Mehr Tradition als Religion
Mircea Ionescu ist nicht tief gläubig, aber die Thora bedeutet ihm viel

Im Fenster blinkt die Weihnachtsbeleuchtung, auf dem Tisch steht die Menora, der traditionelle siebenarmige Leuchter der Juden. "Wir feiern alles", meint Mircea Ionescu lächelnd. "Chanukka und Weihnachten." Als religiös bezeichnet sich der Musiker nicht. Doch dass seine Synagoge eine Thora erhält, bedeutet ihm viel.



"Eine Synagoge ohne Thora ist wie ein Mensch ohne Herz", findet Ionescu, der seit 1980 in Bremerhaven lebt und seitdem am Stadttheater als Cellist arbeitet.
Vor rund zwölf Jahren hörte er, dass Günter Schmitt eine Gemeinschaft von jüdischen Bremerhavenern gründen möchte. "Das war wie eine Befreiung", erinnert er sich. Nun konnte er mit Menschen reden, die die gleiche Tradition haben. Denn für den 46-Jährigen ist der jüdische Glaube mehr Tradition als Religion. "Wenn ich vier Wochen keine Zeit hatte, zur Synagoge zu gehen, fehlt mir etwas", sagt er. Doch den  Sabbat, den Ruhetag von Freitagabend bis Sonnabendabend, halte er beispielsweise nicht ein. "Das kann ich gar nicht in meinem Beruf", sagt er.
Dies sei nicht ungewöhnlich, weiß der Vorsitzende der Gemeinde, Günter Schmitt. Die wenigsten Mitglieder seien streng religiös, trotzdem sei es ihnen wichtig, hier eine Gemeinschaft zu haben.
Ionescu stammt aus Rumänien, aus dem früheren Siebenbürgen, Menschen jüdischen Glaubens wurden in dem einst kommunistischen Land oft diskriminiert. "Es gab  eine antisemitische Grundhaltung", erinnert er sich. In seinem Elternhaus habe Religion aber keine sehr große Rolle gespielt.

Heirat mit einer "Goj"
Geheiratet hat Mircea Ionescu eine "Goj", eine nicht Gläubige. "Als wir uns kennen lernten, habe ich überlegt, ob ich konvertiere. Eigentlich wollte ich es auch", erzählt Carmen Ionescu, die bereits aus der evangelischen Kirche ausgetreten war. Doch das Judentum ist eine der wenigen Religionen, die vor einen Übertritt hohe Hürden setzt. Drei Jahre hätte sie beim Rabbiner in Bremen Unterricht nehmen und anschließend eine Prüfung ablegen müssen.
            So ist ihre Familie "multi-kulti", meint Carmen Ionescu. Mirceas fast 16-jährige Tochter Mira aus erster Ehe ist konfirmiert, die siebenjährigen Zwillinge Layla und Daria sollen später selbst entscheiden, welchen Glauben sie wählen.
Aber er habe schon Interesse, dass die beiden den Religionsunterricht an der Synagoge besuchen, der im nächsten Jahr angeboten werden soll, bekennt Mircea Ionescu. "Ich werde sie nicht zwingen, aber ich versuche, es ihnen schmackhaft zu machen- wie ich als Musiker ihnen auch Musik schmackhaft mache."
Auf den Veranstaltungen der Gemeinde kommt fast immer die ganze Familie mit. Carmen Ionescu, die Zwillinge und Mira beteiligen sich auch an dem Festakt am Montag. Gemeinsam mit dem Chor singen sie das jiddische Lied "Mir lebn ejbig" (Wir leben ewig). Entstanden ist es 1943 im Wilnaer Getto, wo die eingeschlossenen Juden es vor SS-Leuten sangen.

Nordsee-Zeitung vom 25. November 2000