"Johann Heinrich Burchard"

Der Auftrag für das größte von Tecklenborg gebaute Schiff, nämlich die D. "Johann Heinrich Burchard, wurde am 19. Februar 1912 von der Hamburg-Amerika-Linie erteilt. Das Schiff lief am 10.02.1914 vom Stapel und wurde am 20.11.1915 in Dienst gestellt.

Benannt wurde das Schiff nach dem Hamburger Bürgermeister gleichen Namens (1852-1912), der ein Freund Kaiser Wilhelms II war. Er wurde auch der königliche Bürgermeister genannt.

Als Baupreis wurden 8,247 Mio. Mark vereinbart.
Besonders interessant war die Maschinenanlage, die nach dem Prinzip der "Dreieinigkeit" arbeitete. Sie bestand aus drei Aggregaten, zwei sehr soliden Dreifachexpansionsmaschinen und einer Turbine, deren Laufrad von dem Abdampf der beiden Kolbenmaschinen beflügelt wurde, bevor er sich im Kondensator wieder zu Wasser verdichtete. Die Turbine gab ihre Leistung an eine mittschiffs angeordnete dritte Schraubenwelle ab. Insgesamt arbeiteten 9000 "indizierte" Zylinder- und 4600 "effektive" Turbinen- Pferde an den drei Schrauben und verliehen dem 179,96 m langen und 24,53 m breiten Schiff eine Geschwindigkeit von etwa 18 Knoten.

Kapazität 2000 Passagiere, 6000 t Ladung
Die Inneneinrichtungen waren von namhaften Künstlern entworfen und zeugten vom Geist eines modernen Stilgefühls. In der I. Kajüte konnten 369 Gäste, in der II. 185 Passagiere, in der  III. Klasse 380 Reisende und im Wohndeck 944  Auswanderer beziehungsweise Saisonarbeiter untergebracht werden.
Zu ihrer Beförderung und Betreuung waren 450 Mann vorgesehen. Besonderes Aufsehen gab es wegen des geräumigen Schwimmbades auf dem Bootsdeck, dessen Dach je nach Wetterlage geöffnet werden konnte.

Schwieriger Stapellauf
D. "Johann Heinrich Burchard" lief am 10. Februar 1913 vom Stapel, das Schwesterschiff "William O`Swald" folgte ihm am 30. März. Die Geeste bot für den Stapellauf des großen Schiffes einige Schwierigkeiten, und der Landrat des Kreises Geestemünde hatte sie für jeden Schiffsverkehr gesperrt. Georg W. Claußen, Vorstandsmitglied und befähigter Chefkonstrukteuer der Tecklenborgwerft war froh, als nach geglücktem Stapellauf die Anker des Schiffes in den Mudd der Geeste donnerten. Schon 1907, als D."Prinz Friedrich Wilhelm" mit 17324 BRT ins Wasser rauschte, hatte es bereits Lobeshymnen für die geglückte Schiffsgeburt gegeben, in die allerdings der "Schreiber dieses" damals nicht einstimmte, weil ihm Heckwelle des Lloyd-Dampfers am Ufer des Volksgartens ein Bad verpaßte, dessen hydrographische Wirkung bis oberhalb des menschlichen "Südpols" reichte.- Der Pate konnte übrigens nur im Geiste am Taufakt teilnehmen, weil er schon zwei Jahre vorher das Zeitliche gesegnet hatte. Er hätte sicher gern die Reise nach Bremerhaven gemacht, denn er war im Bremischen ein wenig zu Hause. Burchard war nämlich im Jahre 1852 in Bremen geboren und stieg erst später als Rechtsanwalt zu senatorischen und schließlich 1902 zu bürgermeisterlichen Ehren der Freien Hansestadt Hamburg auf.
Den Taufakt vollzog inmitten feierlicher Zylinderdrigkeit nach einer"markigen, weithin schallenden Rede" des Hamburger Bürgermeisters Predöhl die Tochter des Paten mit einer Flasche "Kupferberg Gold", wie der Reporter gewissenhaft bemerkte. Leider ließen diese Patenschaften Burchard und seinen Kollegen O`Swald nicht in die maritime Geschichte eingehen; beide Schiffe haben ihren Namen nicht über See getragen. D."Johann Heinrich Burchard" lag, nachdem das Schiff den Ausrüstungskai verlassen hatte, während des I. Weltkrieges bei Schuppen 14 des Kaiserhafens in Nachbarschaft der für die Qualität ihrer belebenden Getränke bekannten Gastwirtschaft "Roter Sand". An Bord vertrieben gelegentlich anmutige Mädchen aus den Unterweserorten den Wachoffizieren die Langeweile durch beschwingte Zusammenkünfte, die man heute als Partys zu bezeichnen pflegt, seinerzeit aber als Zeichen hanseatischen Mutes auf dem Gebiete der Frauen-Emanzipation gewertet wurden.

Verhängnisvoller Torpedoschuß
Die angedeutete Namenslöschung war die betrübliche Folge eines soldatischen Irrtums. Da hatte am 16. März 1916 Oberleutnant z.S. Metz, Kommandant von "UB 13" in der Nordsee beim Nordhinder Feuerschiff einen großen Dampfer in sein Sehrohr bekommen, der sich auffallend unschuldig bewegte. Das Schiff bot für einen U-Boot-Fahrer ein geradezu ideales Ziel, das den Schuß förmlich herausforderte. Der Kommandant drückte, und der Treffer saß auch da, wo er sitzen sollte: Das "feindliche" Schiff ging schnell auf Tiefe. Leider mußte der Kommandant bald feststellen, daß er die "Tubantia" des Königlich-Holländischen Lloyd, 1914 in Glasgow gebaut und zu 13911 BRT vermessen, torpediert hatte. Obwohl das Kriegstagebuch und der Torpedonachweis frisiert wurden, sickerte die Wahrheit schnell durch, und es kam zu scharfen Protesten der niederländischen Regierung in Berlin. Da es am Tatbestand, trotz des "schneeweißen" Gutachtens des Reichsmarineamtes, nicht viel zu deuteln gab, sprach das Auswärtige Amt den Holländern sein lebhaftes Bedauern aus und legte dem Königlich-Holländischen Lloyd die beiden "Bürgermeister"-Schiffe der Hamburg-Amerika-Linie auf die Wunde "Tubantia" und andere schon schmerzende Narben der Reederei, die im Laufe der kriegerischen Auseinandersetzungen besonders hohe Schiffsverluste hatte hinnehmen müssen.
Der Eigentumswechsel ging nun nicht in der  Form vor sich, daß die holländische Gesellschaft die Schiffe übernahm und die HAPAG vom Reich entschädigt wurde, sondern Albert Ballin und Mijnheer Wilmink handelten einen regelrechten Kaufvertrag aus, der am 8. Juni 1916 in Berlin geschlossen wurde. Danach gingen beide Schiffe um den Preis von 25 Mill. Mark in den Besitz des Königlich-Holländischen Lloyd über; die Übergabe aber sollte erst unmittelbar nach Friedensschluß erfolgen.- Bei dem Handel spielte übrigens deutlicher Hinweis auf schwedische und dänische Interessenten eine Rolle, die Ballin sehr seltsam folgendermaßen formulierte: "Sie werden mich nicht für so geschmacklos halten, Ihre Kauflust anreizen zu wollen, indem ich Ihnen andere Käufer vorspiegelte."

Die Alliierten machen Schwierigkeiten
Durch diesen Vertrag konnten sich die beiden Hamburger Schiffe bei Abschluß des Waffenstillstandes im Jahre 1919 als DD. "Limburgia" und "Brabantia" der Beschlagnahme durch den Feindbund entziehen, der bekanntlich damals die ganze deutsche Handelsflotte als Vorleistung auf die sogenannten Reparationen beansprucht hatte. Als die beiden Dampfer im Jahre 1920 nach Amsterdam überführt wurden, protestierten die Alliierten nachdrücklich gegen diese angeblich fingierte Eigentumsübertragung. Deren Einsprüche konnten aber die Indienststellung der beiden Schiffe nicht verhindern. Die Namensträger der beiden südlichen Provinzen der Niederlande wurden in den Linienverkehr nach dem La Plata eingestellt, für den sie ja ursprünglich bestimmt waren. Inzwischen drückten die Alliierten aber weiter in Den Haag, und diese diplomatischen Aktionen hatten die Herausgabe einer Denkschrift zur Folge, in der die holländische Reederei die Rechtmäßigkeit des Flaggenwechsels durch Veröffentlichung des Vertrages und des Briefwechsels mit der Hamburg-Amerika-Linie unter Beweis stellte. Dennoch beharrte die damaligen Feindbundmächte auf der Herausgabe der beiden Einheiten, und die Reederei beugte sich schließlich, anscheinend nicht ganz unwillig- die beiden Schiffe waren sicher zu groß für den Linienverkehr der holländischen Gesellschaft- wohl auf gutes Zureden der Regierung dem Ansinnen der Reparationskommission. Die "Limburgia" und "Brabantia" wurden den United America Lines zur Verfügung gestellt. Diese im Jahre 1921gegründete, dem Harriman-Konzern gehörende Reederei hatte mit der Hamburg-Amerika-Linie einen ähnlichen Agenturvertrag abgeschlossen wie seinerzeit der Norddeutsche Lloyd mit der bald an Grund geratenen United-States- Mail SS Co., der Vorgängerin der jetzigen United States Lines. Die ehemaligen HAPAG-Schiffe bekamen nun ihre dritten Namen und fuhren als "Reliance"- ex. "Johann Heinrich Burchard"- und "Resolute" unter den Stars an Stripes. Diese neuen Namen "Zuversicht" und "Entschlossen" hatten einen leicht martialischen Beigeschmack, und es gab Leute an der Wasserfront von New York, die deswegen unkten- wie sich später zeigen sollte, nicht mit Unrecht.

Neue Flagge wegen Durstes
Zusammen mit dem als Hilfskreuzer bekanntgewordenen D. "Prinz Eitel Friedrich" des Norddeutschen Lloyd, der ehemaligen "Cleveland" der HAPAG, und zwei Dampfern amerikanischer Abstammung fuhren "Reliance" und "Resolute" ab 1922 zwischen Hamburg und New York. Leider kriegten die an und für sich beliebten Schiffe im harten internationalen Konkurrenzkampf kein "Bein an Grund", weil sie auch als schwimmende Teile der Vereinigten Staaten wegen der Prohibitions-Gesetzgebung ebenso trocken sein mußten wie das Festland.- Der smarte Harriman verschaffte deshalb beiden Schiffen die panmaische Staatsangehörigkeit, und unter dieser Flagge haben sie in der Linienkreuzfahrt schöne Erfolge gehabt. Nach Mr. Isherwood, einem in England bekannten Schiffbauer, waren die beiden Hamburger "Schwestern" die ersten Schiffe, die sich inzwischen beliebt beziehungsweise unbeliebt gewordenen "Flags of Convenience", der steuerbegünstigten Flaggen, bedienten, unter denen heute rund 1600 Einheiten mit 15,4 Mill. BRT registriert sind.
Im Jahre 1926 aber hatte Mr. Harriman ein Haar in der atlantischen Suppe gefunden; er zog sich aus dem Schiffsgeschäft zurück und bot die ehemaligen HAPAG-Schiffe seinem Partner zum Kauf an. Die Hamburg-Amerika-Linie akzeptierte und stellte Mr. Harriman als Gegenwert ein Aktienpaket im Nennwert von 10 Mill. RM zur Verfügung. Mit diesem Rückkauf war aber war keine Namensrestauration verbunden, und die beiden Paten konnten nur im Geiste an Bord wirken; namensmäßig blieben die beiden "Schwestern" Amerikaner, weil sie als "Reliance" und "Resolute" beim amerikanischen Publikum eingeführt waren. Beide bewährten sich gut unter der ersten Hausflagge und gaben mit ihrer schön "geschnittenen" weißen Außenhaut, zu der die bunten Schornsteine mit ihrem schwarz-weiß-roten Topp lebendig kontrastierten, viel her; als aber die neuen Schiffe der Ballin-Klasse in  Fahrt gesetzt wurden und sich nach Umbau bewährten, ließ die Beliebheit der "Reliance" und "Resolute" nach, und die HAPAG war ebenso wie der Norddeutsche Lloyd froh, als Benito Mussolini ihnen Alttonnage abkaufte, weil er seine Devise vom mannhaften Nutzen des gefährlichen Lebens im Jahre 1934 gegen die Negus von Abessinien unter Beweis stellen wollte. Die "Resolute" ging damals als "Lombardia" unter der Flagge des Lloyd Triestino in den schmutzigen Krieg, der erst nach Verwendung des "unkonventionellen" Senfgases für die italienische Flagge entschieden werden konnte.
Auf die "Reliance" verzichtete Mussolini. Sie fand weiter mit Erfolg auf Kreuzfahrten Beschäftigung. Ihr Einsatz in diesem Geschäft wurde aber am 8. August 1938, am Abfahrtstage zu einer Nordlandreise, dramatisch unterbrochen. Auf ungeklärte Weise brach in einem Vorratsraum des B-Decks gegen 5 Uhr morgens ein Feuer aus, das rasch katastrophalen Umfang annahm. Durch das Löschwasser bekam das Schiff plötzlich Schlagseite; Wasser strömte durch offene Bullaugen ein, und das schöne Schiff kenterte im Hafen. Ein vorzeitig an Bord gegangener Fahrgast und ein Besatzungsangehöriger fanden den Tod durch Ertrinken. Die Wiederherstellung des Schiffes lohnte sich nicht mehr. Im zweiten Kriegsjahr hat man die "Reliance" zu handlichen Eisenpaketen zerschnitten und in den Hochofen gesteckt. Die "Anatomie" besorgte mit bekanntem Geschick die Firma "Eisen & Metall".
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Literaturquelle: Arnold Rehm, Vom Schicksal des größten Tecklenborg-Schiffes "Johann Heinrich Burchard", in: Niederdeutsches Heimatblatt November 1965, Nr. 191