Aufforderung zum Abtransport
107 jüdische Familien 1932 in Wesermünde- 1941 Deportation nach Minsk

"Gesegnet sei, der hier eintritt", stand in Hebräisch über der alten Synagoge in der Schulstraße 5. Für die SA-Männer, die am 9. November 1938 mit Benzinkanistern das Gotteshaus stürmten, galt dies nicht. Bis auf die Grund-
mauern brannte in der Reichsprogromnacht die 1878 erbaute Synagoge ab.

SA- und SS-Männer misshandelten in dieser Nacht jüdische Bürger, zerstörten und plünderten ihre Geschäfte und Wohnungen. Am nächsten Morgen war die "Bürger" von Scherben versät, waren zahlreiche Juden verhaftet. Die Trümmer der Synagoge wurden auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgetragen, das Grundstück musste bald darauf an die Stadt verkauft werden.

Angst weit verbreitet
Sechs Jahre zuvor- 1932- lebten 107 jüdische Familien in Bremerhaven/Wesermünde. Geleitet wurde die Gemeinde seit 1928 von Julius Schocken. Dem wegen seines sozialen Engagements geachteten Kaufmann gehörten zwei Warenhäuser in Wesermünde und Bremerhaven.  Als er 1934 starb, waren führende Gemeindemitglieder bereits ausgewandert. Nur noch 76 Familien zählte die Gemeinde 1937. Unter den Juden war zu diesem Zeitpunkt die Angst längst weit verbreitet. Die meisten trauten sich nicht, die Synagoge durch den Haupteingang zu betreten.
Nach der Reichsprogromnacht trieben die Nationalsozialisten die "Ausschaltung" der Juden aus dem öffentlichen Leben voran. Rund 30 jüdische Geschäfte und Handwerksbetriebe listeten sie 1938 für Bremerhaven/Wesermünde auf. Die Eigentümer wurden enteignet. Die in Bremerhaven verbliebenen Juden wurden ab 1939 in möglichst wenigen Häusern zusammengefasst- eines davon war die Wurster Straße 106 die Villa Schocken.
Zweieinhalb Jahre später erhielten alle in Wesermünde wohnenden "Volljuden" die Aufforderung, sich am 17. November 1941 um 10 Uhr auf dem Hauptbahnhof in Geestemünde einzufinden. Ihre Wohnungsschlüssel sollten sie beim Hausmeister abgeben, Elektrizität und Gas abzuschalten. Für die meisten ging es in den Tod. Zusammen mit Juden aus Bremen und dem Bezirk Stade wurden die Bremerhavener nach Minsk abtransportiert, später in Vernichtungslager. Nur wenige überlebten. Keiner kehrte nach Bremerhaven zurück.
Damit löschten die Nationalsozialisten auch eine rund 140-jährige jüdische Tradition und Kultur in der Stadt aus. Die erste jüdische Gemeinde war um 1804 in Lehe entstanden, als unter dem Einfluss der napoleonischen Besatzung das deutsche Judenrecht liberalisiert wurde. Die Freie Hansestadt Bremen hatte es den Juden hingegen lange schwer gemacht. Galten sie in Lehe schon längst als Gemeinde, rechtlich den Christen gleichgestellt, waren sie in Bremerhaven nur ein eingetragener Verein.
Der Aufschwung der Unterweserorte um die Jahrhundertwende half auch der Gemeinde. Jüdische Händler wurden zu einem wichtigen Bestandteil des Geschäftslebens. Es entstanden zahlreiche Kulturvereine, sogar ein jüdischer Kegelclub wurde gegründet. Die Gemeinde galt als kaisertreu, viele Mitglieder dienten im Ersten Weltkrieg. 1924 gründeten sie den Verein jüdischer Frontsoldaten- auch zur Abwehr der ersten Auswüchse des Antisemitismus.

Nordsee-Zeitung vom 25. November 2000