, da hauste er dann immer, der Russe, wenn mal Pause war, denn ging
er nach oben. Dieses Zeug, das stank auch. Und da ist auch
Teer drinnen und deshalb roch er wohl auch noch ein bißchen nach
Teer und deshalb stinkt mir das wohl heute noch in der Nase."
Nach einer Liste von Borsen und Volland "Dokumentierte
Arbeitskommandos des Stalag XB" waren in Wesermünde in der Industrie
am 17.4.43 185 französische Kriegsgefangene
und am 21.4.44 18 französische und 282 Kriegsgefangene
sonstiger Nationalität eingesetzt und zwar nach Besuchsberichten des
IKRK. Ob es auch bei Seebeck zum Einsatz von Kriegsgefangenen im z. B.
U-Boot-Bau kam, ist offen. Von Bremen ist bekannt, daß
dort sowjetische Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie im Einsatz
waren.
Auf dem Friedhof Lehe III kann man noch heute die Gräber,
der in der Nazizeit umgekommenen und umgebrachten Zwangsarbeiter besuchen.
Auf diesem Friedhof liegen 85 Zwangsarbeiter begraben. Die meisten kamen
aus der Sowjetunion und Polen. Unter ihnen sind auch acht Säuglinge,
deren Mütter Frauen aus der Sowjetunion waren. Ein besonders trauriges
Kapitel unserer Stadt.
Auf Initiative von Dr. Manfred Ernst wurde am 26.05.1988
in Anwesenheit von 16 Veteranen des französischen Widerstandes Am
Baggerloch ein Mahnmal für die Opfer der Zwangsarbeiterlager enthüllt.
Mit 4.512 Arbeitenden erreichte die Beschäftigtenzahl
der Seebeckwerft 1944 den Höhepunkt.
Für das Geschäftsjahr 1944 existiert
ein Bericht des Aufsichtsrates, der auf Grund der Wirren und
der Kriegsumstände erst am 28.12.1949 auf der ordentlichen Hauptversammlung
in Bremen abgegeben oder veröffentlicht wurde. Darin steht zu lesen:
"Der zur Berichtszeit amtierende Aufsichtsrat wurde durch die Hauptversammlung
vom 31.10.1945 abberufen; der an seiner Stelle neu gewählte Aufsichtsrat
wurde mit Schreiben des Head Quarter Office of Military Government
for Bremen, Military Government Detachment BPC (PROV) vom 7.2.1946 aufgelöst.
Infolgedessen liegt kein Bericht des Aufsichtsrates für die Berichtszeit
vor." Und dem Bericht des Vorstandes entnehmen wir, daß die Firma
Fried. Krupp im Jahr 1944 mit rd. 56 % an der Deschimag beteiligt war.
11.0 Die Seebeckwerft in den letzten Kriegsmonaten
In den letzten Monaten vor Kriegsende lief die Rüstungsproduktion
auch auf den deutschen Werften auf Hochtouren. Auf Grund des Vordringens
der Alliierten litt die Materialversorgung der Werften und damit gingen
auch die Ablieferungszahlen zurück. Zwar war der U-Boot-Bau immer
noch Schwerpunkt, daneben ging es aber auch immer mehr darum, die durch
Bomben und Minentreffer ausgefallenen Kriegs- und Handelsschiffe
zu reparieren und fahrbereit zu machen.
Infolge der alliierten Bombenangriffe in den Monaten
März und April 1945 war die Hälfte der Belegschaften der Werften
in Bremen, Wilhelmshaven, Hamburg und Kiel mit der Beseitigung von Bombenschäden
beschäftigt.
Wenn man die von Dieter Albers von der Schichau
Seebeckwerft im Jahr 1994 herausgegebene Baunummern-Liste durchsieht, werden
unter den Baunummern 716- 725 U-Boote für die Kriegsmarine angegeben.
Es handelt sich hierbei um die nicht vom Stapel gelaufenen "U 807 - U 816"
vom Typ IX C40, sowie unter den Baunummern 726, 727, 728, 729, 730
und 731 die nicht begonnenen U-Boote "U 1501- 1506". Zusammenfassend kann
gesagt werden, dass während der Kriegszeit auf der Seebeckwerft
eine Vielzahl von Fischdampfern entstand, die fast alle zu Vorpostenbooten
umgerüstet wurden, Walfänger, die ebenfalls militärisch
genutzt wurden und die bereits genannten U-Boote. Daneben wurden noch zwei
Spülschuten für das Hansestadt Bremische Amt und die Hebeschiffe
"Energie" und "Ausdauer" gebaut. Daneben lebte die Werft selbstverständlich
auch zunehmend vom Reparaturgeschäft.
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