Odyssee auf hoher See mit eisigem Floß
Expedition der "Germania" und "Hansa"

Im Juni 1869 brachen zwei Schiffe  von Bremerhaven zur zweiten deutschen Nordpolarfahrt auf. Die Expedition wurde zu einer der spannendsten in der deutschen Geschichte. Während die Mannschaft der "Hansa" um ihr Überleben kämpfte, sammelte die Besatzung der "Germania" wissenschaftliche Daten.

Leiter der Expedition war Carl Koldewey (1837-1908), der schon 1868 der ersten Nordpolarfahrt mit der "Grönland" vorstand. Kaum zwei Wochen in der Heimat, fasste der Forscher schon seine nächste Reise ins Auge. Das  war am 24. Oktober 1868 während eines Festes, das zu Ehren der Heimkehrer der ersten Expedition in Bremen stattfand.

Theorien beweisen
Dort traf er unter anderem auf Professor August Petermann (1822-1878), den "Vater der deutschen Polarforschung", und Hermann Heinrich Meier, den Gründer des Norddeutschen Lloyds. Petermann war bereits bei der ersten deutschen Polarexpedition die treibende Kraft. Er glaubte, das Nordpolarmeer sei nur von einem Eisgürtel umgeben und damit fast eisfrei sowie schiffbar. Zudem war er überzeugt, dass sich die grönländische Landmasse bis zur Küste des heutigen Russlands zieht. Mit der neuen Expedition hoffte Petermann, diese Theorien beweisen zu können. Dafür benötigte er zwei Schiffe.
Schon im März 1869 bestellte Petermann bei der Tecklenborg-Werft einen kleinen eistauglichen Dampfer aus Holz- die "Germania". Das Geld stammte noch aus einer Sammlung mit der Petermann die erste Nordpolarfahrt bezahlt hatte- unter anderem hatte König Wilhelm I. 5000 Taler gespendet. Einen großen Teil der finanziellen Last der zweiten Polarfahrt übernahmen Bremer Privatleute. Das Geld für den Kauf der "Hansa", die 1864 an der Weser aus Eichenholz als Schonerbrigg "Fulton" gebaut wurde, schoss die Bremer Kaufmannschaft vor.
                    Am 15. Juni 1869 war es soweit: Unter großer Begeisterung der Bevölkerung verließen die Schiffe Bremerhaven. Mit an der Kaje standen auch König Wilhelm I., Otto von Bismarck und Helmuth Graf von Moltke. Die gemeinsame Fahrt der "Germania" und "Hansa" war jedoch nicht von langer Dauer. Am 20. Juli wurden die beiden Schiffe getrennt.
Von da ab versuchte die "Hansa" allein, die grönländische Küste zu erreichen. Die Seeleute und Wissenschaftler schafften es zwar bis in die Nähe der Küste, aber Mitte September ging nichts mehr. Das Eis hatte ihr Schiff fest im Griff. Die Besatzung baute sich auf dem Eis eine notdürftige Unterkunft und sammelte Verpflegung und Feuerholz. Im Oktober 1869 wurde der Druck auf die "Hansa" zu groß- die Eismassen zermalmten das Schiff.
Die 14-köpfige Besatzung rettete sich auf eine Eisscholle, doch die Strömung trieb sie hilflos 1800 Meter über das Meer. Am 7. Mai 1870 zerbrach das eisige Floß. In den Rettungsbooten der "Hansa" verließ die Mannschaft die Scholle und versuchte besiedeltes Gebiet zu erreichen. Ihre Odyssee endete glücklich am 13. Juni in Friedrichsthal in Westgrönland.
Die "Germania" hingegen durchbrach am 4. August 1869 das Packeis. Einen Tag später fiel der Anker- auf grönländischem Grund. Dann kreuzte das Schiff mit seiner 17-köpfigen Besatzung bis in den September vor der Küste Grönlands. Schließlich steuerte Koldewey das Schiff in eine Bucht der Sabine-Insel, die unmittelbar vor Grönland liegt. Dieser Überwinterungsplatz sollte die "Germania" vor den Packeismassen schützen. Dort lag sie zehn Monate.

Keine Schlittenhunde
Während dieser Zeit unternahmen die Forscher mehrere Schlittentouren. Allerdings mussten sie die Schlitten selber ziehen- Hunde hatten sie nicht. Während dieser Fahrten drangen sie rund 200 Kilometer in unerforschtes Gebiet ein. Dabei entdeckten die Wissenschaftler unter anderem den Kaiser-Franz-Fjord- ein System vieler Buchten und Kanäle, das sich tief nach Grönland hineinzieht. Die Fahrt endete nach 453 Tagen am 11. September 1870 in Bremerhaven.
Das eigentliche Ziel der Expedition- den Nordpol- erreichten die Forscher nicht. Dennoch war sie erfolgreich und gilt bis heute als Pionierleistung bei der Erforschung Ostgrönlands. Unter anderem entdeckten die Forscher 218 Tierarten. Zudem zeugen noch heute viele deutsche Namen auf der Karte Ostgrönlands von dieser Expedition. Die Auswertung der wissenschaftlichen Daten übernahm ein eigens für diesen Zweck gegründeter Verein: der Verein für die deutsche Nordpolarfahrt in Bremen. Ergebnis der Bemühungen war eine rund 1700 Seiten dicke Veröffentlichung.

aus: Nordsee-Zeitung vom 11. Januar 2002