Historischen Schatz im Keller entdeckt
Dokumente der Rickmers-Firmen lagern in Nordenham
Wegwerften mochte der Kleingärtner die teilweise vergilbten Papiere nicht. Aber
anzufangen wußte er auch nichts damit. Also vergammelte ein regional-
geschichtlicher Schatz in einem feuchten Laubenkeller. Inzwischen lagern die
Bündel mit alten Dokumenten aus der Vorstandsetage der Bremerhavener Rickmers
Werft im Museum Nordenham.
Nach dem Konkurs der Rickmers Werft im Jahr 1986 ersteigerte ein Nordenhamer
Gartenfreund zwei schwere Holzkisten aus dem Betriebsinventar. Doch den
historischen Wert dessen, was Kontorschreiber, Sekretärinnen oder
Familienangehörige teils handschriftlich, teils mit der Schreibmaschine zu
Papier gebracht hatten, erkannte nach mehr als zehn Jahren erst Wolfgang
Engelhardt, der das Archiv des Rüstringer Heimatbundes in Nordenham betreut.
"Die Papiere waren feucht, schmutzig und von Silberfischen und Mäusen
heimgesucht", beschreibt Engelhardt den bedauerlichen Zustand der
Dokumente. In mühevoller Kleinarbeit säuberte und sortierte der Archivar mehr
als ein Jahr lang die Papierbündel und legte ein armdickes Findbuch an.
Entschädigung für Kriegsfolgen
Bei den älteren Dokumenten, die trotz der unsachgemäßen Kellerlagerung
überwiegend gut erhalten sind, handelt es sich um Listen, die detailliert
"die Dimensionen von Rundhölzern gebauter Schiffe auf den Werften von R.C.
Rickmers in Bremerhaven und Geestemünde vom Jahre 1851 bis 1860 vermerken. Auch
Entschädigungsansprüche, die Rickmers Reederei nach dem deutsch-französischen
Krieg 1870/71 an das unterlegene Frankreich stellte, lassen sich hier nachlesen.
So machte die Reederei unter anderem geltend, daß sie ihr Schiff "Robert
Rickmers" wegen des Krieges in Shanghai habe auflegen müssen.
Daneben schlummern in mehr als 20 Pappkartons im Museum Nordenham Bestandslisten
und etliche Geschäftsberichte aus allen Unternehmens-
bereichen. Auch Protokolle von Generalversammlungen der "Rickmers
Reismühlen, Rhederei und Schiffbau AG" sind erhalten.
Selbst Dokumente aus dem engsten Kreis der Firmenleitung zählen zu dem
historischen Fund. So berichtet zum Beispiel ein Schwiegersohn im Juli des
Jahres 1932 in einem Brief an den damaligen Firmenchef Paul Rickmers distanziert
von den Aktivitäten der Nationalsozialisten in Hongkong. "Selbst wenn man,
wie viele von uns, der Nazi-Bewegung nicht völlig ablehnend gegenübersteht,
muß man doch feststellen, daß es eine große Torheit und Geschmacklosigkeit
ist, das Parteigezänk der Heimat in das überseeische Leben zu
verpflanzen", heißt es dort.
In der Hauptsache stammen die Akten aus dem Zeitraum zwischen der Mitte des
letzten Jahrhunderts bis zum Kriegsjahr 1944. "Soweit wir wissen, hat man
die Papiere dann ausgelagert", sagt Dr. Timothy Saunders, Leiter des
Museums Nordenham. Ein "Expressgut"-Ticket der Reichsbahndirektion
Münster, das auf einer der Holzkisten klebt, deutet darauf hin.
Nach dem Krieg landeten nur noch vereinzelte Dokumente in der Kiste, zum
Beispiel das Schiffstagebuch des Motorschiffes "Willy Rickmers" aus
den Jahren 1966 bis 1969.
Die Bedeutung der Dokumente schätzt Saunders hoch ein. "Man glaubte diese
Dinge verschollen", sagt er. Eine Kopie des Findbuches hat das Museum
Nordenham inzwischen an das Stadtarchiv der Seestadt geschickt.
Großes Interesse an dem Fund meldet das Historische Museum Bremerhaven an.
"Die Liste der Dokumente sieht vielversprechend aus", sagt die
stellvertretende Direktorin, Dr. Anja Benscheidt. "Es wäre schade, wenn
das Material in Nordenham bliebe." Das Museum an der Geeste möchte die
Dokumente wissenschaftlich auswerten und zum Teil ausstellen.
Nordsee-Zeitung vom 10. Oktober 1998