Ein Puzzlespiel aus 2000 Teilen

Bootsbauer Werner Lahn erinnert sich an den Wiederaufbau der Kogge
2000 Holzstücke, das kleinste 20 Zentimeter lang, das größte elf Meter. Planken, Spanten, Steven, Kiel- verpackt in neun Kisten. Die Frage: Was gehört wohin? Kein Bauplan half dem Bootsbauer Werner Lahn, als er sich 1972 an die Rekonstruktion der Kogge machte. Es war wie ein Puzzlespiel mit verbundenen Augen.


Die Hölzer für den Wiederaufbau werden sortiert

"Ich hatte noch nie zuvor in meinem Leben eine Kogge gesehen", räumt Lahn freimütig ein. Woher auch? Was ein paar Jahre zuvor im Weserschlick gefunden worden war, stellte für die gesamte Fachwelt eine Neuheit dar. Nicht einmal eine Baubeschreibung gab es: "Wer im Mittelalter Koggen baute, konnte nicht schreiben- und wer schreiben konnte, baute keine Koggen", stellt Lahn lapidar fest.
Während seiner Lehrzeit in Berlin 1938 bis 1941 hatte er Olympiajollen gebaut, nach dem Krieg vier Jahre lang in Brasilien Yachten, dann in der Stadt Bremen Holzboote repariert. Und weil er beim Wasserwirtschaftsamt Worpswede auch als Vermesser gearbeitet hatte, war Werner Lahn 1965 ein begehrter Mann: Das Focke-Museum suchte einen Experten, der die drei Jahre zuvor entdeckte Kogge vermessen und wieder zusammenbauen konnte. Es sollte das Lebenswerk des Bootsbauers Werner Lahn werden.

1972, zehn Jahre nach dem historischen Fund, begann in Bremerhaven der Wiederaufbau der Kogge. "Die Arbeitsbedingungen waren nicht sehr angenehm" erinnert sich Lahn. Denn um das Holz vor dem Austrocknen zu bewahren, herrschten in der Koggenwerft tropische Bedingungen- 97 Prozent Luftfeuchtigkeit. "Zusätzlich haben wir noch mit dem Rasensprenger gesprüht", sagt Lahn. Saugfähige Wollunterwäsche und Gummistiefel gehörten zur Arbeitsbekleidung der Koggenbauer.
Das Puzzlespiel begann mit dem Kiel, dem "Rückgrat" des Schiffes. Es folgten die Spanten- die "Rippen" des Koggekörpers-, an denen schließlich die Planken als "Haut" befestigt wurden. Leichter gesagt als getan: Vor allem den Planken war selten anzusehen, wohin genau sie gehörten. "Wir haben uns ihre Form angesehen, die Bruchstellen, die Abfolge der Dübellöcher", erklärt Lahn.
War ein passender Platz, wurden die Bauteile zunächst mit Stahlbolzen zusammengeschraubt. "Die endgültige Befestigung mit Leim und Holzdübeln war immer eine Gewissensfrage", räumt Lahn ein. "Ganz sicher waren wir uns nie."

Die Kogge- ein wissenschaftliches Ratespiel mit ungewissem Ergebnis? Lahn lacht. " Heute ist alles da, wo es hingehört", versichert er. Ein paar Bretter sind übrig geblieben, aber das beunruhigt den Koggenbauer nicht. Sein Vermächtnis an die Nachwelt liegt nicht nur Zuhause auf der Wohn-
zimmerschrankwand, sondern auch in allen Fachbibliotheken Europas: ein gewichtiger Band mit detaillierten Plänen und Beschreibungen. Wer heute ein Kogge  baut, muss nicht mehr raten, sondern nur noch nachlesen, was Werner Lahn und seine Leute in mehr als 25 Jahren erfasst, vermessen, gezeichnet, rekonstruiert und mühsam zusammengebaut haben.

Quelle: Nordsee-Zeitung vom 17. Mai 2000 

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