Ein Leben für die Karriere
Historikerin zeichnet Porträt von Lale Andersen

Die Eintragungen in ihr Tagebuch schloss sie häufig mit dem Ausruf "Ahoi". Aber den Star Lale Andersen, der mit Liedern von Häfen und Seemännern sein Publikum eroberte, zog es mehr nach München und Berlin als zurück an die Küste. Über Lale Andersens Leben sprach im Schiffahrtsmuseum die Historikerin Gabriele Ullrich.

Der Blondschopf mit der herben Stimme genoss es, im Mittelpunkt  zu stehen: 19-jährig heiratet die Bremerhavenerin den Kunstmaler Paul-Ernst Wilke, den die Frauen anhimmelten. Doch dem Leben mit ihm und den drei gemeinsamen Kindern zieht sie Schauspielunterricht in Berlin vor. "In Bremerhaven kann ich keine Karriere machen an dem kleinen Stadttheater", soll sie gesagt haben. Mit Mitte 20 geht sie.
Heute könne sie die Entscheidung der Mutter, ihre Karriereabsichten über die Kinder gestellt zu haben, verstehen und tolerieren, berichtete Lale Andersens Tochter Litta der Historikerin Gabriele Ullrich, die sich mehrere Jahre mit dem "ersten deutschen Weltstar" beschäftigt hatte und am Mittwochabend im Schiffahrtsmuseum mit Dias und Tonaufzeichnungen ein Porträt von "The Original Singer of Lili Marleen" zeichnete.
Eine schauspielerische Begabung habe Lale Andersen nie gehabt, urteilte ihr Sohn Björn. In den Sommerferien durfte er die Mutter auf ihren Konzertreisen begleiten- "man wusste nicht, wohin mit mir" wenn das Kinderheim geschlossen war. Also ging er für sie einkaufen, suchte die kürzesten Wege vom Hotel zum Konzertsaal und verteilte im Orchester die Noten. "Sie  hat sich immer beschäftigt und ich bin losgetrabt".
Dass ihr mit acht oder neuen Jahren erzählt wurde, dass die Tante, die häufig zu Besuch kam, ihre Mutter sei, habe sie nicht weiter gestört, erinnerte sich Litta, die bei Lales Schwester in der Schweiz aufwuchs: "Das war halt so." Genauso wie sie ihre Mutter als "hundsmiserable Köchin und schlechte Esserin", aber "sehr ordentlich" beschreibt.
Das Gewissen holte Lale Andersen in ihren Tagebucheintragungen ein, wenn sie als junge unbekannte Künstlerin schrieb, dass sie die Kinder so gerne zu sich holen wollte, das Geld aber nicht reiche.
Statt ihres "kritisch-bunten" Chanson-Programms der Weimarer Zeit hatten ihr die Nationalsozialisten "fades Zeug" diktiert, statt ihrer geliebten Rock-Hosen hatte sie Abendkleider zu tragen. Trotzdem bastelte sie an ihrer Karriere und der finanziellen Unabhängigkeit, arrangierte sich, um die Kinder holen zu können". "Lilli Marleen", das Lied aller Soldaten im Zweiten Weltkrieg, machte auch das möglich. Doch ihre Kinder waren da selbst fast schon erwachsen.

Nordsee-Zeitung vom 14. April 2000