Mit jedem Rohr auf Du und Du
Dieter Grüneberg gehört zum Team des alten Lotsenbootes "Seelotse"

Für die ständig wiederkehrende Frage hat sich Dieter Grüneberg schon eine Antwort parat gelegt. "Meinen Tisch ölen", sagt der Maschinist der "Seelotse" den verwunderten Passagieren, wenn er mit einer Ölkanne in seine Kajüte verschwindet. Das alte Lotsenboot ist so etwas wie seine zweite Heimat.


Seelotse, Foto Peter Müller

Es ist aber nicht der Tisch, der regelmäßig einen Tropfen Schmierstoff braucht, sondern ein Lager der Schraubenwelle, dass sich hinter einer Fußbodenklappe unter dem Tisch versteckt. Und so richtig ernst meint es Dieter Grüneberg auch nicht, wenn er den Fahrgästen etwas verschmitzt die Geschichte erzählt. Denn schließlich zeigt die Frage Ihr Interesse an dem alten Lotsenboot. Und auf das ist Grüneberg stolz.
Zusammen mit seinen vier ehrenamtlichen Kapitänskollegen- darauf legt er besonderen Wert, denn in den Vordergrund möchte er sich nicht drängen- brachte er die 1956 gebaute "Seelotse" vor vier Jahren in mühevoller Arbeit auf Vordermann. Als ihn der Förderverein Maritimer Denkmalschutz gefragt hatte, ob er sich des alten Lotsenbootes annehmen wolle, schreckte er zuerst vor der Aufgabe zurück. "Zu aufwendig, das lohnt sich nicht", dachte er. Zwar war 1971 eine neue Hauptmaschine eingebaut worden, doch das gesamte Rohrleitungssystem und die Elektrik waren seit 1956 unverändert geblieben. Baupläne gab es nicht mehr. Doch dann stimmte er doch zu. Grüneberg verfolgte jede einzelne Leitung vom Anfang bis zum Ende. Heute ist jedes der vielen hundert Rohre im Abstand von einem halben Meter mit Klebeband umwickelt und beschriftet.
Ob Grüneberg und seine Kollegen gut gearbeitet hatten, sollte sich im April 1999 zeigen. "Angespannt", umschreibt Grüneberg knapp die Stimmung bei der Probefahrt. Doch die Arbeit hatte sich gelohnt: Ohne große Probleme meisterte die "Seelotse" ihre Testfahrt. Aber insgeheim hatte er damit gerechnet, dass alles glatt gehen würde.

Fast jeden Tag an Bord
Fast jeden Tag ist Grüneberg an Bord und kontrolliert die anfällige Elektrik und den Kühlkreislauf des Schiffes. Ungefähr alle zwei Wochen stechen er oder seine Kollegen mit rund 20 Gästen zu einer Charterfahrt in See. Meistens sind sie nur ein oder zwei Tage unterwegs. Längere Touren, zum Beispiel zur Kieler Woche, sind die Ausnahme. Zwölf Tage waren Grüneberg und seine Kollegen in diesem Jahr an der Ostsee. "Da freut man sich schon, wenn es wieder nach Bremerhaven geht", sagt der 59-Jährige.
Früher waren zwölf Tage auf See für Grüneberg keine Seltenheit: Bis 1974 war er leitender Ingenieur und Inspektor bei einer Flensburger Reederei. Zwölf Monate am Stück unterwegs zu sein, gehörte für ihn fast zur Normalität. Doch dann verlegte sein Arbeitgeber den Firmensitz nach Griechenland. Grüneberg nahm Rücksicht auf die Familie, zog mit ihr nach Bremerhaven und fing bei den Motorenwerken Bremerhaven an. Sieben Jahre lang arbeitete er in der Qualitätssicherung bei den Motorenwerken, 13 Jahre als Betriebsingenieur. 1995 musste Grüneberg, der heute mit seinem 24-jährigen Sohn in Leherheide lebt, seinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.
                    Über eine Fortbildungsmaßnahme des Arbeitsamts kam der Kontakt zum Verein Maritimer Denkmalschutz zu Stande. Die ganz großen Touren wie früher als Reedereiinspektor kann Grüneberg mit der "Seelotse" nicht mehr unternehmen. Aber Fernweh hat er trotzdem nicht. Die Seefahrt hat sich zu sehr verändert, als dass er alten Zeiten nachtrauerte. Zu kurz seien heute die Liegezeiten in den Häfen. "Heute würde ich nicht mehr zur See fahren", sagt Grüneberg.

Quelle: Nordsee-Zeitung vom 22.07.2002