Der Bankrott einer blühenden Werft
Vortrag des Historikers Marc Fisser über die Schließung von Tecklenborg im Jahr 1928

Bremerhaven. Im Jahr 1928 war Johannes Friedrich Schröder der wohl meistge-
haßte Mann an der Unterweser. Der Bremer Bankier ließ damals die welt-
berühmte Geestemünder Tecklenborg-Werft schließen. 2300 Arbeiter saßen auf der Straße. Die wirtschaftlich gesunde Werft fiel Konzentrationsbestrebungen zum Opfer. Nicht wenige sehen darin heute eine Mahnung für die Gegenwart.

Kaum ein Ereignis hat die Bremerhavener so bewegt, wie das traurige Schicksal des Renommierbetriebes an der Geeste. Der Historiker und Journalist Marc Fisser aus Hameln berichtete in seinem Vortrag am Dienstag abend über den "Schiffbau an der Unterweser" ausführlich über Tecklenborg. Die Veranstaltung im Deutschen Schiffahrsmuseum (DSM) mit rund 100 Besuchern wurde vom Stadtarchiv zusammen mit DSM und Schiffahrtsgeschichtlicher Gesellschaft organisiert. Fisser präsentierte Ausschnitte aus seiner vom Bremerhavener Technikhistoriker Dr. Dirk J. Peters betreuten Magisterarbeit, die jetzt in überarbeiteter Form vom Stadtarchiv als Buch herausgegeben wurde.

Kaum ein Industriezweig verzeichnete in den 20er Jahren ein ähnliches Auf und Ab wie der Schiffbau, kaum ein Industriezweig litt so stark unter der Abhängigkeit von der Weltwirtschaft, vor allem der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre.
Die Tecklenborg-Werft war 1881 aus Platzgründen auf das Geestemünder Ufer- den Wählacker gezogen. Heute steht dort die Marineschule. Die mit modernsten Maschinen ausgestattete Werft erwarb sich durch Vielseitigkeit und Qualität Weltruf. 1926 bemühte sich der schlingernde Konkurrenzbetrieb AG "Weser" in Bremen um einen Zusammenschluß mit der ohne Verluste arbeitenden Tecklenborgwerft. Schlüsselfigur dieses Vorhabens war der Bremer Bankier J.F.Schröder. Ihm gehörte nicht nur die gleichnamige Bank in der Hansestadt, sondern auch die Aktienmehrheit bei AG "Weser" und der DDG Hansa. Bei beiden Unternehmen saß Schröder dem Aufsichtsrat vor. Außerdem gehörte er dem Aufsichtsrat von 50 weiteren Firmen an. Darunter war auch der Nord-
deutsche Lloyd, was sich als folgenschwer für Tecklenborg auswirken sollte.

Zustimmung zur Fusion
Für Tecklenborg existierte kein wirtschaftlicher Grund, auf Schröders Vorschlag einzugehen. Dennoch stand die große Sorge im Raum, die Werft könnte im Fall einer Absage ihre beiden wichtigsten Auftraggeber DDG Hansa und den NDL durch Schröders Einfluß verlieren. Schon im Februar 1926 vergab die DDG zwei Aufträge für Frachtdampfer nicht an den günstigsten Haupt-
partner Tecklenborg, sondern an die AG "Weser". Schließlich stimmten die Geestemünder der Fusion zu. Am 28. Dezember 1926 entstand die neue Firma Deschimag. Bald wurden negative Konsequenzen spürbar. Tecklenborg durfte nicht mehr selbständig Werbung treiben und keine Aufträge abschließen. Für die Bauer-Wach-Abdampfturbine trub der Betrieb ebenso die Entwicklungskosten wie für die Maier-Schiffsform- die AG "Weser vermarktete die Erfindungen mit großem Erfolg. Allein 1927 annullierte der NDL sechs Aufträge, weil die Deschimag diese nicht von Tecklenborg ausführen lassen wollte. Dafür verzeichnete die Bremer Werft im Vergleich eine Auftragssteigerung von 721 Prozent.
Als Georg Seebeck am 27. Februar 1928 starb, übernahm die Deschimag 75 Prozent des Seebeck-Aktienkapitals. Nun existierten zwei Deschimag-Betriebe an einem Standort, die Schließung von einem der beiden war absehbar. Die kleinere Seebeckwerft ließ sich leichter in das Deschimag-Konzept einbinden.  Gegen großen Protest kam das Ende am 24. September 1928. Tecklenborg wurde abgerissen, 2300 Arbeiter entlassen. 300 Zulieferbetriebe waren betroffen, die Arbeitslosenzahl nahm rapide zu.
Die Deschimag überlebte die Weltwirtschaftskrise mehr tot als lebendig. 1932 stand sie vor dem Konkurs und wurde in Reichsbesitz übernommen. Später gingen die Aktien an den Krupp-Konzern. Erst das NS-Aufrüstungsprogramm sorgte für neue Aufträge. Kriegsschiffe wurden gebraucht.

Nordsee-Zeitung vom 27. Oktober 1995