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Fünfmastvollschiff "Preußen"
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In
der Geschichte der Tecklenborg-Werft gibt es drei schiffbautechnische Höhepunkte:
Außer dem Hapagdampfer "Johann Heinrich Burchard" noch die beiden
Laeisz-Segler "Potosi" und "Preußen".- Unter den Segelschiffen, die
im Laufe der Zeit von der Reederei F. Laeisz in Hamburg bereedert wurden,
waren neun von Tecklenborg erbaut, und diese vor allem waren es, die ihr
den in aller Welt berühmten Ehrennamen "Flying-P-Line" eintrugen.
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Tecklenborg
hatte in den Jahren 1886 die Viermastbark "Hera" aus Eisen für B.Wencke
Söhne in Hamburg und 1888 das Vollschiff "Najade" aus Stahl für
die Reederei Visurgis in Bremen gebaut. Beide Schiffe bewährten sich
so gut, daß Laeisz sich entschloß, der Werft 1889 mit dem Vollschiff
"Parchim" den ersten Auftrag zu erteilen, dem im nächsten Jahr die
"Pera"folgte. Mit diesen Schiffen war die Reederei derartig zufrieden,
daß sie 1892 die "Placilla" und im gleichen Jahre noch die "Pisagua"
erbauen ließ, die ersten Viermastbarken, die Tecklenborg für
Laeisz herstellte. "Placilla" unter Kapitän Hilgendorf "Pisagua" unter
Kapitän Dehnhardt fuhren so außergewöhliche Zeiten heraus,
daß, als Laeisz beschloß, den ersten Fünfmastsegler bauen
zu lassen, dafür selbstverständlich wieder nur Tecklenborg, sprich
Claussen, in Frage kam.
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Die
Reederei Laeisz hatte verhältnismäßig lange gezögert,
ein derartiges Schiff in Auftrag zu geben. Die ersten, die einen Fünfmaster
in Fahrt brachten, waren die Franzosen mit der "France I". Ihr Leistungen
waren nur durchschnittlich und reizten nicht zur Nachahmung. Das nächste
Schiff dieses Typs, die Fünfmastbark "Maria Rickmers", hatte eine
Hilfsmaschine. Sie war bei Russel & Co. in Port Glasgow für Rickmers
Reismühlen Reederei und Schiffbau AG Bremerhaven erbaut und wurde
in der Ostasienfahrt eingesetzt. Die Ausfahrt war recht gut, aber wahrscheinlich
hatte Schiffsführung den Segler doch noch nicht ganz im Griff. Auf
der Heimfahrt verschwand das Schiff spurlos und sein Schicksal ist nie
aufgeklärt worden. Ich vermute, daß, als 1895 dann die Fünfmastbark
"Potosi" erbaut wurde, Claussen von einem Hilfsantrieb abgeraten hat. Er
hatte wahrscheinlich klar erkannt, daß für einen Segler doch
andere Grundsätze gelten als für einen Dampfer und daß
die Linienführung am Rumpf eines Schiffes, das vorwiegend aus dem
Wind seine Kraft empfangen solle, durch die Schraube am Heck nur gestört
und der Stromablauf des Wassers am Schiffskörper durch Wirbelbildung
gehemmt ist. Das ist zwar, wie gesagt, nur eine Vermutung, für die
ich keinen überlieferten Anhalt habe, aber für mich besteht da
kein Zweifel. Daß die Sache an sich richtig ist, geht aus den Leistungen
der übrigen Fünfmastrahsegler mit Hilfsmaschine ziemlich eindeutig
hervor.
"Potosi"
unter ihrem Kapitän Robert Hilgendorf erwies sich sofort als das beste
Segelschiff der Welthandelsflotte, und die guten Erfahrungen, die
die Reederei über einen längeren Zeitraum mit ihr machte, bewog
sie dann auch, Tecklenborg 7 Jahre später zu beauftragen, die "Preussen"
zu bauen.-
Daß "Preußen" als Fünfmastvollschiff gebaut wurde, geht wohl in gewisser Weise auf Kaiser Wilhelm II. zurück, dem bei einer Besichtigung der "Potosi" erklärt wurde, daß ein Vollschiff immer eine höhere Entwicklungsstufe darstellte, wegen der größeren Segelfläche, die es führen könne. Er soll daraufhin den Inhaber der Reederei, Carl Laeisz, gefragt haben, wann er denn gedächte, ein Fünfmastvollschiff einzustellen? In der damaligen Zeit wirkten solche Wünsche, vom deutschen, vom deutschen Staatsoberhaupt ausgesprochen, mehr als anregend, und da mit der "Potosi", wie gesagt ausgezeichnete Erfahrungen gesammelt worden waren, nahm man keinen Anstand, als der Entschluß, noch einen Fünfmaster einzustellen, einmal gefaßt worden war, ihn als Vollschiff bauen zu lassen.
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"Preußen"
war das einzige Fünfmastvollschiff, das es in der Welthandelsflotte
gegeben hat. Alle Erfahrungen, die man mit der "Potosi" und den fabelhaften
Viermastern der Reederei gesammelt hatte, wurden bei ihrem Bau durch Claussen
und seine Konstrukteure berücksichtigt. Als Bauaufsicht hatte die
Reederei Kapitän Boye Petersen delegiert. Das war keineswegs nur eine
Formsache, wie man meinen sollte, sondern zwischen Petersen und Claussen
bestand in der Bauzeit ein echtes Mitarbeiterverhältnis, und die späteren
Leistungen der "Preußen" zeigten deutlich, wie sehr ihr die ausgezeichneten
seemannschaftlichen Kenntnisse Petersens zu Nutze gekommen waren. Petersen
war es auch, dem die Reederei das Kommando über das neue Schiff gab,
ein Vertrauensbeweis, den sie niemals zu bereuen brauchte.
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"Preußen"
lief am 7. Mai 1902 vom Stapel. Halb Bremerhaven war bei diesem Ereignis
auf den Beinen.
Das Werftgelände von Tecklenborg, die Ufer der Geeste, wo nur irgendeine Möglichkeit sich bot, wimmelte von Menschen. Aber nicht nur hier war die Teilnahme sehr groß, im Grunde war es ein Ereignis, das die gesamte Seefahrt bewegte. Einen neuen Schiffstyp in die Welt zu setzen, ruft ja immer große Teilnahme hervor. Dabei waren die mit dem Stapellauf verbundenen eigentlichen Feierlichkeiten auf ein Mindestmaß beschränkt worden, da die beiden Chefs des Hauses erst vor einigen Monaten gestorben waren. Aber was im Regierungsbezirk Stade Rang und Namen hatte, war dennoch anwesend.
Es
herrschte an diesem 7. Mai ein recht scheußliches Wetter und die
Fotos von dem Ereignis zeigen uns jede Menge Regenschirme, aber eben auch
jede Menge Menschen, die sich durch den Regen nicht abhalten ließen.
Den Zuschauern auf dem gegenüberliegenden Geesteufer wurden durch
die beim Eintauchen des Schiffes entstandene Wasserwoge die Beine bis zu
den Knien naß, womit die Bestrebungen des Regens von oben durch die
Geeste von unter nachhaltig unterstützt wurden.
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"Preußen"
war 133,5 m über alles lang. Der Flaggenknopf des Mittelmastes befand
sich 68 m über dem Kiel. Das Modell im Morgensternmuseum zeigt auf
seiner Vitrine das maßstabgerechte Verhältnis zu einem Hochhaus,
wodurch ein sehr guter Begriff von dieser Höhe vermittelt wird. Die
Länge des gesamten Tauwerkes belief sich auf über 45 km. Dazu
kamen noch 700 Meter Ketten, 248 Tagelageschrauben und 1260 Böcke.
Von den Ankern wogen die schwersten je 4000 kg. Im Zeitalter der Superschiffe
sind zwar diese Zahlen nicht sehr eindrucksvoll, aber in der damaligen
Zeit war es doch ein gewaltiges Schiff und immerhin gelang es der "Preußen",
mit dieser Ausrüstung und den eleganten Formen, die ihr Claussen gegeben
hatte- angetrieben nur durch den Wind- eine Höchstgeschwindigkeit
von 18,5 Knoten zu erreichen. Das ist auch heute noch , über 60 Jahre
nach der "Preußen" eine beachtliche Leistung, die längst nicht
jedem Dampfer gelingt!
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Die
Reederei Laeisz setzte den Fünfmaster fast ausschließlich in
der Salpeterfahrt ein. Mit der Regelmäßigkeit eines Dampfers
im Liniendienst machte das Schiff jährlich zwei Reisen zur Westküste
Südamerikas, wo sich die chilenischen Salpeterhäfen befinden.
Nur einmal wurde es auf anderen Kurs geschickt. Von New York aus brachte
es Petroleum in Kanistern nach Yokohama. Von dort ging es an die Westküste
Südamerikas und dann durch den Atlantik nach Hause. Verzögert
durch einen längeren Aufenthalt in Yokohama, wo vergeblich versucht
wurde, Ladung für die Heimreise zu bekommen, dauerte diese Weltreise
290 Tage, ein ausgezeichnetes Ergebnis. Daß "Preußen" es war,
die sowohl ausfahrend wie auch heimkehrend die schnellsten Reisen auf der
Salpeterroute gemacht hat, die hier je gefahren wurden, sei nur beiläufig
erwähnt.- Das bittere Ende des Schiffes nach einem Zusammenstoß,
verursacht von einem englischen Postdampfer ist bekannt. Auf den Klippen
von Dover strandete es und mußte aufgegeben werden, ein Ereignis,
an dem damals, im November 1910, die ganze Welt schmerzlichen Anteil nahm.
(zitiert
aus: Horst Hamecher, Die Preußen und ihr Konstrukteur)
_________________________________________________
| Name: | Preussen | |
| Baujahr: | 1902- Unterscheidungssignal: RMPT |
|
| Werft: | Joh. C. Tecklenborg, Geestemünde | |
| Typ/Material: | Fünfmastvollschiff/Stahl | |
| Unter FL-Flagge: | 1902-1910 | |
| Länge ü. alles: | 147,00 m | |
| Rumpflänge: | 133,20 m | |
| Länge auf Deck: | 124,34 m | |
| Länge zw. Loten: | 121,92 m | |
| Breite: | 16,34m | |
| Raumtiefe: | 8,26 m | |
| Seitenhöhe: | 9,29 m | |
| Tiefgang: | 8,23 m | |
| BRT/NRT: | 5081/4765 | |
| Höhe Großmast: | 57,75 m über Deck | |
| Unterrahen: | 31,20 m | |
| Royalrahen: | 16,00 m | |
| Segelfläche: | 5560 qm | |
| FL-Kapitäne: | Boye Petersen, J.H.Hinrich Nissen | |
| Verbleib: | 1910 nach Kollision mit englischem Dampfer Brighton im Englischen Kanal gestrandet und verlorengegangen. Besatzung und ein Großteil der Ladung konnten geborgen werden. | |
| Reisen nach: | Chile, Japan, USA | |
| Kapt. Petersen: | ||
| 1902 | Lizard- Iquique | 64 Tage |
| 1902/03 | Iquique-Kassel | 79 Tage |
| 1903 | Lizard- Iquique | 58 Tage |
| 1903 | Iquique- Lizard | 68 Tage |
| 1903 | Lizard- Tocopilla | 72 Tage |
| 1903/04 | Tocopilla- Kanal | 74 Tage |
| 1904 | Lizard- Tocopilla | 62 Tage |
| 1904 | Tocopilla- Lizard | 80 Tage |
| 1904 | Lizard- Iquique | 62 Tage |
| 1904/05 | Iquique- Lizard | 69 Tage |
| 1905 | Lizard- Iquique | 79 Tage |
| 1905 | Iquique- Lizard | 78 Tage |
| 1905 | Lizard- Iquique | 67 Tage |
| 1905/06 | Iquique- Lizard | 71 Tage |
| 1906 | Lizard- Taltal | 69 Tage |
| 1906 | Taltal- Lizard | 72 Tage |
| 1906 | Lizard- Taltal | 69 Tage |
| 1906/07 | Taltal- Lizard | 62 Tage |
| 1907 | Lizard- Valparaiso | 81 Tage |
| 1907/08 | Tocopilla- Lizard | 62 Tage |
| 1908 | Lizard- New York | 25 Tage |
| 1908 | New York- Yokohama | 126 Tage |
| 1908 | Yokohama- Taltal | 75 Tage |
| 1909 | Tocopilla- Elbe | 75 Tage |
| Kapt. Nissen: | ||
| 1909 | Lizard- Taltal | 74 Tage |
| 1909 | Tocopilla- Lizard | 83 Tage |
| 1910 | Lizard- Taltal | 68 Tage |
| 1910 | Taltal- Lizard | 75 Tage |
Literaturhinweise:
1) Horst Hamecher: Fünfmast-Vollschiff Preussen- Königin
der See, Verlag Hamecher Kassel 1993
2) Peter Klingbeil: Die Flying P-Liner- Die Segelschiffe der Reederei F. Laeisz,
1998 Deutsches Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven, und Ernst Kabel Verlag GmbH,
Hamburg