Die uralten Rolltreppen, die in den Vorraum des Wartesaales
führen, stehen heute still.
Foto Peter Müller 8/2002
Der Linoleumboden ist stumpf, der mondäne
Glanz vergangenen Tage- Palisanderholz und edle Kronleuchter wurden wegsaniert.
Heute beleuchten schlichte Neonröhren den Raum, der für Hunderttausende
von armen Auswanderern und reichen Reisenden der entscheidende Schritt
in die neue Welt war. Der Columbusbahnhof, einst einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Deutschlands, ist nur noch ein Schatten
seiner vergangenen Tage.
In einem Büro- durch das Fenster kann man auf die
Weser blicken- sitzen zwei agile alte Männer: Wilhelm Bohling und
Herbert Geisler*. Der 80 Jahre alte Bohling fuhr als Steward zur See. Er
ging 1984 in Rente. Der 5 Jahre jüngere Geisler sorgte bis 1990 beim
Norddeutschen Lloyd (NDL) für die Passierabfertigung.
Foto Peter Müller 8/2002
Seit 1992 arbeiten die beiden Pensionäre in einem
neuen Vollzeitjob: Im Vorraum zum Wartesaal des Columbus-Bahnhofs haben
sie eine Ausstellung zusammengetragen. Viele hundert Fotos, Gemälde-Reproduktionen
und Devotionalien erinnern an die mehr als 130 Jahre, in denen der NDL
maßgeblich die Geschichte Bremerhavens prägte.
Unterstützung von der Stadt haben die beiden dabei
nicht erfahren. Von Ex-OB Wilms und seinen Nachfolgern fühlt sich
besonders Wilhelm Bohling im Stich gelassen: "Unser Museum steht in keiner
städtischen Broschüre. Kein Tourist erfährt von uns, auch
viele Bremerhavener wissen nicht, dass es unser privates Museum gibt."
Herbert Geisler sieht das gelassener: "Das Hansestadt
Bremische Hafenamt, die HBH, stellt uns die Räume umsonst zur Verfügung.
Den Rest finanziere ich selbst. Schade, dass wir nicht so bekannt sind,
in unserem Museum steckt eine Menge Arbeit."
Herbert Geisler in seinem Büro, Foto: Peter Müller
Und das sieht man auf den ersten Blick: Mit viel Liebe
wurden die Ausstellungsstücke zusammengetragen. Im Mittelpunkt
stehen die Schiffe und Kapitäne des NDL einst größter Arbeitgeber
der Seestadt.

Foto Herbert Geisler 8/2002
Was sie zu einer idealen Ergänzung zum Deutschen
Schiffahrtsmuseum macht, ist die Herangehensweise der Ausstellungsmacher:
Bohling und Geisler interessieren sich auch für die kleinen Anekdoten
am Rand der großen Ereignisse. Musterbeispiel dafür sind ein
paar Fotos, die im Januar 1959 aufgenommen wurden. Sie zeigen den kubanischen
Revolutionsführer Fidel Castro und den Rebellen Che Guevara auf der
"Bremen". Mal mit Kapitän Lorenz konferierend, mal mit aufgeregten
Touristen aus den USA diskutierend.
Steward an der Bar war damals Alfred Schoon, heute 80
Jahre alt: "Castro kam an die Bar, setzte sich. Ich kannte Fotos von ihm,
immer eine Zigarre in der Hand. Also habe ich ihm eine Zigarre angeboten,
die ich an der Bar liegen hatte. Castro griff spontan in eine Brusttasche,
schenkte mir eine von seinen."
Was Castro mit Kapitän Lorenz zu besprechen hatte,
was er an Bord eines deutschen Passagierschiffes wollte, das müsse
irgendwie geheim gewesen sein.
Steward zur See Wilhelm Bohling und Landratte Herbert
Geisler verehren vor allem die Kapitäne der Passagierschiffe. Ausgestellte
Fotos zeigen Kommodore Pollack, der über 100 Mal die Atlantik-Passage
befuhr oder den legendären Kommodore
Ziegenbein. Für Bohling
ist Ziegenbein der Größte von allen: "Er war ein Menschenfreund
und zugleich ein erstklassiger Seemann. 1929 brach er mit der Bremen den
Zeitrekord für die Atlantikpassage, holte dafür das Blaue Band. Das hatten
vorher 20 Jahre lang die Engländer gehabt."
Ziegenbein sei es auch gewesen, der sich dass Blaue Band
1932 ein zweites Mal geholt habe. "Danach wurde die Jagd nach Rekorden
vom NDL eingestellt. Auf diesen Fahrten wurde einfach zuviel Öl verbraucht."
Unter den Schiffskommandanten des NDL sei Ziegenbein
auch der größte Sportsfreund gewesen. "Die Bremen holte vor
dem Zweiten Weltkrieg sieben Mal den Atlantikpokal, den in New York die
Schiffsbesatzungen ausspielten." Diesen Siegen sei allerdings eine zielgerichtete
Vorarbeit von Ziegenbein vorausgegangen. "Er sorgte dafür, dass gute
Fußballer beim Anheuern bevorzugt wurden. So konnte er immer eine
gute Mannschaft spielen lassen."
Passagierschiffe auf der Atlantikroute hatten in
den Dreißigerjahren sogar ein Katapult-Flugzeug an Bord. Einziger
Zweck: Sie starteten, bevor das Schiff den Zielhafen erreichte, spielten
ihren Geschwindigkeitsvorsprung aus, um die Post einen Tag früher
abliefern zu können. Nachdem auch das Mutterschiff im Hafen festgemacht hatte, wurden sie mit Kränen
wieder an Bord gehoben.
Unter den Passagieren waren oft die oberen Zehntausend:
1930 kehrte Paul Litchfield, Chef des Gummi-Konzerns Goodyear, mit der
Bremen von Deutschland in die USA zurück. Weil er es eilig hatte,
sich das letzte Stück der Passage durch den Hudson River ersparen
wollte, ließ er per Funk ein ungewöhnliches Rendezvous arrangieren:
Sein privates Luftschiff landete auf der Bremen, wurde von dem Matrosen
an Seilen festgehalten, Litchfield stieg ein und entschwebte auf seinen
Landsitz.
Der Multi-Millionär war nicht der einzige Prominente,
dessen Aufenthalt fotografisch präsentiert wird. Auch Boxer Max Schmeling
ist zu sehen. Er benutzte NDL-Dampfer, als er 1930 in die USA reiste und
als Weltmeister zurückkehrte.
Zahlreiche Fotos gibt es auch von einer der ungewöhnlichsten
Vergnügungsreisen der Dreißigerjahre: Die Bremen durchquerte
damals den Panamakanal. So ein großes Schiff hatte noch nie dieses
Bauwerk durchquert. Vermessungsingenieure hatten den Kanal vorher untersuchen
müssen, ob eine Passage überhaupt technisch machbar war.
Die von Bohling und Geisler zusammengetragenen Bilddokumente
zeigen die komplette Flotte des NDL- eine Chronologie des Schiffbaus von
der Kaiserzeit bis zum Wirtschaftswunder: Die Dampfschiffe vor der Jahr-
hundertwende, die zusätzlich zur Dampfmaschine noch
mit Segeln bestückt waren, um mehr Fahrt zu machen. Dann die Dampfer,
die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurden. Herbert Geisler: "Damals
war es in Mode, Schiffe mit vier Schornsteinen zu bestücken. Diese
Schiffe boten unglaublich viel Luxus, das muss eine einzige Augenweide gewesen
sein."
1924, nachdem sich Europa vom ersten Weltkrieg erholt
hatte, wurden dann die Schnelldampfer vom Stapel gelassen. Sie erreichten
um die 23 Knoten. Dieses Tempo konnte noch gesteigert werden, als Ende
der Zwanziger auf Ölfeuerung umgestellt wurde.
Manchmal dokumentiert die Ausstellung auch Dramen, die
sich auf dem Wasser abspielten, denn einige Schiffe des Norddeutschen Lloyd
endeten auf dem Meeresboden. Wilhelm Bohling: "Die Columbus lag im Dezember
1939 in Südamerika fest. Sie musste zurück nach Deutschland,
sollte aber auf keinen Fall den USA in die Hände fallen." Kapitän
Dähne habe damals den Befehl erhalten, entweder erfolgreich durchzubrechen,
oder das Schiff zu versenken. "Das mit dem Durchbruch hat nicht geklappt.
Dähne hat das Schiff dann in Brand gesetzt und 200 Kilometer südlich
von Florida versenkt."
Mehr Glück hatte zuvor die Bremen: Kurz vor Beginn
des Zweiten Weltkrieges, am 30. August 1939, konnte sie unter Kapitän
Ahrens in New York auslaufen. Als sie auf neutralem Gewässer war,
überfielen die Deutschen Polen. Daraufhin erklärten die Engländer
den Nazis den Krieg, errichteten eine Blockade.
Deshalb nahm die Bremen die Nordmeerroute, legte am sechsten
September im russischen Murmansk an, kehrte erst dann nach Bremerhaven
zurück. Kapitän Ahrens wurde, weil er die Bremen unversehrt nach
Hause gebracht hatte, zum Kommodore befördert.
Das Glück war dem Schiff nicht lange gewogen, am
16. März 1941 wurde sie in Bremerhaven von einem Matrosen in Brand
gesteckt- Totalschaden.
Zwar blühte in den Fünfzigern der Passagierverkehr
wieder auf, doch seit den Sechzigern ging es mit den Passagierzahlen wieder
bergab. Das Ende des Linienverkehrs über den Atlantik kam dann zu
Beginn der Siebziger. Die schnellen Großraumflugzeuge hatten dem
Norddeutschen Lloyd Kunden abgejagt.
Foto: Peter Müller 8/2002
Heute halten am Columbusbahnhof vor allem Kreuzfahrtschiffe.
Und deren Passagiere sind es auch, die die Ausstellung von Wilhelm Bohling
und Herbert Geisler besuchen. Denn das Privatmuseum wird nur geöffnet,
wenn Passagierschiffe am Columbusbahnhof anlegen.
Bewohner Bremerhavens, die sich die umfangreiche Sammlung
anschauen wollen, müssen sich also vorher erkundigen, wann dort Schiffe
festmachen. Der Eintritt in das Museum im Vorraum der alten Wartehalle
kostet im Unterschied zu städtischen oder staatlichen Museen keinen
Pfennig.
Bremerhavener Kurier vom 14. Oktober 2000
* geboren 21.06.1926- verstorben 19.10.2002