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Ein wertvolles kulturelles Gut
Historiker Kai Kähler berichtet über die Sammlung
des vor 115 Jahren gegründeten Kunstvereins
Foto: Peter Müller
Eine vielfältige Kunstsammlung aufbauen und öffentlich auszustellen- das stand
von Anfang an im Zentrum der Aktivitäten des Bremerhavener Kunst-
vereins. Wie der Historiker Kai Kähler in einem Vortrag darstellte, war die
Stadtverwaltung stets daran beteiligt, um die Ausstrahlung der eigenen Stadt zu
stärken. Schon bei der Gründung des Vereins im Jahr 1886 wirkte der damalige
Stadtdirektor mit.
Was im Laufe von 115 Jahren an Kunstwerken in die Hände des Bremerhavener Kunstvereins gelangt war, das sollte Kähler dokumentieren, als 1996
seine Tätigkeit begann. Er arbeitete sich durch eine umfangreiche Sammlung, die
wenig sortiert und nur teilweise archiviert war. Gleichwohl entdeckte er
erstaunliche Werte, die sich auf einen Versicherungswert von rund vier Millionen
Mark summieren. "Im Gegensatz zur Lagerung konnte der Sammlungsaufbau also
nicht so unfachmännisch erfolgt sein", meinte der Historiker.
Kähler bewertet eine solche Bilanz durchaus als erstaunlich, denn der Verein
wurde stets ehrenamtlich geführt und konnte nur selten über nennenswerte
Finanzmittel verfügen. Mehrfach schliefen die Vereinsaktivitäten ein und
mussten regelrecht wiederbelebt werden. Da am Anfang nur Bilder aus Nachlässen
und Stiftungen zum Verein kamen, konnte der zielgerichtete Aufbau einer Sammlung
nach eigenen Kriterien erst im Jahre 1922 beginnen- mit dem "Bildnis des
Malers L." von Hans Albitz.
Bürgerliches Engagement
Zwar sprudelten die Geldquellen nicht besonders reichlich, aber sie
versiegten nie vollständig. Mehrfach überwies die städtische Verwaltung einen
mehr oder weniger großen Betrag, die Mitglieder spendeten für ein bestimmtes
Werk, Banken und Sparkassen waren aktiv, und erst sehr spät meldeten sich
einzelne Sponsoren. "Nach über hundert Jahren Vereins-
geschichte kommt somit auch in Bremerhaven ein bürgerliches Engagement für die
bildende Kunst zum Tragen, das für andere Städte längst selbst-
verständlich war", stellt Kähler fest.
Auch die Orte, an denen Teile der erworbenen Kunstwerke gezeigt wurden, spiegeln
eine eigenartige Geschichte wider. Laut Kähler stand im Stadthaus ab 1893
erstmals ein Raum für Ausstellungen zur Verfügung. Dann war es eine ehemalige
Direktorenwohnung in der Städtischen Sparkasse, und schließlich konnte am 21.
April 1912 im Seitenflügel des neuen Stadttheaters die neue Kunsthalle
eingeweiht werden. "Innerhalb eines Jahres erhielt Bremerhaven zwei
kulturelle Einrichtungen, die die Oberzentrumsfunktion der Stadt
repräsentierten", betonte Kähler, und dies illustriert seiner Meinung
nach eine bemerkenswert offensive kulturpolitische Haltung des Magistrats in der
damaligen Zeit.
Was Kähler bei seinen Recherchen deutlich wurde, war die Orientierung des
Kunstvereins auf eine Sammlung mit überregionaler Ausstrahlung. Es ging ihm
zwar auch darum, das lokale und regionale Kunstschaffen zu fördern, aber so
weit wie möglich behielt er auch die zeitgenössische Kunst insgesamt im Auge.
Deutliche Einbrüche gab es während der Nazizeit, als laut Kähler eine
provinziellere Richtung dominierte. Dies sei auch daran zu erkennen, dass die
bis dahin teuerste Anschaffung in der Geschichte des Kunstvereins im Jahre 1937
ein Porträt des Oberbürgermeisters Julius Lorentzen war. "Leider wissen
wir nicht was aus dem Bild geworden ist", sagte Kähler. Möglicherweise
wurde es während des Bombenangriffs von 1944 vernichtet, als die Kunsthalle
zerstört wurde und ein Großteil der Sammlung verloren ging.
Weitere Verluste registrierte Kähler in der Zeit nach 1945, als wegen des
Mangels an Räumlichkeiten viele Bilder an Schulen, Ämter und Kranken-
häuser ausgeliehen wurden. So seien Gemälde von Andreas Aschenbach und Otto
Modersohn seit dieser Zeit verschwunden. Über neue Ankäufe wurde im Verein
zunehmend gestritten, denn die zeitgenössische Avantgarde blieb vielen
Vereinsmitgliedern fremd, berichtete Kähler.
1400 Exponate erworben
Insgesamt wurden während der bewegten 115 Jahre des Bremerhavener
Kunstvereins nach Angabe von Kai Kähler rund 1400 Exponate erworben. Deren
Betreuung und Pflege sei ehrenamtlich kaum noch zu leisten und deshalb müsse
nun intensiv darüber nachgedacht werden, wie dieses wertvolle kulturelle Gut
künftig genutzt werden soll. Auf diese Weise unterstrich Kähler mit Nachdruck
die Forderung endlich den Bau eines Bremerhavener Kunstmuseums anzupacken- im
Interesse der Stadt und ihrer Ausstrahlung.
Sonntagsjournal vom 4. Februar 2001