![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
Ehrenmal erinnert an Lager für Zwangsarbeiter
Schüler der Gewerblichen Lehranstalten entwarfen und
bauten den Gedenkstein im Fischereihafen

Manch einer der 16 älteren Männer zwischen 65 und 75 Jahren, die sich gestern
morgen im südlichen Fischereihafen um die Fahne Frankreichs scharten, wischte
sich verstohlen eine Träne aus den Augen. Doch bei aller innerlichen Bewegung
und trotz ihres hohen Alters hielten sich die Veteranen des französischen
Widerstandes kerzengerade. Nach mehr als vier Jahrzehnten standen sie wieder an
dem Ort, der für sie mit der Erinnerung an unermeßliches Leid, Todesangst und
Unfreiheit verbunden ist.
1944 hatten die Nazis die 16 Franzosen als Zwangsarbeiter in ein Barackenlager
an der Ecke Am Baggerloch/Kühlhausstraße verschleppt. Seit gestern erinnert
dort ein Ehrenmal an die insgesamt 21 Zwangs- und Fremdarbeiterlager in
der Stadt. Zur Einweihung der Gedenkstätte kamen mit den 16
einstigen Zwangs-
arbeitern weitere 31 Angehörige der französischen Widerstandsbewegung, der
Résistance.
Den Anstoß zum Besuch der Veteranen und zu dem Denkmal hatte der Jurist Dr.
Manfred Ernst gegeben, der seit Jahren den Spuren der nationalsozia-
listischen Schreckensherrschaft nachspürt. Vor einem Jahr veröffentlichte
Ernst eine Broschüre über Zwangsarbeiter im damaligen Wesermünde.
Einschließlich der Kriegsgefangenen lebten im Frühjahr 1944 in den Lagern der
Stadt 14373 Ausländer.
Bei den langwierigen Recherchen knüpfte Ernst auch Kontakte zu den Wider-
standskämpfern aus den südfranzösischen Städten Vercors und Loriol an, die
vor 44 Jahren in das Lager Am Baggerloch verschleppt worden waren. Dort wurden
1944 in acht Baracken etwa 400 Menschen gefangengehalten.
Mit dieser Anregung, auf diesem Platz an die Leiden der Zwangsarbeiter zu
erinnern, fand Ernst beim Magistrat spontan Gehör. Die Stadt errichtet schon
seit Jahren Gedenktafeln an Orten, die durch den Nazi-Terror geschichtlich
belastet sind. Den Entwurf für das Denkmal arbeiteten 15 Schüler aus der
Bauzeichnerklasse 1986/87 der Gewerblichen Lehranstalten (GLA) aus, die zwei
schlichte, knapp drei Meter hohe Blöcke aus rotem Klinker vorschlugen. Drei
Maurerlehrlinge der GLA bauten das Mahnmal dann auf einem Betonfundament, das
noch von einer Baracke des Lagers am Baggerloch zurückgeblieben ist.
Oberbürgermeister Karl Willms zum Werk der Berufsschüler: "Ein Sinnbild
für staatsbürgerliche Pflichterfüllung."
Die Gedenktafel auf einem der beiden Klinkerblöcke erinnert an das Zwangs-
arbeiterlager Am Baggerloch. Auf einer weiteren Tafel an der anderen Hälfte des
Mahnmals wird der Zwangsarbeiter in allen Lagern gedacht, die aus der Sowjet-
union, Frankreich, Polen, Belgien, Holland, Dänemark, Bulgarien, Italien kamen
oder staatenlos, Sinti und Roma waren.
In seiner Ansprache bekräftigte Oberbürgermeister Willms den Willen der Stadt,
die Nazizeit und ihre Schrecken "in Erinnerung zu halten und ständig vor
der Wiederholung zu warnen". Der Gedenkstein mahnt zu Humanität und
Völker-
verständigung, für die alle Demokraten kämpferisch eintreten müßten, zumal
die Gefahr des Rechtsextremismus keineswegs für immer gebannt sei.
Zur Wachsamkeit gegenüber Intoleranz und Völkerhaß rief auch der
Präsident der Widerstandskämpfer aus Vercors, Camille Guichard, auf, der es
als Vermächtnis der Opfer bezeichnete, den Schrecken von Krieg und
Gewalt-
herrschaft nie zu vergessen. Mit dem Bau des Mahnmals, so der Resistance-
Veteran, habe die Seestadt einen Beitrag zur Verständigung zwischen deutschen
und Franzosen geleistet.
Nordsee-Zeitung vom 27. Mai 1988