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Treffen der ehemaligen Besatzungsmitglieder
Erinnerungen an die Zeit an Bord des Schleppers
"Seefalke"
Foto: Peter Müller, 2/2002
Bremerhaven. Ein kleines Familientreffen in Sachen
"Seefalke" organisierte kürzlich das Deutsche
Schiffahrtsmuseum.
Außer Besatzungsmitgliedern aus der Zeit der 40er bis 60er Jahre war auch die
Reederfamilie Schuchmann mit Vater Gerd und Sohn Hajo vertreten. Anlaß war der
75. Geburtstag des Hochsee-
Bergungsschleppers "Seefalke", der seit 1970 zur Museumsflotte
gehört.
Ein dreiviertel Jahrhundert hat der Hochsee-Bergungsschlepper
"Seefalke" in diesem Jahr auf dem Buckel. Am 11. November 1924 war das
Schiff von der Geestemünder Tecklenborg-Werft an die Reederei Schuchmann
abgeliefert worden. Der heutige Senior Gerd Schuchmann kennt noch die Geschichte
seines Großvaters Wilhelm, der sich mit dem Tecklenborg-Direktor über die
Finanzierung mit den Worten einigte: "Betahlen, dat is jümmerns slecht.
Bau du man eerst, un denn wüllt wi mool kieken." Als das Schiff dann
fertig war, präsentierte er voller Stolz auch die moderne Feuerlöschpumpe an
Bord. Zu einem der beeindruckten Vertreter der Versicherung meinte er dabei:
"Tschä, mien Jung, wenn du noch so wiet pissen kannst, denn bruukst nich
na Bad Kissingen hen."
Abenteuerliche Geschichten sind das Lebenselixier des Bergungsschleppers
"Seefalke". Das gilt für die zahlreichen Einsatzfahrten auf den
Ozeanen der Welt ebenso wie für das eigene Schicksal. Die "Seefalke"
wurde nämlich während des Zweiten Weltkrieges im Kieler Hafen durch einen
Bombenangriff versenkt und konnte nur gerettet werden, weil Mitarbeiter der
Reederei sie heimlich unter Wasser in eine Bucht der Außenförde schleppten und
dort erneut auf Grund legten.
Auf diese Weise wurde die eigentliche geplante Beerdigung der
"Seefalke" mit Trümmerschutt im Hafenbecken vereitelt. Nach dem Ende
der Besatzungszeit mit den strengen Vorschriften der Alliierten konnte der
Bergungsschlepper wieder gehoben werden und beim Norddeutschen Lloyd
instandgesetzt werden. Anschließend war das Schiff von 1950 bis 1970
weltweit im Einsatz, berichtete der Museumsmitarbeiter Klaus-Peter Kiedel
während des Treffens im Schiffahrtsmuseum.
Kiedel hat als Leiter des Archivs auch das Material aufbereitet über eine der
spektakulärsten Schleppfahrten der damals gerade erst vierjährigen
"Seefalke". Im Auftrag eines britischen Abwrackunternehmens sollte sie
den 1919 bei Scapa Flow gemeinsam mit der gesamten deutschen Flotte vom
deutschen Konteradmiral von Reuter versenkten Schlachtkreuzer "Moltke"
in den schottischen Hafen Rosyth schleppen. Dazu war der 23.000 Tonnen schwere
Kreuzer mit Hilfe von Preßluft angehoben worden und schwamm kieloben. Er mußte
zudem auch noch rückwärts geschleppt werden, weil das Trossen-
geschirr nur am Achterende des Kiels und an den Propellerblöcken befestigt
werden konnte.
Trotz schlechten Wetters und der zunehmenden Seekrankheit der vier Männer, die
auf dem Schiffsboden der "Moltke" die Kompressorstation bedienten,
ging bis zum Firth of Forth alles gut. Hier war allerdings zum Ärger des
damaligen Kapitäns Peter Eckhoff das Schwimmdock zum Anheben des Wracks nicht
parat, so daß der Schleppzug vor Anker gelegt werden mußte. Allerdings war der
auflaufende Gezeitenstrom inzwischen so stark geworden, daß die Anker nicht
hielten und der Zug auf die berühmte Eisenbahnbrücke über den berühmten
Firth of Forth zutrieb.
Der Kapitän ließ die drei Schlepper loswerfen und sah voller Entsetzen, wie
das Wrack mit großem Schwung auf einen der Brückenpfeiler lossteuerte. Kurz
davor drehte der Koloß jedoch wie durch ein Wunder ab und schlingerte zwischen
den großen Pfeilern hindurch. Das "Wunder" klärte sich später auf:
Einer der Geschütztürme hatte den Meeresboden berührt und in allerletzter
Sekunde für die überraschende Kursänderung besorgt. Nachdem der Ausreißer
dann wieder eingefangen war, bugsierte ihn die "Seefalke" sicher nach
Rosyth.
Viele Jahre später, von 1961 bis 1963, kam Heinrich Detlev als Kapitän auf die
"Seefalke". Er erinnerte sich an seine Meisterprüfung, die er als
29jähriger auf dem Bergungsschlepper ablegte und die ihn drei Tage lang
vollständig um jeden Schlaf brachte. Vom spanischen Hafen Vigo aus sollte ein
Frachter geborgen werden, der im Orkan in der Biskaya trieb. "Trotz voller
Schleppleistung", erzählt Detlev, rutschte der Frachter eine riesige Welle
herunter, die Schlepptrosse bekam Lose und geriet in die Schraube. "Mit
viel Mühe haben wir den Draht da wieder rausgekriegt und dann die Verbindung
wieder hergestellt."
Noch zweimal riß die Verbindung, so daß der Schleppzug in dem heftigen Sturm
schließlich nur noch vier Meilen von der felsigen Küste entfernt war.
"Wir konnten die Fensterscheiben an Land schon gut erkennen",
berichtet Detlev, aber schließlich hätten sie doch noch heil den Hafen von La
Coruña erreicht. Sämtliches Geschirr einschließlich der Ersatzteile sei dabei
draufgegangen. "Aufregend ist es immer auf einem Bergungsschlepper",
grient er, aber das sei eben normal.
Der Reeder Gerd Schuchmann erfuhr von solchen Abenteuern seines Schiffes in
dieser lange zurückliegenden Zeit meistens erst im nachhinein etwas, denn die
Funkverbindungen waren damals noch nicht so unkompliziert herzustellen wie
heute, erinnerte sich Schuchmann.
Sonntagsjournal vom 28. März 1999