Die Erinnerung an den früheren Erfolgs-Kapitän des NDL, Leopold Ziegenbein, hält ein ehemaliger Steward wach, berichtet von Thomas Klaus

Ziegenbein, ein Seemann mit Herz

Es gibt Momente im Leben, die man einfach nicht vergisst. So erging es auch dem mittlerweile 80jährigen Wilhelm Bohling, als er am 3. Mai 1935 in Bremerhaven auf dem legendären Passagierschiff "Bremen" als  Steward anheuerte. 40 Minuten zu spät war er damals an Bord gekommen. Ein Page schnappte sich den jungen Burschen und führte ihn auf die Brücke. Dort stand eine eindrucksvolle Persönlichkeit: Kommodore Leopold Ziegenbein. Und der fragte Bohling streng, warum er so spät dran sei. Erst vor wenigen Stunden, antwortete Wilhelm Bohling,  habe er von der Heuermöglichkeit gehört und dann gleich seinen Rucksack gepackt und sei so schnell wie möglich zur Columbuskaje gerannt. "Da nickte mir der Kommodore väterlich zu und sagte: Gut, mein Sohn, dann gehen Sie und machen Sie Ihren Dienst."



Für den in Langen im Landkreis Cuxhaven lebenden Ruheständler Wilhelm Bohling sind Begriffe wie "Treue" oder "Loyalität" keine Worthülsen. Und das beweist er auch nach Jahrzehnten im Umgang mit seinem einstigen Vorgesetzten Ziegenbein. Seit dessen Tod am 21. Juni 1950 in Nordholz bei Cuxhaven und der Bestattung drei Tage später in Langen setzt sich der Ruheständler gemeinsam mit Gleichgesinnten energisch dafür ein, das Andenken an den Kommodore zu wahren.
Kapitän Leopold Ziegenbein war nicht "irgendein" Schiffsführer. In die Dienste der Reederei Norddeutscher Lloyd (NDL) trat der 1874 in Celle geborene Ziegenbein im April 1900 ein. Er begann als IV. Offizier auf dem Dampfer "Willehad". Verschiedene Stationen und schnelle Beförderungen folgten. Der Höhepunkt seiner seemännischen Karriere  wurde am 16. Juli 1929 erreicht. Damals eroberte Leopold Ziegenbein Schulter an Schulter mit dem Leitenden Ingenieur Julius Hundt auf der Jungfernfahrt der "Bremen", die in Bremerhaven begonnen hatte, das "Blaue Band" zurück- von England für Deutschland. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 27,83 Knoten hatten sie in der Rekordzeit von vier Tagen, 17 Stunden und 42 Minuten den Atlantik überquert und der NDL hatte damit nach einer Abstinenz von mehr als 20Jahren endlich wieder seine Vormachtstellung im nord-atlantischen Passagierverkehr bewiesen. Die Leistung wurde weltweit gewürdigt und bejubelt.
Für Ziegenbein hagelte es Anerkennung, beispielsweise die Ehrenbürgerschaft von Atlantic City und New York. Im Dezember 1932 machte die Reederei ihn zum Kommodore des Norddeutschen Lloyd. Ein knappes Jahr später erhielt er als erster NDL-Kapitän einen eigenen Stander. In den Ruhestand ging Ziegenbein 1936, offiziell aus Gesundheitsgründen. Aber Wilhelm Bohling geht davon aus, dass Freidenker Ziegenbein für sich immer stärkere Probleme mit den Nazis bekommen hatte. Der Erfolgs-Kapitän starb 1950 tief enttäuscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten ihn die amerikanischen Besatzer schikanös behandelt, so Bohling. Ziegenbein habe auf den Dachboden seines Hauses ziehen müssen.


Die ehemalige Ziegenbein-Villa in der von-Glahn-Straße 18

Den US-Offizieren erzählte er von seiner Ehrenbürgerwürde. Doch die wollten davon nicht viel wissen. Daraufhin holte Ziegenbein die Urkunden und zerriss sie vor den Augen der Amerikaner.
Wilhelm Bohling schätzte Ziegenbein nicht nur wegen seiner Verdienste als Kommodore, sondern auch als Mensch. Mit weltweit bekannten Persönlichkeiten- Künstlern, Schauspielern, Spitzensportlern, Wirtschaftslenkern, Politikern- habe er genauso locker und charmant umgehen können wie mit "Normalsterblichen". Bohling erinnrt sich: "Er war ein großartiger Mann mit Herz und Seele." Beispiel: Regelmäßig organisierte Ziegenbein an Land Kinderfeste und finanzierte diese aus eigener Tasche.
                    Ein solcher Mann dürfe einfach nicht in Vergessenheit geraten, meint Wilhelm Bohling. Auf seine Initiative hin wurde 1992 nach vielem Hin und Her der Weserdeich in Bremerhaven zwischen dem Simon-Loschen-Turm und der Kaiserschleuse in "Kommodore-
Ziegenbein-Promenade" umgenannt.
Im selben Jahr wurde im  Columbusbahnhof in Bremerhaven eine private Dauerausstellung eröffnet. Wilhelm Bohling und seine Mitstreiter Friedrich Dammeyer und Herbert Geisler präsentieren zahlreiche Exponate aus der Geschichte des NDL, der 1970 mit der Hapag zur Hapag-Lloyd AG fusionierte. Ein Schwerpunkt der Ausstellungsstücke ("ein sehr wichtiges Stück Zeitgeschichte des NDL", so Bohling) liegt auf der "Bremen" und dem Kommodore Ziegenbein. Geöffnet ist die Ausstellung, wenn gerade in Bremerhaven Kreuzfahrtschiffe festmachen. Darüber hinaus sorgte Bohling zusammen mit seinen Mitstreitern gegen allerlei politische Widerstände, dass die Grabstätte Ziegenbeins auf dem Friedhof in Langen nicht dem Verfall preisgegeben wurde.

"Kommodore des Norddeutschen Lloyd und Kapitän des Schnelldampfers "Bremen"- Juli 1929- November 1936 "Acht Glas" Holt nieder Kommodore-Stander

Vielmehr wurde sie umgestaltet und zu einer maritimen Gedenkstätte aufgewertet.


Der Langener Steinmetz Helmut Dallmann konzipierte die Gedenkstätte, über nahm die Steingravur und alle sonstigen Arbeiten im Gesamtwert von 15.000 Mark- und verzichtete auf jegliches Honorar.



Ähnlichen Eifer würde sich Wilhelm Bohling auch von der Stadt Bremerhaven wünschen. Um Ziegenbeins Leistungen zu würdigen, sollte man hier noch viel mehr unternehmen, meint der alte Herr. Generell habe die Seestadt Nachholbedarf, wenn es darum geht, vor dem NDL und seinen Kapitänen den Hut zu ziehen. Immerhin war der Norddeutsche Lloyd ein bedeutsamer Arbeitgeber und Imageträger Bremerhavens.

Quelle: "Seekiste" (Privatarchiv Wilhelm Bohling, Langen)