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Die letzte Glut in der alten Esse
Politiker möchten die Schmiede der Stahlbaufirma Rogge
erhalten
(von Christoph Barth)
Das Gebläse surrt noch wie an besseren Tagen.
"Ist inzwischen alles `n bisschen kalt", sagt Jürgen Vollers und
stochert in der Kohle herum. Wenig später züngeln die ersten Flammen auf
dem Herd. 40 Jahre lang hat der Schmied zwischen Esse und Amboss gestanden.
Jetzt ist sein Handwerk reif fürs Museum.
Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein in der alten Schmiede der Stahlbaufirma Rogge. An der Wand hängen Werkzeuge, mit denen heute kaum noch ein Azubi
etwas anfangen könnte: Kastenzangen, Wolfsmaulzangen, Flachzangen,
Schlichtlagen, Schlichthämmer, Nageleisen, Messräder, Spannhaken, Dorne- das ganze Arsenal eines Schmiedes.
Im Zeitalter der Bits und Bytes interessiert sich dafür nur noch der Schrotthändler- und eine Gruppe geschichtsbegeisterter Politiker, die
parteiübergreifend möglichst viel von Vollers Werkzeug retten wollen: Rogge Stahl- und
Maschinenbau zieht um, die Schmiede hat endgültig ausgedient- und die Politiker
suchen nach einem Zwischenlager für die Zangen und Hämmer (NZ berichtete).
Jürgen Vollers, der letzte Schmied, ist bereits seit anderthalb Jahren im
Ruhestand. Als er 1955 in Spaden seine Lehre antrat, zogen viele Bauern ihren
Pflug noch per Pferd über die Äcker. Also lernte Vollers, wie man Pflugscharen
schärft und dem Gaul die Hufe beschlägt. "Das wurde aber bald immer
weniger", bemerkt er. Die Bauern fuhren Trecker, der Hufschmied hatte
ausgedient- "heute heißt das ja Landmaschinenme-
chaniker", sagt Vollers.
1960 ging er zu Rogge, denn dort verdiente er als Stahlbauer glatt das
Doppelte: 3,98 Mark die Stunde- "damals ein Spitzenlohn", versichert
er. Er baute Schiffssektionen und Pontons, zog Hallen in halb Deutschland hoch
und montierte einen Kran auf die Spitze des Münchner Fernsehturms.
Rundeisen aus Vierkant
Zwischendurch stand er immer wieder an der alten Esse und schürte das
Feuer: um Stahl zu biegen und zu härten, Ringe, Stäbe und Nägel zu schmieden,
aus einem Vierkant ein Rundeisen zu hämmern oder umgekehrt. "Es gibt
nichts, was ein Schmied nicht kann", sagt er und grinst. Wenn das Eisen
erstmal glüht, ist der Rest nur noch Formsache.
Aber das Feuer in der alten Esse brannte immer seltener. Als Rogge 1995 die alte
Geestebrücke sanierte, glühten in der Schmiede zum letzten die Nieten. Danach
entfachte Vollers sein Feuer nur noch für den Hausgebrauch: um Meißel zu
schärfen oder Brechstangen zu härten.
Distanz des Ruheständlers
Das Ende seiner Esse beobachtete Vollers jetzt mit der Distanz des
Ruheständlers. Ein schwerer Arbeitsunfall vor 30 Jahren- eine herab-
stürzende Stahlplatte zertrümmerte sein linkes Bein- verhalf ihm zur
vorzeitigen Rente. "Ne, das ist alles nicht mehr so wie früher", sagt
er. "Irgendwann ist der Punkt da, wo man besser geht." Die nagelneuen
Montagehallen seiner Ex-Firma am Kaiserhafen sind ihm fremd. Verlernt allerdings
hat der 60-Jährige nichts. Mittlerweile beschlägt er dem Pferd seiner Tochter
die Hufe.
Nordsee-Zeitung vom 31. März 2001