Ich lernte Maria in der DDR kennen, irgendwo in der Nähe von Rostock. Ich war damals in den 70er Jahren mit einer Delegation des DGB in Güstrow. Und sie lud mich ein, wenn ich mal in Bremen wäre, sollte ich sie doch besuchen. Naja.
Später als ich ab 1971 in Bremen studierte und dann 1972 in die Partei eintrat, sah ich sie wieder oder soll ich sagen, ich begegnete ihr wieder? Wohl auf einer Veranstaltung der Partei oder? Sie war damals schon fast so etwas wie eine lebende Legende. Sie war im Widerstand gewesen und sie stritt für ihre Sache und sie war Mitglied im Bezirksvorstand der Partei.
Das aber war es nicht. Es war die Tatsache, daß sie damals nach dem Krieg, in der Zeit des Kalten Krieges, in den 50er Jahren in der KPD gewesen und aktiv gekämpft hatte.
Vitalität und Willenskraft versprühte sie. Später als ich in der gleichen Parteigruppe wie sie war, nämlich in Schwachhausen, und wir bei ihr oben im ersten Stock die schöne Wohnung bewohnte, lernte ich sie näher kennen. Natürlich war sie nicht einfach. Sie konnte polterig sein. Und ihr Gegner hätte ich auch nicht sein mögen, aber sie war respektiert, auch auf der anderen Seite. Sie war ja sogar für die KPD in den 50er Jahren Bürgerschaftsmitglied gewesen zusammen mit Willi Meyer-Buer.
An einem Morgen als ich unten bei ihr reinguckte, lag sie auf der Couch im Wohnzimmer und las ihren Lenin. Es war morgens gegen 11 Uhr. Wirklich war sie dabei die 40bändige Lenin-Ausgabe zu lesen, und stur wie ein Panzer las sie Band für Band. Sie war bei Band 15 oder 16.
Gern hörte sie Bach, auf ihrem alten Schallplattenspieler im Wohnzimmer, die Mattäus-Passion. Ich habe das voller Bewunderung beobachtet, aber einen Zugang zu Bach habe ich deshalb nicht bekommen.
Mit ihrem Mann Werner kam ich eigentlich fast besser klar. Er war ihr zweiter Mann, der erste hatte während der Zeit der Faschismus, als sie den Buchladen hatte, irgendwie Verrat an der Sache geübt. Also Werner war wohl von Beruf Klempner. Immer merkte man diesen Unterschied in der intellektuellen Auffassung oder im Horizont. Maria war Erzieherin gewesen, und das war es wohl auch, sie erzog die Leute mit denen sie es zu tun hatte. Streng und fordernd.
Werner Krüger hat lange Zeit die Parteigruppe Schwachhausen geleitet, er war über Jahre ihr Vorsitzender, ein Organisationstalent, ein Mensch, der mit Menschen umgehen konnte.
Er war es der mit anderen älteren Genossen wie Erich Bolte loszog und Plakate klebte, da hatten die jungen Genossen, oft Lehrer oder andere Intellektuelle wenig Lust zu.
Maria hatte Bücher, Bücher in Regalen, im Wohnzimmer, überall. Maria hatte ein Archiv im Keller, wo sie Zeitungsartikel zu vielen Themenkreise sammelte, Regale voll bis unter die Decke.
Maria war in der politischen Szene bekannt wie ein bunter Hund, kannte auch Politiker wie Hans Koschnik oder andere; privat aber war sie zurückhaltend. Freunde in dem Sinne hatten die Krügers sehr wenige. Das alles ging unter in der großen Sache für die Partei oder wurde nicht wahrgenommen.
Schwere Zeiten kamen dann nochmal Ende der 80er Jahre als in der DKP die Auseinandersetzungen um Atomkraftwerke, Frauenbewegung, DDR bis zur Zerreißprobe geführt wurden. Es kam praktisch zu Fraktionsbildungen. Die einen, die die Partei reformieren wollten, also eine Art intellektuelle Revisionisten und auf der anderen Seite die Stalinisten oder die 100%igen. Das machte den Krügers wie auch mir schwer zu schaffen. Gottseidank hat Maria den Niedergang der Partei, die Auflösung nicht mehr miterlebt.
Das war für die Alten schwer, zuzusehen wie in der DDR der Umbruch kam, die Menschen die Nase voll hatten vom real existierenden Sozialismus und sich vieles als Lüge, als Selbstbetrug und Naivität herausstellte. Es war dort nicht so gewesen wie wir behauptet hatten.
Und unsere Gegner auf der rechten Seite hatten in vielem recht gehabt. Schlimm und peinlich.
Maria Krüger, Bremen, eine tolle Frau, eine Kommunistin- und ein Vorbild für viele. Damals.