Seeleute und Sanitäter
Mit dem Bremerhavener Seenotkreuzer "Hermann Rudolf Meyer" auf Streifenfahrt



Hermann Rudolf Meyer  auf der Weser, Foto Peter Müller 9. Juli 2005

Bremerhaven. "Schmeiß an, das Ding", ruft Holger Stapelfeldt im breitesten Plattdeutsch hinunter in den Maschinenraum. Ein paar Sekunden später ist ein leises Vibrieren aus dem Inneren des Stahlrumpfes zu spüren. Der Vormann klettert zum Ablegen auf den Außenfahrstand, während Maschinist Olaf Eimert die Fender einzieht. Kurz darauf schon hat das Schiff mit der knallorangefarbenen Brücke die Ausfahrt des Geeste-Hafens erreicht. Der Bremerhavener Seenotkreuzer "Hermann Rudolf Meyer" geht auf Streifenfahrt.


Foto Peter Müller 2/2002

Es ist ein ruhiger Tag, das Wasser spiegelglatt, während das 23-Meter-Schiff gemächlich Richtung Außenweser schippert. Erst als die Bremerhavener Container-Kajen an Steuerbord vorgezogen sind, gibt Stapelfeldt Gas. Die beiden 1300 PS-Diesel dröhnen, der Bug hebt sich aus dem Wasser, hinten schäumt eine mächtige Heckwelle.
Der Vormann hat es sich jetzt vor dem Radarmonitor im Kommandostand bequem gemacht. Gelbe, grüne oder rote Punkte, Kreuze und Flecken wandern über den Bildschirm. "Dort sind die Tonnen, das andere die Seezeichen, und das da ist die kleine Jolle links von uns", erklärt der Schiffsführer dem Laien, der fragend über seine Schulter schaut.
                Zu 80 Einsätzen musste die "Hermann Rudolf Meyer" im vergangenen Jahr ausrücken. Wenn ein Fischer sich auf dem Meer verletzt, wenn der Koch eines Frachters sich ordentlich in die Hand schneidet, wenn ein Passagier der Seebäderschiffe einen Herzinfarkt erleidet, dann sind die Seenotretter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) zur Stelle, um den Kranken zu bergen. Der erschreckendste Notruf lautet: "Feuer an Bord!"
Unterdessen hat der SAR-Kreuzer den Wurster Arm erreicht. Nur selten ist das Meer so glatt wie heute. "Wir brauchen natürlich einen robusten Magen", erzählt dritte Vormann Siegbert Schuster. Doch nicht nur Standfestigkeit in Wind und Wellen ist bei der Rettern gefragt, denn die Männer in den roten Latzhosen sind oftmals Seemann, Sanitäter und Feuerwehrmann in einem. Wenn kein Notarzt an Bord ist, müssen sich die Helfer selbst um die schwer Verletzten kümmern. Die Messe wird dann zum Operationssaal. In der holzvertäfelten Decke stecken Haken, an denen später die Infusionsflaschen baumeln. Hinter einem Rolladen warten  ein EKG-Gerät und eine Beatmungsmaschine.
                Auf der Brücke wird jetzt die Feuerlöschspritze für eine Übung klargemacht. Vormann Schuster drückt ein paar Knöpfe auf der Fernbedienung, und schon sprüht ein weißer Strahl über das Wasser. Fast 100 Meter weit reicht der Schwall. "Das Wasser schießt da mit 15 Bar Druck raus", sagt Stapelfeldt und meint lächelnd: "Eine Segel-Jacht kann man damit ohne Probleme versenken."
Nach dem Test geht es weiter Richtung Tegeler Plate. Hunderte von Seehunden räkeln sich auf der Sandbank in der Sonne. Während die "Hermann Rudolf Meyer" in gebührendem Abstand still an den Tieren vorbeizieht, plaudert Stapelfeldt über die Kameradschaft an Bord. "Wir verbringen fast die Hälfte  unseres Lebens auf diesem Dampfer", meint er nachdenklich. "Da redet man schon von unserem Schiff und unserer Gesellschaft:"
Das Team der Bremerhavener Station besteht aus neun Köpfen. Jeweils vier - zwei Nautiker und zwei Techniker- sind rund um die Uhr an Bord, alle 14 Tage werden zwei Männer ausgetauscht. Die Retter sind 24 Stunden am Tag einsatzbereit. "Nur zum Einkaufen können wir mal kurz vom Schiff weggehen- aber nie ohne Funk oder Handy", erzählt Schuster. Schlafen, Fernsehen, Bügeln, Staubsaugen- alles muss unter den Augen der anderen gemacht  werden. Die Hausarbeit wird geteilt, kochen müssen die DGzRS`ler reihum.
Oben an Deck hat Olaf Eimert schon wieder die Fender ausgeworfen. Mit geübtem Schwung legt Holger Stapelfeldt den Kreuzer am Bremerhavener Tonnenhof an die Kaimauer. Für die vier Seenotretter ist ein Routinetag vorüber- glücklicherweise. "Aber in fünf Minuten kann es schon wieder losgehen, und dann geht es womöglich um Leben und Tod", weiß der Vormann aus Erfahrung.

Sonntagsjournal vom 24. September 2000