Empfang der Thora gefeiert
Festakt der jüdischen Gemeinde zur Einweihung ihrer Synagoge-Besucher stehen dicht gedrängt

Mit 200 Gästen hatte die jüdische Gemeinde gerechnet. Rund doppelt soviele kamen gestern zum Festakt in die kleine Synagoge Am Blink. Nicht immer mit einer Einladung, aber mit dem Wunsch, Solidarität zu zeigen und eine historische Stunde mitzuerleben: Nach 62 Jahren hat Bremerhaven wieder eine Synagoge.

Obwohl die Mitglieder der jüdischen Gemeinde jeden verfügbaren Stuhl heran trugen, fand längst nicht jeder Gast Platz. Bis zur Eingangstür standen dicht gedrängt die Besucher, gespannt darauf wartend, wie die Gemeinde eine Thora erhält- den heiligsten Gegenstand des jüdischen Lebens. Erst durch ihn wird ein jüdischer Versammlungsort zur Synagoge.



Entsprechend feierlich wurde die Einsetzung der Thora begangen. Begleitet von Chorgesang trug der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Günter Schmitt, die mit einer Krone geschmückte Gesetzesrolle in die Synagoge. Das Gebet und den Segen sprach Landesrabbiner Prof. Dr. Benyamin Barslai unter dem traditionellen Baldachin, der von vier Männern der Gemeinde gehalten wurde.
"Etwas ganz Wunderbares" sei diese Feier, sagte Regierungschef Dr. Henning Scherf (SPD) in seiner Ansprache. Sie sei auch ein Zeichen, dass "die Nazi-Verbrecher nicht das letzte Wort hatten". Für die Bremerhavener sei die Synagoge ein Geschenk, dass sie schützten müssten. "Das darf man nicht allein der Polizei überlassen", so Scherf. Er hoffe, dass an diesem Ort künftig alle gemeinsam feiern. "Dann haben Rechtsradikale keine Chance."
"Wir werden dafür kämpfen, dass sich die Gesellschaft verändert", sagte Elvira Noa, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde im Land Bremen, mit Blick auf den Rechtsradikalismus. Für sie ist die jüdische Gemeinde Bremerhaven mit ihren 30 Mitgliedern ein "kleines Juwel". "Die jüdische Gemeinschaft steht unter unserem Schutz", betonte Oberbürgermeister Jörg Schulz (SPD), der das reiche jüdische Kulturleben skizzierte, das die Nazis auslöschten. Mit einem gemeinsamen Gebet erinnerte auch Landesrabbiner Barslai an die grausame Ermordung von sechs Millionen Juden.

Nordsee-Zeitung vom 28. November 2000