Frage von Herz und Verstand
In der SPD mehren sich Stimmen, die einen Erhalt der Rogge-Hallen fordern- Stadt soll Vorgaben machen

Bremerhaven. In der Bremerhavener SPD sammeln sich die Kräfte für den Erhalt der Rogge- Hallen am Neuen Hafen. Mitglieder von Ortsvereinen besichtigten das Gelände und zeigten sich begeistert von der alten Industrie-
Architektur und den Resten des Docks, in dem einst die Schiffe der Auswanderer repariert wurden. Eine Arbeitsgruppe will sich jetzt dafür einsetzen, dass der geplante Abriss verhindert wird.

"Es geht um einen vernünftigen Weg zwischen Herz und Verstand", betonte Uwe Beckmeyer vom SPD-Ortsverein Mitte. Er nannte das Schaufenster Fischereihafen als gelungenes Beispiel für eine Verknüpfung des Alten mit dem Neuen, die auch kommerziell erfolgreich sei. Auch in Bremen gehe man mit dem alten Speicher 11 im Überseehafen einen ähnlichen Weg. "Wir müssen die Umnutzung der früheren Lloyd-Hallen denkbar machen und dürfen solche Gedanken nicht von vornherein ablehnen", sagte Beckmeyer.
                Nach Auskunft des Industriearchäologen Dirk Peters vom Deutschen Schiffahrtsmuseum liegen inzwischen auch die Pläne für die erhaltenswerten Gebäude vor. Gemeinsam mit Stadtarchivar Hartmut Bickelmann nannte er insbesondere die Maschinenhalle und das Lagerhaus aus den Jahren 1885/86. Auch das 90 Meter lange Dock sei etwas  Einzigartiges, zumal es in ein historisches Ambiente bis hin zur alten Pflasterung und originalen Schienenwegen eingebettet sei. Auf diesem Grunde habe der Norddeutsche Lloyd bis 1937 seine Schiffe repariert.

Bloße Werkstätten zuwenig
Auch der Architekt Wolfgang Westphal plädiert dafür, die Bedeutung der historischen Anlage für die Entwicklung der Stadt sorgfältig zu bedenken. Es sei entscheidend, dass die künftige Nutzung sinnvoll in das Vorhandene eingepasst werde. Die Weiterverwendung  der Räume als bloße Werkstätten oder Lagerräume wäre seiner Meinung nach viel zu wenig angesichts der erhaltenen Substanz. Am Ende des Rundgangs waren sich  die Teilnehmer einig, dass ein vorschneller Abriss- wie im vergangenen Jahr auf der gegenüberliegenden Seite des Neuen Hafens- für die früheren Lloyd-Hallen keinesfalls in Frage komme. "Wir müssen in der Stadt sicher noch einige überzeugen, dass sich die Erhaltung wirklich lohnt", resümiert Uwe Beckmeyer. "Aber wir sind überzeugt, dass die menschliche Dimension der alten Gebäude auch für touristische Zwecke hervorragend zu nutzen ist."
                Selbstverständlich sei eine Nutzung nur im Dialog mit den Investoren zu realisieren, meinte der frühere Häfensenator, aber die Stadt müsse eigenständige planerische Vorgaben machen. "Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe", sagte Beckmeyer. Aber ein bedenkenloses Wegschreddern der Gebäude sei nicht zu akzeptieren. "Wir sind überzeugt, dass sich die Anstrengung für den Erhalt dieser einmaligen Bremerhavener Anlage lohnt", so Beckmeyer.
Um vorschnelles Handeln zu verhindern, fordern inzwischen drei SPD-Ortsvereine- Lehe-Nord, Mitte, Geestemünde- eine "ernsthafte Prüfung", ob die ehemaligen Lloyd-Hallen in eine neue Nutzung zu   integrieren sind. Dazu sei es notwendig, zunächst die jeweiligen Kosten für Abriss und Erhalt zu untersuchen. "Erst auf Grundlage dieser Angaben ist es möglich, einen fundierten Beschluss über die Zukunft der historischen Lloyd-Hallen zu fassen", heißt es in dem SPD-Antrag. Im Bauausschuss sorgte die SPD bereits dafür, dass zumindest die historischen Werkzeuge und Maschinen aus den alten Rogge-Hallen unter fachlicher Aufsicht des Historischen Museums aufgearbeitet und konserviert werden.

Kaum historische Zeugnisse
"Bremerhaven ist eine junge Stadt, die im kommenden Jahr ihren 175. Geburtstag feiert", sagt der SPD-Sprecher im Bauausschuss, Uwe Parpart. "Deswegen ist es um so wichtiger, mit den wenigen historischen Zeugnissen der kurzen Geschichte Bremerhavens sorgsam umzugehen."

Sonntagsjournal vom 27. Mai 2001