Friedrich Dammeyer: Der alte Maler und sein Meer
Als Junge wollte er zur See, doch sein Vater bestand auf einer Ausbildung an Land


Im Columbusbahnhof: Herbert Geisler, Friedrich Dammeyer, Wilhelm Bohling, 1996

Der Maler Friedrich Dammeyer sitzt auf einem Poller am Columbusbahnhof. Die Sonne glitzert auf den Wogen, scheint ihm ins Gesicht, wärmt seine Haut an diesem kühlen Novembermorgen.
Friedrich Dammeyer kann seine vielen hundert  Schiffahrtsgemälde,  kann die Sonne und ihr Glitzern auf der Gischt nicht mehr sehen. Vor fünf Jahren brach bei ihm eine Augenerkrankung aus, die ihn bis  heute fast blind gemacht hat.
Was er noch sieht, liegt für ihn im Nebel, nur starke Kontraste kann er noch wahrnehmen. Doch dieses Schicksal trägt er mit bewundernswertem Gleichmut: "Nunja, ich bin ja mit 83 nicht mehr der Jüngste. Da hat man schon das eine oder andere Zipperlein. Aber meine Bilder und die vielen Jahre meines Lebens, vor allem die auf See, die sehe ich immer noch deutlich vor meinem inneren Auge."
Friedrich Dammeyer wurde 1917 im damaligen Wesermünde-Spaden geboren. Seine Kindheit nach dem Ersten Weltkrieg war nicht leicht: Die Eltern waren arm, zurzeit der Weltwirtschaftskrise lag die heutige Wirtschaft darnieder, erinnert sich Dammeyer heute: "Ich habe schon als Kind gerne gezeichnet, hätte auch gern gemalt, Malfarbe war zu teuer, selbst die Bleistifte konnten wir uns kaum leisten. Meine Eltern waren auf Seebeck`s Werft als Nietenklopper. Erst in den Dreißigern gab es wieder genug Arbeit."
                Seine Liebe zum Meer wurde früh geweckt. Wilhelm Schlichting, Freund und späterer Ehemann seiner Schwester, fuhr als Matrose für den Norddeutschen Lloyd zur See. Er sponn dem kleinen Friedrich so manchen Seemannsgarn vor, brachte dem Jungen Ansichtskarten aus den entferntesten Ländern der Welt mit nach Wesermünde: "Wenn er daheim war, saßen wir oft zusammen an der Weser. Diese großen Pötte, die an uns vorbeizogen, in die Kaiserschleuse einfuhren- das hat mich als Junge schon sehr beeindruckt."
Deshalb wundert es nicht, dass Friedrich Dammeyer nur einen Wunsch hatte, als er sich gegen Ende seiner Schulzeit, einen Beruf aussuchen musste: "Mir war eines klar: Ich wollte zur See fahren. Bloß mein alter Herr hat da nicht mitgespielt. Er bestand darauf, dass ich erst eine "anständige" Lehre mache und danach zur See fahre. Im Nachhinein bin ich dafür dankbar, sonst wäre ich nicht ans Malen gekommen."
Zwar hatte der Vater verhindert, dass Friedrich gleich die sieben Meere befuhr, aber bei der Wahl einer Landratten-Lehrstelle hatte er freie Auswahl. Friedrich entschied sich für eine Malerlehre bei der Firma Martin Hoffmann.
                Und hier hatte er großes Glück. Er musste nicht nur Firmen-
schilder malen und Kirchendecken restaurieren. Sein Lehrmeister Heinrich Jansen gestattete ihm, neben der Lehre auch Fachschule für Malerei zu besuchen.
1936 war seine Lehre zu Ende. Friedrich wollte endlich etwas von der Welt sehen: "Mir hat einfach das Fell gejuckt. 


Bananendampfer "Nordenham" im Orkan (1989)

Eines  Tages habe ich einfach auf dem Bananendampfer Nordenham nach Trinidad angeheuert."
Maschinenjunge- eigentlich hieß das früher "Backschafter". "Backen", das waren die Tabletts, mit denen der Maschinenjunge die Älteren versorgen musste. Auch die anderen Aufgaben waren nicht gerade angenehm: Wie hart die Arbeit an Bord war, hat ihn damals überrascht. Denn viele Frachter fuhren im Gegensatz zu den  Passagierdampfern noch mit Kohle. Ein Schiff auf Tempo zu kriegen, das war für den Maschinenjungen und die anderen harte Handarbeit: "Die Kessel fraßen die Kohle schneller, als die Heizer mit der Schüppe nachkamen. Wir sind ja immer so mit 15- oder 20.000 Tonnen in Wesermünde losgefahren. Wenn wir dann wieder zurück waren, hatte jeder Heizer 4000 bis 5000 Tonnen ins Feuer geschaufelt. Macht ungefähr eine Tonne pro Arbeitsstunde!"


Im Heizraum der "Galizia" (1992)

Die harte Arbeit an den Kesseln, sie  hat Dammeyer auch künstlerisch umgesetzt. Man sieht den Arbeitern die Anstrengung an: "Das kann sich heute keiner mehr vorstellen, unter den Bedingungen dürfte heute keiner mehr arbeiten. Das waren ständig 50 Grad im Heizraum, im Hochsommer oder in den Tropen ging das bis 60 Grad rauf. Deshalb sind die Leute auch so hager und ausgemergelt gewesen."


Im Heizraum der "Galizia" (1992)


Der erfrischende Schluck des Heizers aus der Teekanne (1992)

Lange hat Dammeyer nicht als Backschafter gearbeitet. Bald wurde er "Kohlenzieher", musste zur Reinigung Schlacke aus dem Feuer ziehen, wurde bald Heizer. Und hatte auch dann noch Glück: "Unser Ingenieur bekam mit, dass ich manchmal malte oder zeichnete. Da  hat er entschieden, dass ich auf den Hinfahrten Richtung Süden Tageswache hatte und malen konnte. Ich war zwar Heizer, aber auf dem Hinweg zu den Bananen-
umschlagplätzen blieb immer ein Kessel aus. Die Reederei wollte Kohlen sparen."
Seine Seefahrerkarriere  dauerte nicht lang. Das lag am Dritten Reich, das ihn nicht mehr auf Meer hinaus ließ: "38 wurde ich Knall auf Fall zum Arbeitsdienst eingezogen und habe Neulandgewinnung gemacht. Kurze Zeit später bin ich gemustert worden und sollte zur Marine."
Eingezogen wurde er dann aber zur Infanterie, musste den Russland-Feldzug mitmachen. Eine schwere Verletzung brachte ihn ins Lazarett: "Das war der blanke Horror. Ich hatte einen Armdurchschuss, vom Knochen waren 4 cm weg. Heute ist das ja kein Problem, aber die Kriegslazarette, das waren doch Schlachtbanken. Ich hörte noch wie ein Arzt sagte: "Den Arm nehmen wir ab." Da hatte ich eine Eingebung. Irgendwer da oben hat mir gesagt, ich soll so laut schreien wie ich kann."
Die Ärzte im Lazarett haben sich so erschreckt, dass sie den Arm tatsächlich gerettet haben. Für Dammeyer war der Zweite Weltkrieg damit so gut wie gelaufen. Er war nicht mehr tauglich, ging zur Königsberger Meisterschule, um Malermeister zu werden.
Auch nach dem Krieg ist es nichts mehr mit der Seefahrt geworden. Dammeyer lernte seine spätere Frau kennen, und die machte ihm eines klar:  Dass sie auf keinen Fall einen Seefahrer nehmen würde. Damit war das Kapitel Seefahrt für Dammeyer endgültig gelaufen.
Seine Sehnsucht nach dem Meer hat er seitdem nur in seinen Bildern ausgelebt. Abzüge davon sind beispielsweise in einem Privatmuseum am Columbusbahnhof ausgestellt.


"Europa" 1992

Bremerhavener Kurier vom 18. November 2000

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Literatur:
Gottfried Hilgerdenaar/Dirk J. Peters: Friedrich Dammeyer- Vom Heizer zum Marinemaler