Baustelle gleicht einer Wundertüte
Fährhaus birgt einige Überraschungen



Die Wundertüte ist geöffnet. Sie enthielt drei Überraschungen:  Mauern, die auf Sand gebaut waren, unterschiedliche Geschosshöhen und abenteuerlich  abgehängte Decken. Aufhalten konnten diese Widrigkeiten die Umbauarbeiten im alten Fährhaus aber nicht. Im Dezember soll dort das Design-Labor einziehen.

Zurzeit sieht das 1912 errichtete Gebäude so ähnlich aus wie nach dem Bombenangriff im September 1944. Das Dach fehlte, vom Rest stehen nur noch die Außenwände und das innere Gerippe. Die Radikalkur war notwendig geworden, um das beim Wiederaufbau 1950 völlig entstellte Haus nach historischen Vorgaben zu sanieren. Keine Rekonstruktion, aber eine Annäherung an den früheren Zustand verspricht Christian Bruns von der städtischen Grundstücksgesellschaft (Stägrund), die das Fährhaus für rund eine Million Euro sanieren läßt.
                Um dorthin zu kommen, mussten zunächst jede Menge Kippfenster in stilfremden Formaten, Glasbausteine und verwinkelte Einbauten entfernt werden. Einzige charakteristische Überbleibsel früherer Pracht sind die großzügige Treppe ins Obergeschoss und  die Säulenvorhalle mit den Wappen früherer Gesellschafter der Weserfähre: die Städte Geestemünde, Lehe, Bremerhaven und Nordenham, der Oldenburger Staat, die Gemeinde Blexen, der Amtsverband Butjadingen, die Midgard Deutsche Seeverkehrs AG, J. Frerichs und Cie. AG und die Norddeutschen Seekabelwerke in Nordenham.
An diesen Relikten orientiert sich die neue Gestaltung des Gebäudes, das für das im Stadtbad Mitte untergebrachte Design- Labor zu einem neuen Domizil werden soll. An eine Rekonstruktion des ehemals turmgekrönten Dachgeschosses ist zwar nicht gedacht, weil das zu viel Geld verschlingen würde. Dennoch soll die neue Gebäudehaube zumindest mit einem Flaggenturm gekrönt werden.
Zurzeit sind Arbeiter damit beschäftigt, die Anker für das neue Dach zu montieren. Ende Juli soll das soweit sein. Danach werden die neuen Fenster eingebaut. Die Handwerker müssen dabei über schienenartige Träger balancieren, an denen eine kaum zwei Finger dicke Kellerdecke hängt. Darauf hatte man früher knapp zehn Zentimeter Sand geschüttet, dann kam ein Dielenfußboden und darauf standen die Wände: Bautechnik 1912. "Die hielten nur noch aus Gewohnheit", spottet ein Ingenieur.
Dass sich die Handwerker auch bei späteren Umbauten nicht allzu viele Umstände gemacht haben, zeigt die Aufhängung der abgesenkten Decken. Anstatt sie an gedübelten Haltern zu befestigen, hatten die Herren einfach die Eisenbewehrung in der Betondecke an Dutzenden von Punkten freigeschlagen, um dort Haken herumlegen zu können. "So etwas hat hier wirklich noch keiner gesehen", sagt Stägrund-Chef Christian Bruns.
Bis zum Jahresende soll das Gebäude so weit hergerichtet sein, dass die Mitarbeiter des Design-Labors ihr neues Domizil beziehen können. Vorrausgesetzt, die Wundertüte enthält nicht noch weitere Überraschungen.

Quelle: Nordsee-Zeitung vom 21. Juni 2002