Grabreden und Poesiealben
Neue Bibliotheksräume für Männer vom Morgenstern- Heute Tag der offenen Tür im Fischereihafen

Der Wurm ist drin in der alten Hauspostille. Zerlöchert und zernagt vom Zahn der Zeit hält der hölzerne Buchdeckel nur noch mühsam zusammen, was einst 1589 gedruckt und heute von 10 bis 16 Uhr zum Besichtigen frei gegeben worden ist: einer von 6000 Bibliothekstiteln der Männer vom Morgenstern.
Der Umzug der 600 Bücherkartons vom Morgenstern-Museum an der Geeste in die maßgeschneiderten Regale des neuen Domizils im  Fischerei-
hafen ist überstanden. Aufatmen bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern des Heimatbundes, die sich der Erfassung und Bestandspflege der Literatur widmen. "Ohne die offenen Augen und ohren der Morgenstern-Männer hätten wir nicht 1948 mit dem Aufbau einer wissenschaftlich geführten Bibliothek beginnen können", hält  die  "dienstälteste" Hobby-Bibiothekarin Irmgard Seghorn Rückschau. "Die alte Morgensternbücherei, seit der Gründung des Vereins eher zufällig zusammengetragen, ist im September 1944 verbrannt und wurde Stück für Stück aus Spenden und Nachlässen wieder aufgebaut", ergänzt der Kopf der Bibiotheks-Arbeitsgemeinschaft Fritz Hörmann.

Akribisches Forschen
Rund 15 Buch- und Heimatforschungsfreunde haben heute die Betreuung der Schriftensammlung unter ihre Fittiche genommen. Die Aufgaben sind verteilt: So durchforstet Michael Figger akribisch die Antiquariate- neuerdings auch per Internet- nach Raritäten aus dem Elbe-Weser-Raum: "Die Kataloge rattere ich von hinten bis vorne durch." Das heimatkundliche Druck-Eldorado, das durch rege Tauschkontakte mit 150 internationalen Universitäten, Museen, Instituten und Verbänden stetig "Frischfutter" erhält, wird zur Zeit auf computertechnischen Standard gebracht: "1949 habe ich noch mühsam Titel für Titel auf Karteikarten vermerkt und beziffert", erinnert sich Irmgard Seghorn lachend.
Ob niederdeutsches Spracherbe, Schriften zu Archäologie, Wirtschaft, Wappenkunde oder Küstenschutz, ob Kulturgeschichte, Kunstbände, Vermessungskarten, Märchen oder Kalender- vom Militärwesen der Region über Zeitschriftensammlungen des 18.  Jahrhunderts bis zum Fachbuch für moderne Nutzjagd: "Ab sofort steht alles als Freihand-Bücherei für private oder wissenschaftliche  Studien offen", wirbt Hörmann. Mittwochs von 15 bis 19 Uhr und sonnabends von 10 bis 13 Uhr steht die Bücherei jetzt an der Packhalle V zur Verfügung.
Als besonders attraktiv für Familienforschung preist der Morgenstern-Mann die lange Reihe der gedruckten Leichenpredigten vom 16. Jahrhundert bis heute: "Eine Fundgrube an Namen und  Daten." Nostalgischer machen sich jene Werke aus, die nicht als Freihand-Literatur zugänglich, sondern sorgsam im neuen Magazin bewahrt werden: "Das ist ein Poesiealbum von 1795", holt Michael Figger behutsam etwas schmales, rotledern Gebundenes mit Goldschnitt hervor. "Und hier eine Luther-Bibel von 1740", kommt ein nach Staub, Leder, Leim und Alter duftender Band zu Tage. Und die wurm-
zerlöchterte Hauspostille von 1598 wartet derzeit noch auf Sponsoren für eine Restaurierung.

Nordsee-Zeitung vom 24. Februar 2001