


Als Jeans Nietenhosen hießen
"Seebeck am Markt" vor 50 Jahren
wiedereröffnet

Lehe. Als Bluejeans noch Nietenhosen hießen, gab es für Bremerhavens Rock `n`Roll-Fans
nur eine Adresse: Presleys Propheten trafen sich bei "Seebeck am
Markt". Mädchen mit Petticoats und Jungs mit Zuckerwasser-
gezauberter Elvis-Tolle wirbelten über die Tanzfläche- nach der Neueröff-
nung gestern vor 50 Jahren.
Am 2. August 1950 begann in Bremerhaven eine Legende, die noch älter ist als
die des 1989 geschlossenen "Wallys" in der "Alten Bürger".
Wie das Ex-"Wally" in Bremerhavens Szene-Meile war auch "Seebeck"-
allerdings eine Generation früher- Treffpunkt Nr. 1 für wahre Fans. Die
schwärmten vor 50 Jahren für Bill Haley und Elvis Presley. Prompt fanden die
Fans der frühen Rock `n` Roll-Jahre ihren Treffpunkt: "Seebeck" am
Leher Markt war damals Bremerhavens größter Saalbau und der Kracher
überhaupt.
"Hein Wuppdi" wurde er liebevoll genannt, der 1950 neu eröffnete
Altbau, der schon 100 Jahre zuvor- kurz nach der Gründung der Stadt- Menschen
und Pferde beherbergt hatte. Friedrich Siebke hatte das Hotel am Leher Markt
erbaut und damit hervorragende Geschäfte und vor allem an den "Markttagen
im Flecken Lehe" erzielt, die es schon vor Bremerhavens Stadtgründung gab.
"Hotel Stadt Lehe" hieß das Gebäude unter seinem zweiten Wirt. Der
dritte, Hinrich Seebeck, ein ehemaliger Postkutscher, war so populär, dass der
Volksmund das Hotel umtaufte: Erst inoffiziell, dann öffentlich hieß das Haus
"Seebeck am Markt".
Seebeck witterte und fand das ganz große Geschäft, als er das Hotel in einen
Tanzschuppen verwandelte. Eine gewaltige Wand von Kristallspiegeln, in den sich
Tanzende beobachten können, und Wasserfontänen im Foyer begeisterten immer
mehr tanzwütige Gäste.
Bald fand sich auch politisch orientiertes Gästepotential ein- unter-
schiedlichster Art: "Freiheit", rief die sozialdemokratisch
orientierte Kampfgruppe des "Reichsbanners" mit erhobener Faust im
großen Saal des Erdgeschosses, während zeitgleich aus den obereren Räumen
"Heil Hitler"- Rufe erklangen. Bremerhavens erste Nazi-Ortsgruppe
gehörte ebenfalls zu den "Seebeck-Gästen".
Ausflippende Fans
Als Elvis Presley am 1. Oktober 1958 vom US-amerikanischen Truppen-
transporter "General G. M. Randall" in Bremerhaven an Land ging,
flippten nicht nur die Fans am Kai aus. Sie tanzten wie besessen bei "Hein
Wuppdi". Auch als die "Beatles" und die "Rolling
Stones" kamen. Nicht sie selbst, aber ihre Tonträger ließen- zusammen mit
Elvis Presley, Bill Haley und anderen Rock-Poeten mehr als eine Million Mal den
metallenen Tonarm des Plattentellers kreisen- und mit ihm die Fans auf der
Tanzfläche.
Oft gab es auch Live-Musik "Made in Bremerhaven". Elvis- Emitatoren
fanden bei "Seebeck am Markt" ihr erstes öffentliches Publikum und
ernteten frenetischen Applaus. Ulli, einer der späteren "Lords", die
populäre deutsche Rockgruppe der 60er Jahre, trat hier ebenso auf wie Linda:
Die hatte in den 50er Jahren den damals ungeheuren Mut, in schwarzer Nietenhose-
für die frühen 50er Jahre enorm frech- bei "Hein Wuppdi"
aufzutreten.
Was Eltern vor 50 Jahren nur zähneknirschend duldeten- "unsere Kinder in
Nietenhosen bei "Hein Wuppdi"- ist längst Legende: Nachdem die Stadt
1965 das Gebäude erwarb und es kurz danach abreißen ließ, erinnert heute nur
noch der Film "Am Tag, als Elvis nach Bremerhaven kam" und vielleicht
die persönliche Erinnerung an "Hein Wupdi" und "Seebeck am
Markt".
Nordsee-Zeitung vom 3. August 2000