Von Rickmers bleibt nur das "Tabaksgeld"
Ex-Betriebsratsvorsitzender Barkhorn erinnert sich ans Ende der Werft vor zehn Jahren

Zum Feiern war keinem mehr zumute: Als der Rumpf der "Britta Thien" vom Helgen in die Geeste rauschte, wehte am Werkstor nicht wie üblich die grün-rot-weiße Werftflagge. "Das ging formlos über die Bühne", erinnert sich Wilfried Barkhorn, "ganz still und unheimlich." Die Baunummer 421 war der letzte Stapellauf auf der Rickmers-Werft- am 26. März vor genau zehn Jahren.

Wilfried Barkhorn war damals der Betriebsratsvorsitzende bei Rickmers. "Irgendwie sind wir bis dahin immer über die Runden gekommen", sagt er. "Im Schiffbau kamen auf sieben schlechte Jahre meistens sieben gute." Doch die alte Schiffbauerregel funktionierte plötzlich nicht mehr: Auf den Vergleich folgten der Anschlußkonkurs und das Aus für 950 Beschäftigte.
Zehn Jahre nach dem letzten Stapellauf nagt der Rost am alten Drehkran, wuchert das Unkraut über der abgetakelten Slip-Anlage. "Irgendwie hängt man da doch dran", sinniert Barkhorn. Die Industriebrache ist für ihn ein kleines Freilichtmuseum voller Erinnerungen: "Da hinten stand die Lehrwerkstatt", sagt er und zeigt auf den schlammigen Parkplatz neben dem Arbeitsamt. Dort ist er 1951 als Schiffbauer-Lehrling angefangen. "Als die Werkstatt neu gebaut wurde, haben wir aus der Baugrube alte Bullaugen ausgegraben", erinnert er sich. Die waren aus Messing und brachten bares Geld. "Davon haben wir dann zusätzliche Maschinen für die Lehrwerkstatt gekauft", sagt er und freut sich noch heute über den gelungenen Coup.
                1968 zog Barkhorn in den Betriebsrat ein, zwölf Jahre später übernahm er den Vorsitz. 1984 feierte sich die Werft zu ihrem 150jährigen Jubiläum als gesundes Unternehmen- ein Jahr später begann der Abstieg in die finale Krise. Auf über 50 Millionen Mark bezifferte der Konkursverwalter am Ende die Schulden. Trotz eines Sozialplans, den der Betriebsrat mit der Unternehmensführung ausgehandelt hatte, blieb auch für die Beschäftigten nicht viel übrig aus der spärlichen Konkursmasse: Statt einer Abfindung von 13 000 Mark erhielt Barkhorn nur 5200 Mark, die letzte Rate vor genau einem Jahr.
Auch damals zogen demonstrierende Werftarbeiter von den Werkstoren in die "Bürger". Aber die Stimmung war anders als heute, da das Schicksal fast aller Werften und der gesamten Stadt auf dem Spiel steht. "Wir waren damals eben nur eine Werft von vielen", sagt Barkhorn.
"Und manche Politiker in Bremen waren ganz froh, daß wir verschwinden- als Beitrag des Landes Bremen zum Abbau der Überkapazitäten im Schiffbau.
Viele Rickmers-Werker fanden auf den anderen Werften der Stadt neue Arbeit. Eine Untersuchung der Universität Bremen drei Jahre nach der Pleite kam zu dem Ergebnis, daß zwei Drittel der Beschäftigten wieder in Lohn und Brot standen; 16 Prozent waren ohne Arbeit, 14 Prozent in Rente. "Ohne vorübergehende oder langfristige Beeinträchtigung der beruflichen und privaten hat letztlich nur eine Minderheit die Stillegung überstanden", konstatierten die Wissenschaftler. "Für die Mehrheit folgten aus der Schließung Einkommensverluste, verschlechterte Arbeitsbedingungen, Beschäftigungsunsicherheit oder Arbeitslosigkeit."
Wilfried Barkhorn hatte Glück: Er wurde Hausverwalter im Seniorenheim Lindenhof und anschließend Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt im Landkreis Cuxhaven. Nächste Woche wird er 60. Das einzige, was ihm von Rickmers geblieben ist, sind ein paar Erinnerungen und das "Tabaksgeld": Wenn er in drei Jahren in den Ruhestand geht, bekommt er eine zusätzliche Betriebsrente von 84 Mark im Monat.

Nordsee-Zeitung vom 1. März 1996