


Ein Köhlener Lehrer kannte Lilli und Marleen
Klaus Deterts war der Freund von Liedtexter Hans Leip-
Berliner Freundinnen als Inspiration für berühmtes Soldatenlied
"Lilli Marleen"- bei dem Soldatenlied des Zweiten Weltkrieges bekommen
nicht nur altgediente Lanzer noch heute eine Gänsehaut. Lale Andersen wurde mit
dem Lied ein Weltstar. Nicht ganz unbeteiligt an dem Schlager war ein Lehrer aus
Köhlen.
Das 1938 von Norbert Schultze vertonte Lied wurde ein Jahr später durch Lale
Andersen aufgenommen und zur inoffiziellen Hymne der Soldaten an sämtlichen
Fronten. Als der Belgrader Soldatensender am 18. August 1941 begann, zum
Sendeschluss um 21.55 Uhr die Komposition als "Lied eines jungen
Wachtpostens" zu spielen, schwiegen die Waffen auf beiden Seiten für kurze
Zeit, und viele junge Männer dachten voller Wehmut an die Heimat und ihre
Liebste. Der Urtext des Liedes von Hans Leip, einem Soldaten des Ersten
Weltkrieges und späteren Schriftsteller.
Der Ringstedter Pastor i.R. Johannes
Göhler sowie die Köhlener Hermann und Claus Claussen haben jetzt einige
neue Details um das Mysterium "Lilli Marleen" zu Tage gebracht. Bei
ihrer Recherche für ein Buch zum 700-jährigen Bestehen Köhlens stießen sie
auf einen Brief aus dem Jahre 1955. Die damals 72-jährige Anna Mathilde
Claussen hatte einen Bericht über das Lied gelesen.
In dem im Artikel erwähnten Klaas Deterts hatte sie ihren Köhlener Lehrer
wieder erkannt. Sie schrieb nach Basssen bei Oyten, wo er inzwischen
unterrichtete. In seiner Antwort ließ Deterts seine Köhlener Zeit von 1915 bis
1925- unterbrochen durch seinen Dienst als Soldat- Revue passieren:
"Es ist wohl so: die erste Schulstelle ist die erste Liebe, und die
haftet."
Hans Leip war Klaas Deterts 1915 das erste Mal begegnet. Die beiden Junglehrer
waren zu den Gardefüsilieren nach Berlin eingezogen und auf Grund ihrer Bildung
zu einem Offizierslehrgang abkommandiert worden. Göhler: "Der
ostfriesische Schulmeister und der Hamburger verstanden sich auf Anhieb."
Leip schrieb später: "Als freie Küstensöhne steigerten wir uns
gegenseitig in unserem Abscheu des Kasernengebrülls und der Abrichtung zum
Massenmord. Wir waren mehr für Liebknecht als für Wilhelm zwo."
Verkäuferin und Arzttochter
Leip und Deterts hatten sich mit zwei gleichaltrigen Mädchen angefreundet.
Lili und Marleen. Lili war Verkäuferin in einem Gemüseladen, Marleen, eine
Arzttochter, diente als Helferin in einem Lazarett. Aber die Liebe zu den beiden
Mädchen währte nur kurz. Die beiden Männer mussten schon bald in den Krieg
ziehen. Hans Leip schrieb dazu: "Die Verse entstanden im April 1915, in der
frostigen, von einer Straßenlaterne durchschimmerten Nacht vorm Abmarsch zur
Schlachtbank." In einer Mischung aus Verliebtheit und Abschiedsschmerz
dichtete er: "Und sollte mir ein Leid gescheh`n, wer wird bei der
Laterne steh`n, mit dir, Lili Marleen?"
Leip gab seinem Gedicht auch eine Melodie, aber nach dieser ist es nur ein
einziges Mal gesungen worden. In einem Mietshaus in der Chausseestraße feierten
Leip, Deterts sowie Lili und Marleen Abschied bei Flaschenbier. "Da gab ich
es zum Besten, als sei es ein alter Gassenhauer, und dann erscholl es gemeinsam
und übertönte die Straßenbahnen, deren Geräusch wie Feuersalven
heraufknatterte", erinnerte sich Leip. Zum Gassenhauer wurde das Lied
im Zweiten Weltkrieg; veröffentlicht hatte Leip den Text erst 1937 in seinem
Versband "Hafenorgel".
Nach der Kriegszeit kehrte Deterts nach Köhlen zurück. Der Hamburger Leiß
ließ den Kontakt nicht abreißen. Mehrmals kam er ins stille Lehrerhaus nach
Köhlen. Dort schrieb Leip seinen von Thomas Mann hochgelobten Roman "Godekes
Knecht". Der handelt von einem Gefährten des Seeräubers Klaus
Störtebeker.
Nordsee-Zeitung vom 23.03.2000