Fusion mit der Schichau- Unterweser 1988
Mit der Zustimmung der Hauptversammlungen der Schichau
Unterweser AG am 13. Juni 1988 und der Seebeckwerft AG am 14. Juni 1988
erfolgte die Verschmelzung durch Aufnahme der Seebeckwerft AG auf der Grundlage
des Verschmelzungsvertragsentwurfs vom 31. März 1988. Durch Eintragung in
das Handelsregister am 29. Juli 1988 ist die Verschmelzung im Innenverhältnis
zum 1.Januar 1988 rechtswirksam geworden. Gleichzeitig erfolgte die
Eintragung der von der Hauptversammlung am 13. Juni beschlossenen Namensänderung
in Schichau Seebeckwerft AG. Mit rund 100 Mio. DM beteiligte sich das
Land Bremen an der Umstrukturierung der Werften. Zusätzlich wurden 11,3
Millionen DM Kosten für die Fusion der Betriebe Seebeck und Schichau übernommen.
Während die SUAG 1987 einen Überschuß von 3,9 Mio. DM erwirtschaftete,
war die Auftragslage der Seebeckwerft mit einem Volumen von 131 Mio. DM eher
mager. Seebeck dagegen konnte eine stattliche Liste von Neubauten, von der
Jumbofähre bis zur Luxusjacht, vorweisen, schrieb aber 1988 rote Zahlen.
In der Bilanz fand sich ein Minus von 11,4 Mio. DM. Angesichts der
tiefgreifenden Strukturkrise im Schiffbau mußten allerdings 400 Arbeitsplätze
abgebaut werden, was die IG-Metall zu Recht kritisierte. Beide Werften verfügten
zusammen über ein Auftragspolster von 1 Milliarde DM.
Ab 1. April 1989 lag das operative Management bei zwei
Vorstandsmitgliedern: Josef Klar , verantwortlich für den Bereich
Technik und Sprecher des Vorstands, und Olaf Jörns, verantwortlich für
den kaufmännischen Bereich. Elmar Fritzsche, als Mitglied des Vorstandes, übernahm
den Querschnittsbereich "Unternehmensentwicklung" im Bremer
Werftenverbund. Konrad Weicker schied am 31. März 1989 aus dem Vorstand aus.
Dem Bericht des Vorstandes für das Geschäftsjahr 1988 ist zu entnehmen, daß
die deutschen Werften ihre Kapazitäten seit 1975 stark reduziert hatten. Die
Fertigungsstunden wurden um 75 % zurückgenommen, und die Zahl der Beschäftigten
ging um 56% zurück.
Bau des Luxus-Kreuzliners "Seaborn Pride"
Ebenfalls im Jahr 1988 wurde der Bau des Luxus-Kreuzliners
Seaborne Pride mit der B.-Nr. 1.065 begonnen. Das 133,8 m lange und 19,0 m
breite Schiff erreicht eine Geschwindigkeit von 19,3 kn. Es wurde eine Besatzung
von 130 Personen vorgesehen. Die Riesenjacht wurde für den norwegischen Made-in
Konzern gebaut, der damit die Superreichen dieser Erde zum Tagespreis von rund
2.000 DM über die Weltmeere schippern will. Sehr viel Raum steht den
Passagieren an Bord zur Verfügung . Dabei ist die "Seaborn Pride"
ausschließlich für Luxuskreuzfahrer der oberen Kategorie gedacht. Die 106
suitenähnlichen Kabinen, die alle mit Doppelbetten eingerichtet sind, haben
eine Wohnfläche von 20 qm. Dazu kommen weitere 6 qm für Bad und Ankleide. Zwei
Suiten auf der Back , die einen eigenen Balkon haben, sind sogar 50 qm groß.

Luxus-Kreuzliner "Seaborn-Pride"
Besonders attraktiv ist die Haupthalle im hinteren
Treppenhaus des Schiffes. Den Mittelpunkt bildet eine gewendelte Treppe, die
sich in der Höhe durch das ganze Schiff erstreckt. Sie zeichnet sich
durch ihre Eleganz, Transparenz und Leichtigkeit aus. Eine Glaskuppel über dem
Oberdeck und zusätzlich gerichtetes Kunstlicht erhellen das Treppenhaus so, daß
sich eine Lichtsäule bildet, die das gesamte Schiff durchdringt und durch ein
Bullauge im Schiffsboden theoretisch auf dem Meeresboden endet.
Das große Bullauge unter der Wasserlinie mit einem Durchmesser
von 1,50 m, das aus einer Bar einen ständigen Blick auf die
Unterwasserlandschaft vermöglicht, gehört zu den besonderen Attraktionen
dieses Luxus-Kreuzfahrtschiffes. Eine weitere Besonderheit ist die von
Mac-Gregor-Navire zugelieferte Marina am Heck. Über eine Heckpforte kann diese
Konstruktion ausgefahren werden. Die Steganlage umfaßt einen 6 x 6 m großen
Swimmingpool, in dem sich bis zu 30 Badegäste aufhalten können. Die
selbstschwimmende Konstruktion ist mit einem Haigitter aus rostfreiem Stahl
ausgerüstet.
Das mit 9975 BRZ vermessene Schiff ist mit großen
Stabilisator-Finnen ausgerüstet, damit es auch bei stürmischer See wie ein
Brett im Wasser liegt. Die Brücke, der Funk- und der
Maschinenraum sind nur über ein Zahlencodeschloß zugänglich. Von jedem Zimmer
aus kann mit dem Kabinentelefon per Direktwahl über Satelliten-Kommunikation
mit der gesamten Welt gesprochen werden.
Im Oktober lieferte Seebeck die damals größte Kombifähre der Welt, die "Nils Dacke", ab. Die 24.745 BRZ große und 177,20 m lange Fähre kann auf ihren drei Decks 75 Güterwaggons und 100 Trailer oder 500 Pkws transportieren.

Eisenbahn-, Lkw- und
Passagierfähre "Nils Dacke"
Danach baute die Werft den Vollfroster "Jan Maria" für die Doggerbank Seefischerei GmbH (B.-Nr. 1066) speziell für den Herings- und Makrelenfang. Das rund 39 Mio. DM teure Schiff mit Bugwulst ist 99 m lang und 18 m breit. Der hochtechnisierte Heckfänger ist das größte Fischereischiff der BRD zu dieser Zeit. Spätestens nach 4 Stunden ist der gefangene Fisch bereits an Bord verarbeitet und bei minus 28° C auf Paletten eingelagert. Es können insgesamt 5.000 t Fisch, insbesondere Heringe und Makrelen, aufgenommen und mittels einer großen Seitenpforte palettiert an die Kühlhäuser im Zielhafen abgegeben werden.

Herings-Heckfänger "Jan Maria"
Im Februar 1988 erfolgte der Umbau des Ro-Ro-Fährschiff
Sally Albatross in 6 Wochen zu einem reinen Kreuzfahrtschiff. Das 14.430 BRT große
Schiff bekam ein neues Outfit und aus den beiden Fahrzeugdecks wurde ein Saal,
der für Ausstellungen, Show, als Konferenzsaal oder auch für größere
Tagungen zu nutzen ist, während das andere Fahrzeugdeck als Lager dient. Die
Silhouette des Schiffes wurde durch schnittige Vorschiffslinien mit einer völlig
neuen Schanz verändert. 61Luxus-
Außenkabinen und 120
Luxus-Innenkabinen enstanden bei diesem Umbau auf Deck 6 und 7.
Die Schichau Seebeckwerft liefert im Januar 1989 mit dem
Combi-Carrier Robin Hood die größte kombinierte Eisenbahnfähre der Welt ab.
Es handelt sich um den Nachbau der "Nils Dacke". 280 Passagiere können
in Kabinen mit Duschen und WC untergebracht werden. 2.200 Lademeter für Trailer
und Laster können auf den drei Decks der "Robin Hood" benutzt werden.
Auf dem untersten Frachtdeck wurden 6 Parallelgleise eingebaut. Auf einer
Schienenlänge von 910 m können 75 Waggons befördert werden. Über die
Heckrampe fahren Pkws, Laster und Trailer auf das untere Frachtdeck und gelangen
von hier über die klappbaren Rampen, die für ein besonders flexibles
Beladen wahlweise an der Vorder- und Hinterkante angelenkt werden können,
auf die beiden Frachtdecks.
Im gleichen Jahr wurde das bisher größte gebaute Fährschiff,
die Olau Hollandia (35.000 BRT) mit einer Länge von 161 m und 29 m Breite
abgeliefert. Der Neubau wird 1.600 Passagiere in 423 Kabinen mit Dusche
und WC und 13 Economy-Abteilen befördern. An Fracht können hier 118 Trailer
oder - bei Nutzung der Hängedecks - bis zu 575 Autos transportiert werden. Als
die Fähre im September die Werft verließ gab es noch einige Aufregung. Die
Doppelschleuse des Fischereihafen ist nämlich nur 29,92 m breit und die Fähre
hat schon eine Breite von 29,823 m. Die Nordsee-Zeitung schrieb dazu :
"Weißer Riese hat beim Schleusen nur neun
Zentimeter Spielraum
Seebecks größtes Schiff "Olau Hollandia heute als Pfropf in der
Doppelschleuse
Zwei Finger breit gleich viereinhalb Zentimeter sollen an der
Backbordseite, zwei Fingerbreit an der Steuerbordseite verbleiben. Mehr Manövriermasse
steht nicht zur Verfügung, wenn der größte Schiffsneubau die Schichau
Seebeckwerft AG verlassen wird."
Am 3. April 1989 wurden dann die ersten vorgefertigten Sektionen
für die Eisenbahn-Güterfähre Railship III im Baudock auf Kiel gelegt.
Ebenfalls im Jahr 1989 wird die Olau Britannia vom
Stapel gelassen. Mit 188 Besatzungsmitgliedern wird sie in sechs Stunden die 123
Seemeilen von Vlissingen nach Sheerness fahren, mit bis zu 575 Autos im Bauch.
Den Fahrgästen wird ein Höchstmaß an Komfort geboten mit Konferenzräumen,
Cafe` und Spezialitätenrestaurant, mit Kinderparadies und Kino, Schwimmbad und
Supermarkt, mit Boutiquen Galerien und Arkaden.
Im November 1989 lieferte die Werft den Nachbau der "Seaborn
Pride", das Kreuzfahrtschiff Seaborn Spirit, an den
norwegischen Reeder Atle Brynestad ab. 212 Passagiere können auf dem 133,8 m
langen und 19,0 m breiten Luxusschiff in den 106 Doppelkabinen untergebracht
werden. Jede ist 27 qm groß. Auf der Horizontal-Lounge kann sich jeder
Passagier als Kapitän fühlen und auf einem Monitor das Radar-Bild,
die Geschwindigkeit, Wassertiefe und Windstärke beobachten.
Das US-RoRo-Landungsfahrzeug "Jaeger" (785 BRT) wurde
zu einem Surimi-Verarbeitungsschiff umgebaut. Der Roro-Frachter wurde bis
auf den Doppelboden und etwas Außenhaut verschrottet. Mit dem Rumpffragment erfüllt
die SSW die Bedingung der US-Regierung, daß Fischereifahrzeuge nur dann ihren
Fang in amerikanischen Häfen löschen dürfen, wenn sie in den USA gebaut oder
umgebaut worden sind. Auf dem Doppelboden und zwischen den Resten der Außenhaut
baut die Werft nun in einem Jahr ein Fischereischiff. Die Reederei will das
Schiff vor Alaska einsetzen, um Weißfische zu fangen, die zu Surimi verarbeitet
werden. Die Silhouette des Schiffes hat sich völlig verändert.
Sie wird der von SUAG und Rickmers gebauten "Bremen"-Trawlerklasse ähneln.
Neben normalen Fischfangeinrichtungen mit Winden und Heckaufschleppe bildet die
Surimi-Verarbeitung den Schwerpunkt.
Das neues Ausrüstungszentrum
1989 begann die Schichau Seebeckwerft damit
eine im Rahmen des Werftenverbundes abgestimmte Investition in die Tat
umzusetzen. Der erste Bauabschnitt im Rahmen des Gesamtplanes, nämlich der Bau
einer Schlosserei-Halle, war bereits abgeschlossen. Der Bau eines modernen Ausrüstungszentrums
wurde im Dezember 1989 mit dem Richtfest begonnen. Die SSW wollte mit einer
Investition von etwa 40 Mio. DM die innerbetriebliche Logistik, den
Fertigungsablauf und die Energieerzeugung so rationalisieren, daß sie
sich wieder der Spitzengruppe hochtechnisierter Schiffbaubetriebe zurechnen
konnte. Das Zentrum besteht aus einem Zentrallager mit vollautomatischem
Hochregal- und Kassettenlager, Werkstätten, einem
Bereitstellungsterminal sowie dem Sozialbereich. Der Bereitstellungsterminal ist
mit verschiebbaren Dächern ausgestattet, die den direkten Zugriff der
Pierkrane auf die bereitgestellten Zulieferteile ermöglichen, somit kann der
Kran Teile in einem Hiev zur Montage auf die im Bau befindlichen Schiffe setzen.
Die Arbeit der Werker auf dem Helgen und im Baudock soll
sich ändern. Wege zum Materiallager sollen zukünftig entfallen. Herzstück des
neuen Ausrüstungszentrums ist das Zentrallager. Das Zentrallager ist zwölf m
hoch und zwei Fußballfelder groß.
In Zukunft wird sich nicht mehr der Mann zur Ware bewegen,
sondern das Material zum Mann. Ein datenverarbeitungs-gesteuertes Lagerführungssystem
soll einen optimierten Warenfluß ermöglichen. Die elektronisch gesteuerte Förderanlage
bringt die Teile auf die Bereitstellungsebene, wobei eine Automatik das
Gewicht und die Konturen der Ware kontrolliert. Zur festgesetzten Zeit soll die
Gitterbox an den Arbeitsplatz des Werkers gefahren werden.
Anläßlich des Richtfestes bedankte sich Werftdirektor Josef
Klar bei Wirtschaftssenator Uwe Beckmeyer für die 25 Mio. DM öffentliche Förderung
zur Strukturverbesserung .
Railship III
Im Frühjahr 1990 wird die "Railship III" abgeliefert.
Sie ist 189,7 m lang und mit rund 2.000 m nutzbarer Gleislänge - das sind etwa
95 Eisenbahnwaggons von 20 m Länge - das größte Dreideck-Eisenbahnfährschiff
der Welt. Gegenüber "Railship II" wurde das neue Schiff um 3,2 m verlängert.
Dadurch wurde es möglich, die Drehbühne im unteren Deck zu verlängern. So
kann auch die "Railship III" Eisenbahngüterwaggons auf drei Decks mit
je fünf Gleisen aufnehmen. Die Waggons werden über einen doppelstöckigen
Lastenfahrstuhl mit Mini-Loks und Drehbühnen auf das obere und untere Deck auf
die jeweils fünf Schienenspuren verteilt.
Während der Probefahrt am 23.02.1990 herrschte bis Windstärke
9 (äußerst schwere See), die die Deutsche Bucht so aufwühlte, daß sechs m
hohe Wellenberge entstanden. Beim Einleiten eines Wendemanövers entstand
an Bord ruckartig 35 Grad Schlagseite. Bei einem solchen Winkel kann sich
niemand mehr an einer Tischkante festhalten. Moderne Schiffe richten sich auch
nach einer Schräglage von 45 Grad wieder auf. Was bei einer solchen Schräglage
nicht verankert ist, rutscht weg. Die Insassen in Kabinen konnten sich noch am
ehesten festkrallen. Sie stürzten auch nicht so weit.
Der breiteste Raum ist die Brücke. Der 60jährige
Steuermann aus Cuxhaven und ein 52jähriger Funkdiensttechniker aus Misselwarden
fielen fast über die gesamt Länge des 22 m langen Raumes. Sie erlitten tödliche
Verletzungen. Nachdem die Fähre wieder die Horizontale erlangte, glich sie
einem Lazarettschiff. Knochenbrüche, Blutergüsse, Hautverletzungen und
Prellungen mußten behandelt werden. Es entstand ein Schaden von über
eine Mio. DM.
Bei den Betriebsratswahlen im April 1990 wurde mit knapper
Mehrheit der Schiffbauer Holger Pflaumbaum (32) zum
Betriebsratsvorsitzenden der 2.400 Beschäftigten starken Belegschaft gewählt.
Im Mai liefert die SSW die ´"Olau Britannia" an
die Hamburger Olau Linie ab. Das mit 33.500 BRZ vermessene Schiff ist 161
m lang, 47 m hoch und 20 m breit. Die Fähre, die für 1.600
Passagiere und 575 Autos vorgesehen ist, wird zwischen dem niederländischen
Vlissingen und dem britischen Sheemess verkehren.
In der gleichen Zeit lief das Containerschiff Contship La
Spezia unter Mitwirkung von TV-Master Rudi Carrell und Taufpatin
Barbara Bengsch vom Stapel. Das Containerschiff wurde im Oktober übergeben
und kann 1.597 20 Fuß-Containereinheiten tragen. Zwei Monate später
wurde der baugleiche Typ (BV1600) unter dem Namen Contship Jork an
die Reederei ausgeliefert. Im Juni erfolgte an der Columbuskaje die Taufe des
Containerfrachters Contship Sydney, das für die Münchner Conti-Reederei gebaut
wurde. Für die Produktion dieses modernsten Schiffes wurden 350.000
Arbeitsstunden investiert und 1.400 Detailpläne entworfen.
Die ordentliche Hauptversammlung der SSW fand am 23. August
1990 im Nordsee-Hotel Naber, Bremerhaven, Theodor-Heuss-Platz 1, statt.
Der Bericht des Vorstandes skizziert den Anteil der führenden Schiffbauländer
Japan und Korea mit zusammen 64%. Beide Länder nahmen einen entscheidenden
Einfluß auf das Marktniveau. Beide Länder versuchten insbesondere in Europa mit
Kampfpreisen in den Markt für Spezialschiffe einzudringen. "Dieses
Verhalten ist die Hauptursache dafür, daß die europäischen Werften z. Z. noch
keine kostendeckenden Preise durchsetzen können."
Dies hat wohl auch unter den Kleinaktionären eine gewisse
Unzufriedenheit entstehen lassen. Jedenfalls gab es Gegenanträge von einem
Hamburger Kaufmann, der forderte, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten.
Joachim Mißfeldt schrieb damals u. a.: "Die anwesenden Aktionäre werden
daran erinnert, daß der Vorstand bereits seit mehreren Jahren auf den
Hauptversammlungen verspricht, künftig kostendeckende Aufträge hereinzuholen.
Obwohl die Werft in den letzten Monaten des Jahres 1989, wie auch zu Anfang des
Jahres 1989, vollbeschäftigt war und sogar teilweise im Mehrschichtenbetrieb
arbeitete sowie lukrative Neubauaufträge abgelehnt hat, konnten immer
noch keine positiven Ergebnisse aus dem operativen Bereich erwirtschaftet
werden."
Auf der Hauptversammlung im August wurde bekannt gegeben, daß
ein Auftragsbestand von 800 Mio. DM existierte und daß der Bremer Vulkan
rund 75 Prozent des 16 Mio. DM betragenden Aktienkapitals der SSW hält.
Im Geschäftsjahr 1989 wurde die Belegschaft von 2.798 auf
2.466 Personen reduziert. In den technischen und käufmännischen Büros
wurden in verstärktem Maße Bildschirm-Arbeitsplätze eingerichtet und verbund-
einheitliche Software eingeführt. Das
CAD/CAM-Trainingszentrum der Werft wurde mit acht Arbeitsplätzen eröffnet.
Computereinsatz bei der Entwicklung, Konstruktion und Fertigung von Schiffen gab
es schon. Mit der neuen Software von der Hamburger Firma Schiffko können
Mitarbeiter aus der Konstruktionsabteilung sich Daten aus dem
Vulkan-Werftenverbund auf den Bildschirm rufen und weiterverarbeiten. Vernetzung
in der Datenverarbeitung wird möglich. Nur mit Tastatur und Maus wird an
farbigen Bildschirmen gearbeitet, und alle Konstruktionsdetails können als
dreidimensionales Produktmodell bearbeitet werden. Die Einrichtung für die
neuen Kanalfähren von P & O wurden bereits auf dem neuen System entworfen.
Neue Berufe
Die alte Schiffbauertradition mit der Knuffarbeit auf den Schweißergerüsten
besteht zwar nach wie vor. Aber am Rande der Montageplätze entwickeln sich
immer mehr hochtechnisierte Arbeitsplätze, die denen z.B. in
Maschinenfabriken ähneln. Entsprechend haben sich auch die Berufsbezeichnungen
gewandelt. Man lernt jetzt Industriemechaniker, Fachrichtung Maschinen-
und Systemtechnik; Anlagenmechaniker, Fachrichtung Apparatetechnik;
Konstruktionsmechanik, Fachrichtung Metall und Schiffbau oder Holzmechanik,
Fachrichtung Möbel und Gehäuse.
Im November nahm die Schichau-Seebeckwerft ein neues
Blockheizkraftwerk (BHKW) in Betrieb, das bei einer Bauzeit von knapp einem Jahr
3,5 Mio. DM gekostet hatte. Einen Monat später wird nach der Finanzierung des
Ausrüstungszentrums und dem Bau des Blockheizkraftwerkes nun das
Eigenkapital von 16 auf 24 Mio. DM aufgestockt.
Demonstrationen gegen den Abbau der Werftenhilfe
Das deutsche Forschungsschiff "Sonne" wurde für 50-60
Mio. DM bei Seebeck umgebaut. Die Umbaumaßnahmen umfassen eine Verlängerung um
10,8 m, die Erneuerung der Aufbauten und die Modernisierung der Einrichtungen
und Laboratorien. Dem ehemaligen Fischereifabrikschiff werden neuartige
Systeme zur Lagerstättenforschung eingebaut. Es werden "air guns"
eingebaut, mit denen man durch Luftdruck Schallwellen auslöst, die vom
Meeresboden reflektiert und aufgezeichnet werden. Aus diesen
Aufzeichnungen sind Rückschlüsse auf die Sedimente und mögliche Öl-
und Erzvorkommen möglich. Im Schiffsboden wird ein Fächer-Echolotsystem
eingebaut, mit dem eine genaue Kartierung des Meeresbodens möglich ist. Ein
dynamisches Positionierungssystem wird mit Hilfe eines unter dem Vorschiff
angeordneten Wasser-Jets das Schiff auf Position halten.
Im April 1991erfolgte der Stapellauf der Jumbo-Frachtfähre "European Seaway", die bei einer Vermessung von 21.600 BRZ die größte RoRo-Frachtfähre im Ärmelkanal sein wird. Mit einer Reisegeschwindigkeit von 21 Knoten werden die "European Seaway" und ihre Schwestern 120 Lastzüge von 15 m Länge in weniger als vier Stunden zwischen Belgien und England befördern können und dabei bis zu 200 Passagieren komfortable Bordeinrichtungen bieten.
Am 21. Mai 1991 demonstrieren 1.500 Arbeitnehmer der Werft in
der Georgstraße gegen die Streichung der Werfthilfen durch die
CDU/FDP-Bundesregierung. 300 Werftarbeiter der Motorenwerke und 500 Kollegen der
Lloyd-Werft folgten ebenfalls dem Aufruf der IG-Metall. Auf der Kundgebung auf
der Georgstraße sagte Detlef Meyer, Leiter des Vertrauensleutekörper der SSW,
die Werft habe fest mit Auszahlung von 20 Mio. DM Schiffbauhilfe gerechnet. Ohne
sie gebe es keine Anschlußaufträge mehr.
Im April 1991 gab der Vorstand seinen Geschäftsbericht für das
Jahr 1990 ab. Der Bericht führte aus, daß die Bundesregierung ein 450 Mio. DM-
Wettbewerbshilfeprogramm mit einer Höchstbegrenzung für Beihilfen
an westdeutsche Werften von 14 % auf 9,5 % reduziert hatte. Die fünf
ostdeutschen Seeschiffswerften hatten Ende 1990 mit ca. 30.000 Mitarbeitern,
etwa ebenso viele Beschäftigte wie die 25 im Schiffsneubau tätigen
westdeutschen Werften. Sie erreichten jedoch nur 40% der westdeutschen
Ablieferungstonnage.
Zur Lage der Schichau Seebeckwerft AG wurde berichtet, daß
seit 1988 die Fertigungsstunden um 30% heruntergefahren wurden. Die
Rationalisierung im Bereich Ausrüstung und Logistik wirkte sich positiv auf die
Gewinnsituation aus. Die Ablieferungen im Jahr 1990 bestanden aus zwei
Spezialschiffen, nämlich den Fähren "Olau Britannia" und "Railship
III" sowie drei hochtechnisierten Containerschiffen für die
Contship-Reederei. Die Belegschaft wurde um 204 Mitarbeiter auf 2.262 Personen
reduziert. Bei der EMIT GmbH wurden neue Fährschiffsvarianten, als
Reaktion auf den sich verändernden Markt, entwickelt und zwar handelte es sich
um die Weiterentwicklung eines Luxus-Kreuzfahrtschiffs für 262 Passagiere.
Am 30. August 1991 demonstrierten erneut 4.000 Arbeiter und
Angestellte gegen den Abbau der Werftenhilfe. Während der Kundgebung in der
Stadthalle schlug Staatssekretär Bernd Neumann (CDU) und FDP-Fraktionsgeschäftsführer
Manfred Richter eine Welle von Aggressivität entgegen. Mit Transparenten,
Signalhörnern, Trommeln aus Blecheimern, Buhrufen, Pfiffen und Pappnasen
machten die Werftarbeiter ihrem Unmut und ihrer Enttäuschung Luft.
Anfang Oktober 1991 wurde die "European Seaway" an die
Fährgesellschaft P & O European Ferries ausgeliefert. Auf dem 179,4 m
langen und 27,8 m breiten Schiff wurde die erforderliche Frachtkapazität auf
den beiden Decks mit 1925 Lademetern für Laster und Trailer geschaffen. Maßstäbe
setzen soll der Neubau, der nach den neuesten Sicherheitsvorschriften
konstruiert wurde. Daß es Kontrollen für den Verschluß der Bugpforte gibt und
auch Fernsehkameras für die Beobachtung der Frachtdecks, versteht sich von
selbst. Die Schiffsstabilität wurde nach den erheblich strengeren Vorschriften
zur Kentersicherheit neu berechnet. Die Frachtfähre hat eine Tragfähigkeit von
7.550 t und die 22.986 BRZ.
Einen Luxusliner der Spitzenklasse übergab die SSW im Februar
1992 an die Royal Viking Line. Die mit 135 m Länge und 19 m Breite Royal
Viking Queen ist genauso groß wie die "Seaborn "-Schiffe, hat aber
eine andere Innenausstattung. 200 Passagiere werden in Luxus-Suiten verwöhnt
oder können von der am Heck ausfahrbaren Marina aus Wasser-Ski-Fahrten oder
Tauchgänge machen. Insgesamt 600.000 Arbeitsstunden stecken in dem
Neubau, der unter der Baunummer 1071 firmiert. Das sehr schnittige Schiff
erhielt durch filigrane Elemente mit Fensterbändern und am Heck ein
Yacht-Design verpaßt. Mit einem Tiefgang von nur 7 m kann das Schiff auch Flüsse
hinauffahren, vor deren Mündungen andere Kreuzfahrtschiffe ankern müssen.
Die norwegische Reederei hat für den Luxus-Kreuzfahrer 140 Mio.
DM bezahlt. Die "Queen" bietet bis zu 212 Passagieren in 100 Außenkabinen
und sechs Suiten mit Balkon Platz. 2.000 DM kostet eine Suite für zwei
Personen. Zur Ausstattung gehören raumhohe Fenster, Schlafzimmer, Eßzimmer,
begehbarer Kleiderschrank und ein Marmorbad.
Ein Kühlschiff-Neubau namens Chiquita Bremen mit der B.-Nr. 1098 wurde im April ausgedockt. Aus Beschäftigungsgründen wurde der Bau dieses Schiffes innerhalb des Werftenverbundes von Bremen nach Bremerhaven verlagert.

Kühlschiff "Chiquita Bremen"
Der 153,53 m lange und 23 m breite Neubau mit einer Tragfähigkeit von 6.300 t für Bananen bei 7m Tiefgang und einer Containerkapazität von maximal 76/ 40`-Einheiten (FEU) an Deck oder insgesamt 91/ 40`-Einheiten. Die vier Ladekühlräume mit acht Temperaturzonen zwischen +12° Celsius für Bananen bis -30° Celsius für Tiefkühlware haben ein Volumen von 16 000 qm3 und fassen von den immer gebräuchlicheren Paletten 5.200 Stück mit je 48 Bananenkartons.
Am 27. Mai 1992 fand im Nordsee-Hotel Naber in Bremerhaven
die ordentliche Hauptversammlung der SSW statt. Die Lage der Werft wird im
Bericht des Vorstands beschrieben. Es heißt dort, man habe durch Investitionen,
die das "Prinzip der kurzen Wege" zum Ziel hatten, Produktivitätssteigerungen
erreichen können. Dem wirkte die stufenweise Reduzierung der Wettbewerbshilfen
auf nun noch max. 9.5% entgegen. Der Bericht erwähnt, daß von der Werft 1991
zwei RoRo-Frachtfähren und ein Containerschiff abgeliefert wurden.
Im Geschäftsbericht für das Jahr 1991 wird angegeben, daß die
SSW mit 2.369 Mitarbeitern einer der großen Arbeitgeber in der
Elbe-Weser-Region ist und im vergangenen Jahr einen Umsatz von 546 Mio. DM
machte. Die Gewinn- und Verlustrechnung schloß mit einem Minus von
2,8 Millionen DM. Die Werftenhilfe betrug nur noch 9,5 Prozent. Die Mitarbeiter
des Schiffbauplatzes an der Geeste wurden in die Geeste Metallbau GmbH
ausgegliedert. Dieser Betrieb gehört zum Vulkan-Verbund, und zwar zu jeweils
einem Drittel dem Bremer Vulkan, der Lloyd Werft Bremerhaven GmbH und der
SSW.
Im Mai lief die Kombi-Fähre "Pride of Burgundy"
(22.986 BRT) vom Stapel. Die ursprünglich als Ro/Ro-Fähre geplante, rund
200 Mio. DM teure Fähre wird auf Grund einer kurzfristigen Entscheidung der
britischen Reederei P & O European Ferries nun als Kombi-Fähre
fertiggestellt, um sowohl als beidseitig beladbare "Roll-on/Roll-off"
Frachtfähre zwischen Zeebrügge und Dover als auch als Fährschiff auf
der Strecke Dover-Calais zu verkehren.

"Pride of Burgundy"
Die 180 m lange und rund 28 m breite Kombi-Fähre kann mehr
als 1.320 Passagiere und 120 Lastzüge (Trailer) oder 600 Pkws bei einer
Reisegeschwindigkeit von 21 Seemeilen in der Stunde transportieren. Um den
Überfahrten den Charakter einer Mini-Kreuzfahrt zu geben, stehen den
Passagieren neben 41 Zweibettkabinen und 38 weiteren mit einem zusätzlichen
Pullman-Bett insgesamt 196 Plätze zur Verfügung. Zur Dämpfung der
Seegangsbewegungen wurden zwei einziehbare Flossen-Stabilisatoren mit je 14 qm
eingebaut und auch eine Krängungsausgleichanlage sowie zur Verbesserung der Manövrierfähigkeit
zwei 1200-kW-Bugstrahlruder.
Im Juni wurde die European Highway als dritte Einheit einer
Vierer-Serie an die britische Gruppe P&O European Ferries
abgeliefert.

"European Highway"
Bei einer Länge von 180 m, einer Breite von 28 m und
21 200 BRZ kommt die Jumbo-Fähre auf eine Geschwindigkeit von 21 Knoten.
Vor 3 Jahren begann die Werft damit für 25 Mio. DM ein Ausrüstungszentrum
zu bauen, an dem nun zwei Neubauten zwischen Stapellauf und Probefahrt liegen können.
Die neue Ausrüstungskaje liegt vor dem Ostdock. Die Kranbahn brauchte nur
um 180 auf 440 m verlängert zu werden, und es war ein zweiter Ausrüstungsplatz
vorhanden. Da die ausgerüsteten Schiffe tiefer eintauchen als die Rohbauten, mußte
die Werft den Drempel des Ostdocks 80 cm absenken.
Werft-Geschäftsführer Dr. Jürgen Gollenbeck sieht in der Umwandlung des
Ostdocks auch die Erfüllung einer Strukturvorgabe: Die Werft hat nun einen
Schiffbauplatz weniger.
Auch die rund 100 Schiffbaukonstrukteure der Werft müssen neu
lernen. Das Computerzeitalter geht auch am Zeichenbrett nicht vorbei. Mit Hilfe
moderner dreidimensionaler Computersimulation werden die Schiffe geplant. In
einem fünfwöchigen Lehrgang werden die Schichau Seebeck-
Konstrukteure auf die
Bildschirmarbeit vorbereitet- und selbst nach diesem Studium wird an tatsächlichen
Arbeitsaufträgen der Computereinsatz geprobt. Mittlerweile sind 46
Konstrukteure in die neueste Technik eingearbeitet, und bis 1995 will die Werft
alle Konstrukteure weitergebildet haben.
Versuche, die Nebenfertigung der Werften soweit auszuweiten, daß
Arbeitsplätze im Schiffbau reduziert werden können, sind gescheitert. Überlebt
hat die Seebeck Technoprodukt GmbH. Die Fertigung von Brennmaschinen ging nach
dem Verbund von Schichau zu Seebeck Technoprodukt über, die sich 1985 aus dem
Maschinenbau der Seebeckwerft entwickelt hatte.
Die Zahl der Mitarbeiter von Seebeck TechnoProdukt liegt heute
wie vor acht Jahren bei 180, obwohl das Unternehmen die Brennschneide-
Produktion von Schichau (50 Beschäftigte) und von Mentool
Industrie-Leicht-Handling GmbH aus der Van-Heukelum-Straße (12 Mitarbeiter) übernommen
hat. Der Umsatz bewegt sich bei 20 Mio. DM. Von den übrigen Verbundbetrieben
unterscheidet sie sich durch ein Programm, das der Industrie komplette Problemlösungen
vom Entwurf, über die Fertigung bis hin zur Wartung bietet. Dazwischen
werden Serienprodukte, wie Sicherheitsschlepphaken mit Fernbedienung, Fräsen,
Brennschneidemaschinen, Pressen und Biofilter angeboten, die sich selbst
entsorgen können.
Im Dezember 1992 führte die verspätete und gleichzeitig gekürzte
Wettbewerbshilfe bei der Schichau Seebeckwerft zu leeren Auftragsbüchern. Der Betriebsrat forderte vom Vulkan Investitionen für den Standort Bremerhaven,
dazu gehöre die Vergrößerung der Doppelschleuse.
Die "Contship France" wurde Anfang 1993 an die Conti Reederei übergeben. Beim Stapellauf erlaubte sich die Werft den Scherz, statt "France" mit Klebestreifen "Contship Franz" an den Bug des Neubaus zu schreiben. Der Geschäftsführer der Conti-Reederei heißt Dr. Franz Wagner.
Ebenfalls am 20.02.1993 lief die Contship Asia mit der B.-Nr. 1079 vom Stapel. Dabei handelte es sich um Containerschiffe des Typs BV 1600 mit 16.236 BRZ bei einer Länge von 164,05 m und einer Breite von 27,5 m, die Platz für 1597 Container TEU haben, 618 unter und 981 an Deck.

"Contship Asia"
Für 70 Container stehen Kühlanschlüsse zur Verfügung.
Ende Februar 1993 setzte der Schwimmkran "Enak" das siebenstöckige Brückenhaus
auf den Frachter . Die Hauptmaschine für den Neubau holte der "Enak"
im März vom Bremer Vulkan ab; sie wiegt 360 Tonnen.
Am 17. März 1993 demonstrierten ca. 1.500
Werftarbeiter der Schichau Seebeckwerft und der Lloyd Werft gegen den Abbau von
Sozialleistungen, Einkommensverluste und die drohende Tarifspaltung in den neuen
Bundesländern.
Die im Januar 1993 von der Bundesregierung beschlossene
Streichung zusätzlicher Wettbewerbshilfen für die Werften ist rückgängig
gemacht worden. Es werden nun doch 83 Mio. DM für eine Verlängerung bis
Ende 1994 bereitgestellt. Zusammen mit der Beteiligung der Küstenländer werden
die Werften damit rund 166 Mio. DM weitere Fördermittel erhalten. Mit den
Beihilfen können bis zu 7,5 Prozent des Auftragswertes subventioniert werden.
Heinz Ache, der Vorsitzende des Schiffbauverbandes, sagte:"
Wir gehen davon aus, daß der Schiffbau in etwa zwei bis vier Jahren auch ohne
Wettbewerbshilfen auskommt und auf eigenen Beinen steht - vorausgesetzt, daß
wir bis dahin international klare Wettbewerbsverhältnisse haben und es nicht zu
neuen Turbulenzen kommt."
Am 4. Juni 1993 fand die ordentliche Hauptversammlung der SSW im
Nordsee-Hotel Naber in Bremerhaven statt. Dem Geschäftsbericht für das Jahr
1992 entnehmen wir die Zusammensetzung des Vorstandes: Elmar Fritzsche, Dr. Jürgen
Gollenbeck, Günter Smidt, Hans Tempel.
Im Geschäftsbericht wird zur Ertragslage ausgeführt, das im
Berichtsjahr abgeschlossene vierjährige Sonderinvestitionsprogramm mit
Schwerpunkt "Ausrüstungs und Logistikzentrum" einschließlich
peripherer Anlagen konnte sich erstmals in 1992 in voller Breite bewähren. Mit
dem Bauprogramm waren Helgen und Baudock nahezu ausgelastet. Die SSW steigerte
ihren Umsatz um 7% auf 453 Mio. DM. Die Belegschaft blieb mit 2.300 Personen
relativ stabil. Infolge der Unterbeschäftigung in den
Reparaturbetrieben und im Konstruktionsbereich, aber auch anderer Faktoren,
ergab sich ein Fehlbetrag von 3,2 Mio. DM. Aufsichtsratsvorsitzender Josef Klar
teilte mit, daß die Bremer Vulkan Verbund AG 83% des Grundkapitals der SSW hält.
Im Markt für Kreuzliner hatte die SSW das Problem, wegen der
Schleusenbreite im Fischereihafen nur Schiffe bis zu 29 m Breite bauen zu können.
Die maximale Breite des Panamakanals setzt hier Neubaumaßstäbe.
Vorstandsmitglied Dr. Jürgen Gollenbeck schätzte das potentielle
Auftragsvolumen, das zwischen den beiden Größenordnungen liegt, auf 20%.
Die Schichau Seebeckwerft kann auf Grund ihrer geographischen
Lage, sie liegt hinter der Fischereihafen-Doppelschleuse, nur bis zu einer
maximalen Schiffsbreite von 28 m bauen. Im April 1993 erstellte die Münchner
Ingenieurgesellschaft Dorsch-Consult ein Gutachten für den Bremer
Wirtschaftssenator. Darin werden die Investitionen für eine neue, größere
Schleusenkammer, die parallel zu den bestehenden entstehen soll, auf 193 Mio. DM
geschätzt ( nach heutigen Preisen). Eine solche größere
Fischereihafen-Schleuse ist für die Werft existenzwichtig, da die jetzige
Schleusenbreite ihre Produktionspalette erheblich einschränkt.
Im April 1993 berichtete die Regionalpresse wieviele
Schiffneubau- und Reparaturaufträge an den West-Werften vorbeiliefen und
bei den subventionierten Ost-Werften landen. Aber, die Schichau-Seebeckwerft
konnte doch einen Auftrag aus den neuen Bundesländern an Land ziehen. Vom
Wasser- und Schiffahrtsamt Magdeburg erhielt sie den Auftrag, den Flußbagger "Rosslau"
bis Ende April zu überholen.
Im Juni 1993 lief die Contship Pacific für die Reederei
Conti-Gruppe (München) vom Stapel. In einer Bauzeit von 160 Tagen wurde der
1684 Container tragende Frachter fertiggestellt. Es war das sechste Modell der
Erfolgsserie BV 1600.
Auf der ordentlichen Hauptversammlung der Bremer Vulkan Verbund
AG am 22.06.1993 berichtete Vorstandsvorsitzender Friedrich Hennemann, Schiffbau
gehöre zu den Wachstumsmärkten. Der Konzern machte 1992 einen Gewinn von 75,4
Mio. DM. Die goldenen Eier kamen allerdings vorwiegend aus der zugekauften
Elektronik-Branche. Die Lloyd Werft Bremerhaven erzielte einen Gewinn von 2,9
Mio. DM. Die SSW schrieb mit 3,4 Mio. DM rote Zahlen. Bei der ehemaligen Tochter
Seebeck Techno Product liefen die Verluste mit 3,7 Mio. DM noch größer auf.
Auch die Geeste Metallbau Bremerhaven spürte mit einem Verlust von 42.000 DM
die Auftragslücken im Schiffbau.
Im August 1993 mußte die Werft wieder Kurzarbeit
praktizieren, es gab keine Bauaufträge. Die Angst um die Arbeitsplätze ging
um. Im Wirtschaftsausschuß teilt die Werftleitung dem Betriebsrat mit, daß man
Kapazitäten abbauen wolle. Es handele sich um Planungsansätze zur Rückführung
der Kapazitäten an die Gegebenheiten des Marktes. Die Eckdaten der geplanten
Strukturmaßnahmen sahen so aus, daß im Neubau die jährlichen
Fertigungsstunden von 2 Mio. auf 1,5 bis 1,8 Mio. Stunden zurückgefahren werden
sollten. Im Bereich Reparatur sollten die Fertigungsstunden von 400.000
auf 250.000 Stunden geschrumpft werden. Einer der beiden Reparaturbetriebe
sollte geschlossen werden. Daraus resultierend plante der Vorstand eine
Anpassung des Personalstandes. Weiter geplant war eine Senkung der Gemeinkosten.
Gegen diesen Arbeitsplatzabbau demonstrierte die Belegschaft am
6. August 93 mit 2.000 Demonstranten. Die Angst der Arbeiter ging dahin, daß
sie befürchteten, daß mit dem beabsichtigten Bau einer Werft Meerestechnik
Wismar für 0,5 Mrd DM durch den Vulkan, der Werftstandort Bremerhaven
aufgegeben werden sollte. Dort plant der Vulkan den Bau einer der
modernsten Werften der Welt. In der Presse wurde Hennemann zu Recht kritisiert.
Er rüste die Meerestechnik Wismar mit einer halben Millarde DM auf, um den
Kampf mit den Giganten Japan und Korea aufzunehmen, vergesse dabei aber, daß
der Vulkan seine Kraft immer noch aus den öffentlichen Mitteln des Landes
Bremen sauge. Es mache keinen Sinn, einen hart umkämpften Markt für Tanker und
Bulker erobern zu wollen, wenn dabei ein bereits eroberter Markt verlore gehe.
Auf dem Spezialistenmarkt für Kreuzliner und Fähren hat Schichau Seebeckwerft
bislang einen guten Platz.
Betriebsrat und Vertrauensleute der SSW kritisierten, daß der
Vulkan zwar bereit sei 500 Mio. DM in die Neuerwerbung MTW zu investieren,
gleichzeitig aber Entscheidungen über erforderliche Investitionen hinter der
Doppelschleuse hinauszögere. Vordringlich wäre ein Dock, in dem Schiffe bis
zur Panmax-Breite von 32 m gebaut werden könnten.
Schiffahrtsexperten sprachen wieder einmal davon, daß die
Werft das Jahr 1994 nicht überleben würde.
Nach Protesten und Forderungen aus der Belegschaft versprach Dr.
Jürgen Gollenbeck ein Ingenieurbüro mit der Planung eines Panmax-Docks zu
beauftragen. Für den Schleusenausbau als Voraussetzung zum Dock-Bau setzten
sich auch der Magistrat von Bremerhaven und die die oppositionelle CDU ein.
Ende August 1993 wurde eine Studie des Beratungsunternehmens
Roland Berger & Partner veröffentlicht, die im Auftrag des Verbandes für
Schiffbau und Meerestechnik erstellt wurde. Diese Studie enthält eine Reihe von
interessanten Aussagen. Zunächst einmal wird prognostiziert, ab 1995 sei mit
einem Aufwärtstrend durch eine wachsende Nachfrage nach Schiffen zu rechnen. In
Europa halten die deutschen Werften technologisch den ersten Platz. Auch im Bau
von Containerschiffen seien sie weltweit in einer Spitzenposition. Im
Leistungswettbewerb stehen allerdings Japan und Korea vor Deutschland. Der
Nachteil der deutschen Werften sei vor allem die hohen Personalkosten verstärkt
durch sehr hohe Krankheits- und Fehltage. Das führe u. a. dazu, daß im
Handelsschiffbau die Kunden der deutschen Werften zunehmend in das für
Standardschiffe billigere Ausland, wie Korea, Polen und Japan, abwanderten. Die
Kosten der deutschen Werften liegen zu Wechselkursen vom April 1993 rund zehn
Prozent über den der japanischen und bis zu 30 Prozent über den der
polnischen.
Ende September 1993 lief die Contship Atlantic ( Bau-Nr. 1081)
vom Stapel. Die bestellende Reederei war allerdings nicht mehr an weiteren
Nachbauten interessiert. Grund: Schiffe aus Fernost kosten nur einen Bruchteil.
Drei Monate später beriet der Aufsichtsrat der Lloyd Werft
unter ihrem Aufsichtsratsvorsitzenden Josef Klar (Vulkan Verbund AG) eine engere
Zusammenarbeit mit der Schichau-Seebeckwerft, dessen Vorsitzender Klar zu diesem
Zeitpunkt ebenfalls war. Die Lloyd Werft beschäftigte zu diesem Zeitpunkt 988
Mitarbeiter und 100 Auszubildende. Auf dem Reparatursektor machte sich 1993 die
Billigkonkurrenz in Polen und Rußland bemerkbar.
Während der Aufsichtsratssitzung versammelte sich fast die
gesamte 1000köpfige Belegschaft der Lloyd Werft vor dem Verwaltungsgebäude und
forderte auf Transparenten: "Kein Arbeitsplatzabbau auf der Lloyd
Werft". Einer Arbeiter-Delegation erläuterte Klar, was er vorher dem
Aufsichtsrat dargelegt hatte:
"Beide Betriebe hätten nur eine Chance gemeinsam, bei
einer Verweigerung seien beide Standorte gefährdet. Nachdem der Aufsichtsrat
der Schichau Seebeckwerft schon in der vergangenen Woche seine Zustimmung zu
einem gemeinsamen Vorstand gegeben hatte, akzeptierte auch der Aufsichtsrat der
Lloyd Werft ein betriebsübergreifendes Arbeitsgremium. Es soll bis April 1994
ein Konzept erarbeiten.
Von der Nordsee-Zeitung nach den Gründen für die Fusion
gefragt, antworteten Dr. Friedrich Hennemann und Josef Klar, es hänge mit
der Reduzierung der Werftenbeihilfe durch den Bund zusammen, und damit, daß die
SSW trotz aller Anstrengungen nicht das vom Vulkan vorgegebene Ziel
erreicht habe, nämlich wenigstens kostendeckend zu arbeiten.
Anläßlich der Übergabe des Containerfrachters Contship
Atlantic, einen Tag nach dem sich die beiden Vorstände von SSW und Lloyd Werft
zu ihrer ersten gemeinsamen Sitzung getroffen hatten, sagte Dr. Jürgen
Gollenbeck, es gehe jetzt vordringlich darum, die Verwaltung zu rationalisieren
um die Gemeinkosten zu senken. Als ersten Schritt hatte die SSW den Abbau von
134 überwiegend im Verwaltungsbereich plazierten Stellen eingeleitet.
Die Bericht der Industrie- und Handelskammer Bremen für 1993 äußerte
sich auch zu den Ursachen für die schwierige Lage im Schiffbau. Innerhalb von
zwei Jahren sank der Weltmarktpreis in fast allen Sektoren um rund 20 %. Die
Wettbewerbslage unserer Werften sei gekennzeichnet von den weltweit höchsten
Lohn- und Lohnnebenkosten sowie geringsten effektiven Arbeitszeiten und
besonders hohen Krankenständen.
In einem Gespräch mit Mitgliedern der CDU-Bürgerschaftsfraktion
äußerte Hennemann im Januar 1994, die Kosten beider Werften müßten gesenkt
werden. Gemessen an den Erträgen dürften die Stundenlöhne statt 75 DM
allenfalls 50 DM betragen. Auf ein größeres Baudock für die Seebeckwerft
angesprochen, habe Hennemann gesagt, solche Überlegungen könnten nicht weiter
verfolgt werden. Ein Baudock für Panmax-Schiffe sei für den Fischereihafen überdimensioniert.
Auf einer Werftbetriebsversammlung der Lloyd Werft gab deren
Geschäftsführer Dieter Haake bekannt, die Werft müsse 350 Arbeitsplätze
abbauen. Zudem solle der Reparatur- und Umbauspezialist in einem
Mutter-Tochter-Verhältnis mit Schichau-Seebeckwerft aufgehen.
Auf der ordentlichen Aktionärshauptversammlung am 10.06.1994
meinte Vorstandsvorsitzender Dr. Gollenbeck, die 100 Mio. DM, die seit 1988
investiert worden seien, zahlten sich jetzt aus. Auf die Zusammenarbeit mit der
Lloyd Werft angesprochen, erklärte Gollenbeck, die Vorstandsmitglieder der
Lloyd Werft, Werner Lüken und Dieter Haake, seien gleichzeitig im Vorstand der
Schichau Seebeckwerft. Gemeinsame Lagerhaltung, gemeinsamer Einkauf und
eine enge Vernetzung der Aktivitäten sollten für Synergieeffekte sorgen. In
den Aufsichtsrat wurden Uwe Beckmeyer , Dr. Joachim Ditzen-Blanke , Claus
Grobecker und Günther F. Hinz gewählt.
Ende Juni 1994 erhielten die Vulkan-Verbundwerften den Auftrag für
den Bau eines italienischen Kreuzliners der Costa Linie. Das 250 m lange Schiff
soll 2.200 Passagiere befördern können und 600 Mio. DM kosten. Auf der
Schichau Seebeckwerft sollte die vordere Schiffshälfte in Sektionen, beim
Bremer Vulkan die hintere Hälfte mit der Maschine entstehen. Montiert wurde auf
der LLoyd Werft. Dort fand auch der Endausbau statt.
In einem Gespräch mit der Präsidentin der
Treuhandanstalt, Birgit Breuel, sagte Dr. Hennemann, daß im Land Bremen die
Werften um die 1.000 Arbeitsplätze an Mecklenburg-Vorpommern würden abgeben müssen.
Im Verbund-Konzept werde die Schichau-Seebeckwerft AG, Bremerhaven, den Bau von
Fähren, Passagierschiffen und Containerfrachtern bis zu 29 m Breite übernehmen,
erläuterte Josef Klar.
Im Dezember 1994 entschloß sich der Vulkan, die "Costa
Victoria" in Bremen zu montieren.

"Costa Victoria"
Die Schichau-Seebeckwerft brachte die erste Sektion 11 von 28,7 m Länge und 32,25 m Breite und 1.500 Tonnen Gewicht Mitte März 1995 nach Bremen. Das übrige Vorschiff wurde in zwölf Sektionen bis zu 425 Tonnen Gewicht auf Pontons angeliefert.
Ende März 1995 lieferte Seebeckwerft die erste Superfast-Fähre ab. Die "SuperFast I" hat eine Länge von 173,7m und ist 24m breit. Sie hat zwei durchgehende Fahrzeugdecks. Insgesamt kann sie 830 Pkws transportieren.

Superfast-Fähre
Die Beladung erfolgt über die Bugrampe. Die Fähre besitzt eine Kapazität für 1400 Passagiere. Das Schwesterschiff "SuperFast II" wurde von Heike Drechsler, olympische Goldmedaillengewinnerin im Weitsprung getrauft und hat ebenfalls eine Reisegeschwindigkeit von 25,5 Kn und wurde Ende Mai 1995 an die griechische Reederei übergeben. Der Reeder Perikles S. Panagopulos läßt die Fähren täglich auf der Route Ancona-Patras verkehren. Fahrtzeit 20 Stunden.
Danach konzentrierte sich die Werft hoffnungsvoll auf den Bau einer kombinierten Eisenbahn-, Trailer-und Passagierfähre für die DFO. Ende Dezember 1996 wurde die "Mecklenborg-Vorpommern" übergeben.

DFO-Fähre "Mecklenburg-Vorpommern"
Das Schiff ist 200 m lang und hat eine Geschwindigkeit von 21 Knoten bei einer Breite von 28 Metern. Sie kann bis zu 50 Eisenbahnwaggons transportieren, 100 Lastwagen sowie 70 Pkws. An Bord des 35000 BRZ grossen Schiffes ist Platz für 1150 Passagiere.
Im September 1995 fand der Stapellauf des Containerschiffes
"Contship Ticino" auf der Werft statt. Die Baunummer 1090 ist ein
Containerschiff vom Typ SSW 1700, das heißt sie kann 1700 Standard-Container
tragen. Das Schiff ist 163,31 Meter lang und 27,50 Meter breit.
Im Dezember 1995 berichtete die örtliche Nordsee-Zeitung, daß
täglich 300 Werker von der Schichau Seebeckwerft jeden Tag zur Arbeit in den
Kaiserhafen fuhren, nämlich zur Lloydwerft um beim Bau der "Costa
Victoria" zu helfen. Gleichzeitig war eine andere Mannschaft im
Fischereihafen dabei den Stahl für die "Costa Olympia" (Costa II) zu
schweißen. In dieser Zeit wurden auf der Seebeckwerft die einzelnen Sektionen für
das Schiff gebaut. Mit einem Volumen von 5500 Tonnen entstand im Schwimmdock das
komplette Vorschiff der "Costa Victoria", die mit rund 256 Metern noch
sechs Meter länger ist als ihre Vorgängerin.
Ende Dezember 1995 tagte das Krisenmanagement des Vulkan und
der Konkurs drohte. In dieser Situation gelangt es Seebeck noch einmal den
Auftrag für zwei tunesische Fähren hereinzuholen. Es handelte sich um die
Baunummern 1093 und 1094. Die Ro-Ro-Schiffe haben eine Länge von 160 Metern und
sind 25,80 m breit.
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Interview
im Februar 1999 zur Untersuchung „Schiffbau an der Unterweser. „Von
der Weimarer Zeit bis zur Vulkan-Krise und deren Auswirkungen“
Herausgeber Bildungsgemeinschaft Arbeit und Leben e.V. Text
und Recherche: Ingeborg Rath „Eigentlich
sind wir dafür angetreten, daß es hier weiter Schiffsneubau mit einer
vernünftigen Perspektive für Bremerhaven gibt !“ Holger
Pflaumbaum, seit 1990 Betriebsratsvorsitzender der Schichau Seebeckwerft
AG Bremerhaven (jetzt SSW Fähr-
und Spezialschiffbau GmbH) Wie
habe ich die „Vulkan-Krise“
erlebt? Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, gab es bei den
gemeinsamen Besprechungen mit den Arbeitnehmervertretern aus dem
Aufsichtsrat des Konzerns und dem Konzern-Betriebsrat. In der zweiten Hälfte
1995 eine Diskussion, in der zum ersten Mal die Fragestellung zur
wirtschaftlichen und finanziellen Situation im Konzern richtig
hochkam:„Ob die Situation im Konzern undramatisch war bzw. ob der
Konzern sich eher in Richtung Zahlungsunfähigkeit bewegt.“ Ende
1995 gab es dann eine
gemeinsame Tagung mit Frank Teichmüller (Bezirksleiter
der IG Metall und stellv.
AR-Vorsitzender), auf der wir den Punkt diskutiert haben, ob
wir nicht jetzt als Betriebsräte und als IG Metall in Aktion gehen
sollten, um darauf aufmerksam zu machen, daß wir erhebliche Probleme auf
uns zukommen sehen. Denn eigentlich war es uns ja allen klar, daß die
meisten Standorte Schwierigkeiten hatten. Und es gab ja auch Probleme mit
den Firmen, die dazu gekauft worden sind, z. B. mit Dörries Scharmann.
Wenn man da die Einzelfakten einmal zusammengezählt hat, wie es um die
wirtschaftliche Situation des Konzerns bestellt war, dann gab es dazu
unter uns unterschiedliche Auffassungen. Und die reichten von „Da-ist-wirklich-was-dran-an-der-Konzernkrise“
bis zu „Das-ist-nur-eine-Kampagne-der-Medien-und-der-Konkurrenz-gegen-den-Vulkan-Konzern!“
In dieser Bandbreite bewegten sich die Einschätzungen und die
Diskussionen. Letztendlich haben diejenigen recht behalten, die damals
schon wie wir (als SSW Betriebsrat)
die Einschätzung vertraten, daß der Konzern auf tönernen Füßen steht.
Ich kann mich noch daran erinnern, daß von den Kollegen aus
Ostdeutschland die Frage der Investitionsmittelverwendung öfter
thematisiert wurde, nämlich ob die Mittel denn auch zweckgebunden
eingesetzt würden usw. Vom
Standpunkt des SSW Betriebsrates war die Lage so, daß wir schon länger
intern über die wirtschaftliche Situation des Konzerns, des
Werftenverbundes und damit letztlich auch über unseren Standort
diskutiert hatten und die Situation wesentlich dramatischer eingeschätzt
haben, als sie von Seiten der
Konzernführung in der Öffentlichkeit
immer dargestellt wurde. Natürlich
gab es unter den Arbeitnehmervertretern im Konzern unterschiedliche
Auffassungen, ob wir diese Einschätzung an die Öffentlichkeit tragen sollten. Schließlich
könnte diese „Insider-Einschätzung“ dazu beitragen, die Situation
noch zu verschärfen. Das war
eine wichtige Frage und wir hatten mit den Verwaltungsstellen der
IG Metall, mit Frank Teichmüller und den anderen Betriebsräten eine große
Diskussion darüber, wie wir mit dieser Problematik umgehen sollten.
Letztendlich ist entschieden
worden, daß wir uns an
diesen „Spekulationen“ öffentlich nicht beteiligen und mehr die Linie
vertreten, daß alles nur eine Kampagne gegen den Konzern wäre und die
wirtschaftliche Situation des Konzerns
gar nicht so schlecht war. Im nachhinein hat sich dann
herausgestellt, daß diese Linie verkehrt war, aber hinterher ist man ja
immer schlauer...Es ist natürlich müßig,
jetzt darüber zu spekulieren, aber ich bin schon der Auffassung,
daß es sinnvoll gewesen wäre, vorher zu reagieren, vorher an die Öffentlichkeit
zu gehen, vorher die wirtschaftliche Situation des Konzerns zu
thematisieren. Und notfalls hätte man die öffentlichen Mittel, die
nachher im Konkurs sinnlos versackt sind,
auch für eine Auffanglösung nutzen können, - das wäre
sicherlich besser gewesen. Genauer
als die Konzernsituation, konnten wir die Situation am Standort
Bremerhaven einschätzen. Denn wir sind ja ab ca. 1992 immer in der
Situation gewesen, daß wir
gesagt haben: „Also wenn hier nichts passiert für unsere Standorte in
Bremerhaven, d. h. wenn keine Investitionen vorgenommen werden, wenn nicht
eine entsprechende Eigenkapitalausstattung stattfindet und keine
entsprechende Produktentwicklung und Produktinnovation – z. B.
„schnelle“ Schiffe- vorgenommen wird, dann werden wir mal ein
Riesenproblem bekommen“. Das
hat sich dann ja nochmals verschärft,
als sich der Vulkan entschieden hat,
die Ostwerften zu übernehmen. Und es war ja eigentlich klar, daß
die Ostwerften finanziell
sehr gut ausgestattet waren, d. h. daß entsprechende Investitionsmaßnahmen
vorgenommen und hochmoderne Werften dort hochgezogen werden. Wenn also die
Standorte im Lande Bremen nicht nachziehen würden, dann kämen wir bald
in die Situation, wo wir konkurrenzmäßig
keine Chancen mehr haben und dies wird dann vom Konzern zum Anlaß
genommen, um die Standorte hier (in
Bremerhaven) zu schließen. Eines
ist festzuhalten: Die Überlegung zu einem maritimen
Konzern war völlig richtig. Der konzeptionelle Ansatz, Werften und
Elektronik, der auch von der IG Metall unterstützt wurde, war total
richtig. Und natürlich hat der damalige Werftenverbund auch dazu
beigetragen, die Standorte in Bremen und
Bremerhaven zu stabilisieren. Nur ist dieser Verbundgedanke eines maritimen
Konzerns eben verlassen worden bzw. da sind andere Schwerpunkte von der
Konzernführung und der Senatsverwaltung gesetzt worden und der
Kerngedanke, nämlich eine Stabilisierung der Werften im Lande Bremen,
ist gar nicht mehr in der Form weiterentwickelt worden,
wie es eigentlich notwendig gewesen wäre. Das ist aber oft genug
von der IG Metall und den Betriebsräten
kritisiert worden. Aber wir hatten eben keine wirtschaftliche
Mitbestimmung und
letztendlich haben das dann andere entschieden. Des
weiteren war unsere Einschätzung die, daß die Bremerhavener Werften ohne
große Begeisterung im Konzern mitgetragen worden sind. Und das die
Probleme, die zu lösen waren, meistens zu Lasten der Bremerhavener
Standorte vorgenommen wurden. Deswegen haben wir ja auch seit 1992
kontinuierlich von Seiten des Betriebsrates und der Belegschaft Aktionen
durchgeführt (von Großdemonstrationen
bis zur Besetzung von Straßenkreuzungen).
Damit haben wir uns mit konkreten
Forderungen an die Politik und an den Konzern gewandt. Die Reaktion
von der Politik auf unsere öffentlichen Aktionen war: „Mensch,
Betriebsrat SSW, nun überzieht hier mal nicht so!
Friedrich Hennemann ist der große Konzernlenker, das ist doch
unser Mann, der kommt aus der Politik, ist Sozialdemokrat und wird schon
dafür sorgen, daß die Bremerhavener Betriebe und Arbeitsplätze nicht zu
kurz kommen.“ Wir
(Betriebsrat SSW) wurden damals
in der öffentlichen Diskussion immer als Panikmacher dargestellt, nach dem Motto: “Das
sind die Roten die Unsicherheit verbreiten wollen“. Im nachhinein hat
sich unsere Einschätzung im
Hinblick auf die Bremerhavener Standorte bestätigt. Na gut, das nützt
uns jetzt auch nichts mehr, außer daß wir damals schon eine vernünftige
Analyse mit den richtigen Schlußfolgerungen betrieben haben. Die
inhaltlichen Forderungen, die wir 1992 und 1993 erhoben haben, waren also
richtig ! Ich
verweise in diesem Zusammenhang auf ein gemeinsames Gutachten des
Betriebsrates der SSW AG und den Wirtschaftswissenschaftlern Hickel,
Heseler und Huffschmid von der Bremer Uni. Das haben wir im Oktober 1993
in einer Pressekonferenz vorgestellt. Die Forderungen aus diesem Gutachten
zur Standort- und Arbeitsplatzsicherung haben wir in vielen Aktionen immer
wieder in die Öffentlichkeit gebracht. Die zentralen Forderungen waren:
Investitionen, Eigenkapitalerhöhung, Produktinnovationen, Verbesserung
der Fertigungsabläufe, Projekte zur Verbesserung der Arbeits- und
Produktionsbedingungen z. B.: neue Entlohnungssysteme,
Gruppenarbeit. Da
diese Forderungen am Standort nicht umgesetzt wurden und die Entwicklung
im Konzern sich mehr und mehr zuspitzte, war im Februar 1996 klar, daß
irgend etwas Dramatisches passieren wird und von daher war der
Konzernzusammenbruch auch keine völlige Überraschung
- so daß man aus allen Wolken gefallen ist. Das
Insolvenzverfahren ist dann ohne größere Vorbereitung über uns
hereingebrochen. Wer von uns
hat schon Erfahrung gehabt mit einem Konkursverfahren? Das waren wohl die
wenigsten! Na gut, irgendwann gab es damals bei Schichau Unterweser mal
einen Vergleich, aber für die heute aktiven Betriebsräte war das
eine völlig neue Situation und da stellte sich natürlich
schlagartig sofort die Frage, wie es weitergeht. Würde die
Situation sich so
zuspitzen, daß diese Konzernkrise zu Lasten von Bremerhaven gelöst wird?
Würde man die Situation zum
Anlaß nehmen, hier in Bremerhaven Kahlschlag zu betreiben? Denn nach außen
hin wurde ja von der Konzernführung immer so getan, als wenn Geeste
Metallbau, die Schichau Seebeckwerft und die Lloyd Werft in Bremerhaven
die Problemkinder des Verbundes waren. Wenn man das aber anhand der
Konzernzahlen verfolgte - die uns sogar zum Teil vorlagen - stellte es
sich genauso andersherum da. Denn die Produktivität in Bremerhaven war höher
und die Arbeitskosten geringer als an anderen Konzernstandorten. Zwar
nicht niedrig genug, um schwarze Zahlen zu produzieren,
aber die Verluste waren in Bremerhaven deutlich geringer als
anderswo. Aber das hat eigentlich in der Konzernspitze nie eine Rolle
gespielt und
meiner Meinung nach in der Politik in Bremen auch nicht. Ich hatte
immer den Eindruck, daß die ganze Konzern- und Landespolitik so war, wenn
schon Werftschließungen, dann sollten sie zumindest nicht den Standort
Vegesack betreffen, sondern lieber zu Lasten der Bremerhavener Werften
gehen. Vorschläge den Neubau aus Bremerhaven nach Vegesack zu verlagern,
sind in der Konzernführung und in der Senatsverwaltung oft genug und
schon lange vor dem Konkurs diskutiert worden. Und diese Gefahr haben wir (
die Betriebsräte) natürlich auch sofort im Konkurs gesehen. Würde
der Konkurs der Anlaß sein, Bremerhaven platt zu machen? Und
das diese Angst nicht unbegründet war, konnte man ja dann Mitte Februar
´96 sehen. Da haben wir morgens um sieben Uhr eine Demonstration von der
Werft zum Hauptbahnhof gemacht - in einem tierischen Schneesturm. Wir
konnten kaum die Transparente hochhalten.
Wir sind mit der ganzen Belegschaft in den Hauptbahnhof ´rein und haben
ihn besetzt. Und an diesem Vormittag kam dann auch die Meldung, daß der
damalige neue Vorstandsvorsitzende Udo Wagner den Vorschlag gemacht hatte,
die Krise im Werften-verbund so zu lösen, daß die Werftenstandorte in
Bremerhaven geschlossen werden sollten.
Ich habe es so in Erinnerung, daß es in diesem „neuen“
Sanierungskonzept hieß: „Gut, wir machen erst mal in Bremerhaven klar
Schiff! Da werden die Standorte geschlossen und in Bremen
muß ungefähr eine Halbierung der Produktionskapazitäten
vorgenommen werden, - dann kriegen wir das alles wieder in Griff!“
Das paßte genau in unsere Befürchtungen hinein. Also, das kann
mir ja keiner erzählen.... Wagner war ja relativ neu im Konzern und so
eine Aussage macht man ja auch nicht aus dem Stehgreif... Von daher
unterstelle ich mal, daß mittelfristig sowieso eine deutliche Kapazitätsreduzierung
– wenn nicht sogar die Schließung von Standorten – in Bremerhaven
durch die Konzernführung vorgesehen war, auch wenn es nicht zum Konkurs
gekommen wäre. Ich glaube,
diese Problematik wäre also so oder so auf Bremerhaven zugekommen
und das ist durch den Konkurs eben nur verschärft worden. Von
daher war es im nachhinein betrachtet, auch eine äußerst positive
Entscheidung, daß das Amtsgericht hier in Bremerhaven einen anderen
Konkursverwalter (als in Bremen),
nämlich Herrn van Betteray, bestellt hat. Ich glaube, wenn das
Konkursverfahren in einer Hand geblieben wäre, dann wäre die
Bremerhavener Situation sicherlich wesentlich schwieriger geworden als sie
sich heute darstellt. Die
nächste Frage war: Wie geht es wirtschaftlich an den einzelnen Standorten
weiter? Da gab es ja für jeden Standort
eine völlig andere Ausgangssituation!
Bei uns (SSW) war klar:
Wir gehen in den Konkurs ´rein, weil unsere Liquidität im
cash-management des Konzerns mit ´drin war. Am
Anfang hatten wir die Befürchtung, daß der Konkurs dazu führt, daß die
Bremerhavener Betriebe sofort plattgemacht werden. Von daher haben wir als
Betriebsrat alle Energien darauf gelegt, dieses zu verhindern. Es mußte ein
politisches Umfeld geschaffen werden, um eine Schließung zu verhindern.
Das ist im ersten Halbjahr ´96 gelaufen. Der politische Widerstand in
Bremerhaven war so groß, daß die
Überlegungen, die es in Bremen gab, nämlich die Standorte in Bremerhaven
komplett zu schließen, verhindert worden sind. Das hätten die in Bremen
politisch nicht geschafft! Dafür
hatte sich hier in Bremerhaven unter unserer Federführung vor Ort und
des DGB ein breiter politischer Konsens entwickelt, der eine Schließung unmöglich machte. Von daher war natürlich
diese Großdemonstration am 22. Februar 1996 mit 24.000 Teilnehmern enorm
wichtig. Denn damit kam auch in Bremen deutlich an, daß die Front in
Bremerhaven steht. Noch nicht einmal „Buten und Binnen“ fand bei
dieser Demonstration ein Haar in der Suppe. Der
Unterstützerkreis für die Werftbelegschaften war nicht nur
gewerkschafts- und betriebs- sondern auch partei- und wirtschaftsübergreifend.
Von daher hing an dieser Großdemo unheimlich
viel und wir haben da
als Betriebsrat enorme Kraft hineingesteckt, um diese Großveranstaltung
zu organisieren. Denn wäre
das eine Demonstration in der
üblichen Größenordnung
von acht- bis zehntausend Menschen gewesen, dann wäre dieses
Signal nicht nach Bremen ´rübergekommen.
So aber - mit 24.000
Teilnehmern - konnte man es sich nicht erlauben, in Bremerhaven verbrannte
Erde zu hinterlassen. Von daher
hat diese Demonstration ein massives Signal in Bremen ausgelöst, nämlich
daß eine Krisenlösung gegen Bremerhaven nicht durchzusetzen ist. Damit
dies gelingt, haben wir betrieblich umgeschaltet und alles auf die
Vorbereitung der Großdemonstration konzentriert, um Druck auf das
politische Umfeld auszuüben und um eine konkursbedingte Standortschließung
zu verhindern. Und wir hatten ja durch einen hohen Auftragsbestand auch
eine gute Ausgangsbasis. Da
war die DFO- Fähre, die voll in der Fertigung war und da waren die beiden
Fähren für die tunesische Staatsreederei COTUNAV. Mit dem
Konkursverwalter van Betteray hatten wir in dieser Zeit einen Konsens
gefunden, hier keine Betriebsschließung und -abwicklung zu realisieren,
sondern zu versuchen, ein Fortführungskonzept zu entwickeln. So,
- und dann gab es ja diesen sog. „Sanierungstarifvertrag“, der für
alle Vulkan- Konkurs- bzw. Vergleichsbetriebe abgeschlossen wurde. Das
hatte natürlich zur Folge, daß die Personalkosten gesenkt wurden und daß
u. a. damit sichergestellt werden konnte, daß
alle Aufträge, die vorhanden waren, kostendeckend abgearbeitet
wurden. Denn das war ja eine der Bedingungen der Landesregierung, der EU-
Kommission und der Banken. Wir haben uns dann sofort hingesetzt und haben
überlegt, wie wir diese Bedingungen realisieren können. Wir haben also
den „Sanierungstarifvertrag“ nach breiter Diskussion abgeschlossen und
dann haben wir uns eine komplette Reorganisation des Betriebes überlegt,
um kostengünstiger zu arbeiten. Da waren wir natürlich als Betriebsräte
mit am Drücker, weil uns klar war: Entweder wir kriegen das hin oder wir
werden hier dichtgemacht! Hinzu
kamen die Gespräche mit den Reedern, die sehr positiv verlaufen sind. Da
sich unter den Konkursbedingungen auch die Geschäftsgrundlage geändert
hatte, brauchten sie (die Reeder) den Vertrag nicht mehr einhalten und konnten jederzeit
aussteigen. In dieser Zeit
haben wir als Betriebsrat den
Reedern deutlich gemacht, daß
wir dafür garantieren werden, daß die Schiffe zum
vereinbarten Zeitpunkt abgeliefert werden. Schließlich bestanden
bei den Reedern Befürchtungen, ob es in solch einer Situation überhaupt
möglich ist, daß
sie zum vereinbarten Zeitpunkt ihre Schiffe bekommen. Für die
Reedereien war es ja auch nicht ganz ungefährlich, denn die hatten ja
schon feste Charter und eine Verzögerung hätte natürlich ökonomische
Konsequenzen für sie gehabt. Man
redet da jetzt so locker darüber, aber
in dieser Situation (Konkurssituation)
war es für die Kollegen ja
ganz schön schwer, weil
alles offen war. Der
dreiseitige Vertrag, der Wechsel in die mypegasus, der Zurückverleih an
die WvB (Wellensiek/van
Betteray-Verleihgesellschaft), zeitlich befristete Arbeitsverträge
und Fragen wie: Was wird aus uns? Wieviel Kollegen können auf Dauer
weiterbeschäftigt werden? Wie gesagt, alles war offen!
In
solch einer Situation die Organisation des Betriebes grundlegend zu verändern,
die Kostendeckung sicherzustellen, die Termine und die Qualität
einzuhalten, - das war schon eine enorme Leistung der Belegschaft! Wenn es
uns - also Belegschaft, Geschäftsführung
und Konkursverwalter - nicht gelungen wäre, eine einheitliche
Vorgehensweise sicherzustellen, dann wäre das auch nicht zu packen gewesen. Im
nachhinein betrachtet hat alles bisher eine positive Entwicklung genommen:
Es gab keine sofortige Schließung des Standortes, die EU hat zugestimmt,
daß wir unter bestimmten Auflagen weitermachen können und die
Auftraggeber waren damit einverstanden, daß wir den Auftragsbestand von
drei Schiffen abarbeiten können. Das war ein Beschäftigungsvolumen für
rund 1 1/2 Jahre und das war
natürlich gewonnene Zeit, um den Standort zu stabilisieren und Arbeitsplätze
zu erhalten. Gut,
- dann hat es den Beschluß gegeben, die
neue SSW Fähr- und Spezialschiffbau GmbH zu aktivieren.
Als Gesellschaft war sie ja schon vorher gegründet worden,
allerdings noch personenlos und ohne wirtschaftliche Tätigkeit.
Das ist dann erst zum Mai ´98 gelaufen! Das Personal ist dann auch zum 1.
Mai eingestellt worden und
zwar mit der klaren
Zielsetzung, weiterhin Schiffsneubau in Bremerhaven
zu betreiben. Die
Punkte, auf die wir als Betriebsrat Einfluß hatten, haben wir umgesetzt
und auch die Kostenstruktur ist ohne weitere Einkommensverschlechterungen
deutlich verbessert worden. Darüber
hinaus gibt es jetzt eine neue Gesellschaft (die
SSW - FuS GmbH), die mit dem Konkursbetrieb nichts mehr zu tun hat. Es
gibt neue Eigentümer, damit eine deutlich verbesserte
Eigenkapitalausstattung und es gibt eine verstärkte Geschäftsführung.
Das Know-how in der Projekt- und Konstruktionsabteilung ist noch da, die
Facharbeiter sind vorhanden und wir
zeigen uns wieder am Markt. Es gibt Anfragen
bei uns, es gibt Projekte, die bearbeitet werden, aber letztendlich muß
nun irgendwann auch der Neubauauftrag kommen! Von
der Zeitschiene her ist es möglich, die Werft als Neubauwerft - d. h. von
Vertrieb über Konstruktion, Stahlschiffbau und Ausrüstung -
bis Mitte des Jahres 1999 aufrechtzuerhalten. Bis dahin muß es
also spätestens gelungen sein, einen Neubauauftrag hereinzuholen! Dafür
stehen auch die finanziellen Mittel zur Verfügung, denn jedes Projekt,
das man verfolgt, ist natürlich auch mit Kosten verbunden. Aber die
entsprechenden Voraussetzungen sind da und es läuft bisher ganz gut. Es
werden eine Reihe von Projekten, die erfolgreich werden könnten,
bearbeitet. Aber ein Projekt ist immer noch ein Projekt und ein Auftrag
ist erst dann ein Auftrag, wenn er von beiden Seiten unterschrieben ist.
Und in dieser Situation befinden wir uns zur Zeit (Februar
1999): Es werden Projekte bearbeitet
und diese Projekte werden so weit vorangetrieben, daß sie im
ersten Halbjahr 1999 Auftrag werden könnten und damit wäre dann auch die
„Neubaueröffnung“ für die SSW Fähr- und Spezialschiffbau GmbH
gelungen. Wenn
dies nicht gelingt, d. h. wenn kein Neubauauftrag kommt, dann wird sich
die jetzige Belegschaft von ca. 650 Beschäftigten
noch mal mindestens halbieren! Dann wird es keine Projektabteilung
bzw. keine Konstruktionsabteilung mehr geben, denn die Ingenieure wären
dann nicht mehr nötig. Das sind ja alles hochqualifizierte Arbeitsplätze,
die dann wegfallen. Und es
wird natürlich einen enormen Einbruch in den Ausrüstungsgewerken geben, denn das sind die Abteilungen, die benötigt werden, wenn man
Schiffsneubau betreibt. Im wesentlichen würde nur noch die
Stahlbaufertigung übrigbleiben - also das, was früher Geeste Metallbau
gemacht hat! So zwischen 100
und 200 Beschäftigten vielleicht, je
nachdem wie die Marktsituation ist. Nur das sind natürlich nicht die
hochqualifizierten und zukunftsweisenden Arbeitsplätze, sondern dann ist
man verlängerte Werkbank für
andere Werften, die Aufträge vergeben,
weil sie es selber alleine nicht mehr schaffen. Nur wenn dann mal
wieder ein Einbruch im Schiffbau kommt und die haben selber Probleme
damit, ihre Kapazitäten auszulasten, dann werden natürlich zuerst die
Sektionsfertigungsaufträge nicht mehr erteilt und wir wären dann
überflüssig. Naja gut, das wäre die schlechteste Variante, die dann möglich
wäre! Aber
dafür sind wir nicht
angetreten! Eigentlich sind wir dafür angetreten, daß es hier weiter
Schiffsneubau mit einer vernünftigen Perspektive für Bremerhaven gibt!
Auch für die nächste Generation haben wir ja eine Verantwortung.
Und es geht ja auch darum, hier
für die Region eine Zukunftsperspektive in der maritimen Industrie zu
erhalten. Nur dieses Verantwortungsbewußtsein gab es im Konzern und in
der Landespolitik scheinbar nicht, sonst wären wir nicht in diese
schwierige Situation gekommen. Wir sind zwar
noch optimistisch (Februar 1999), daß die Hereinnahme eines Neubauauftrages gelingt,
nur eine Garantie kann dafür niemand übernehmen. Und wenn es dann
doch nicht so kommt, dann kann man zumindest sagen, daß es nicht an der
Belegschaft gelegen hat. Denn die betrieblichen Voraussetzungen, um Neubau
betreiben zu können, die stimmen jedenfalls jetzt alle! Aber
vielleicht muß man in einigen Monaten dann doch feststellen: Es gibt
keinen Neubauauftrag. Dann
brauchte uns der Markt wohl nicht bzw. dann waren die Reedereien wohl
nicht darauf angewiesen, daß es in Bremerhaven eine SSW Fähr- und
Spezialschiffbau gibt! Dann können die ihren Bedarf eben woanders decken
und gehen dann auch bis nach Korea! Das ist dann eine Geschichte, an der
man eben merkt, daß man auf betrieblicher Ebene diese Systemfrage nicht
kippen kann und daß man den Marktmechanismen mit allen negativen
Folgen für die betroffenen Menschen ausgeliefert ist. Aber soweit sind
wir noch nicht ! (Interview: Februar 1999) |
Im Februar 1996 demonstrierten 19000 Beschäftigte des Vulkan-Konzerns für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Größte Veranstaltung war die gemeinsame Betriebsversammlung der acht Bremerhavener Vulkan-Betriebe mit knapp 3000 Beschäftigten. Zentrales Thema der Veranstaltung war die Aufforderung an die Banken, einen Kredit in Höhe von 220 Mio. DM an den Vulkan auszuzahlen, um den Konzern vor dem drohenden Konkurs zu retten.
Am 22. Februar 1996 demonstrierten ca 20.000 Bremerhavener
zum Thema "Bremerhaven muß 'Werftenstandort bleiben". Der Vulkan
bebte und ganz Bremerhaven wurde wachgerüttelt.
Unbezahlte Rechnungen über 220 Millionen DM und ein weiterer
Liquiditätsbedarf von rund 2,3 Milliarden Mark haben die Bremer Vulkan AG in
den Vergleich getrieben. Einstimmig billigte am 21.2.1996 der Aufsichtsrat den
Vergleichsantrag. Neben der Konzernholding beantragte auch die zum Verbund gehörende
Bremerhavener Schichau Seebeckwerft AG den Vergleich. Zum Vergleichsverwalter für
Bremerhaven bestellte das Amtsgericht den Düsseldorfer Steuerberater Wolfgang
van Betteray.
Am 1. Mai 1996 haben Bremer Vulkan AG und die Schichau Seebeckwerft Konkursanträge gestellt. Für die Lloyd Werft und der Geeste-Metallbau wurden Vergleichsvorschläge eingereicht. Zwei Tage später unterschrieben die Beschäftigten der Seebeckwerft Aufhebungsverträge und neue, auf ein Jahr befristete mit der Beschäftigungs-und Qualifizierungsgesellschaft "My-Pegasus Bremen/Bremerhaven" GmbH" Verträge.
1996 im September trennte sich Schichau-Seebeck Werft vom Vulkan. Die Schichau Seebeck Werft endete im Konkurs und damit ihre Geschichte. An die Stelle der alten Schichau Seebeckwerft im Konkurs trat nun die "SSW Fähr- und Spezialschiffbau GmbH".