


Erinnerungen an Brinkamahof
Die Festung vor den Toren der Stadt
Weddewarden. Vor dem Deich von Weddewarden liegt ein
Stück lebendige Geschichte: Die Festung Brinkamahof. Für den Bau des
Container-
Terminals IIIa- muß das Zeitzeugnis abgerissen
werden. Mancher Soldat hat zwischen den dicken Stahlbeton-Wänden den
Zweiten Weltkrieg erlebt. Einer davon ist der ehemalige Bremerhavener Fredo
Neumann.
"Wenn sie die Festung abreißen wollen, kriegen sie Probleme",
schätzt der heute in Wremen wohnende Rentner. Der damals 16 jährige war als
Flakhelfer auf der Festung stationiert und kennt den massiven Stahlbeton-Bau wie
seine Westentasche. "Brinkamahof steht auf mehreren hundert Pfählen im
Watt. Bevor dort gebaut werden kann, müssen die erst einmal alle
rausgeholt werden. Außerdem die Alliierten nach dem Ende des Krieges schon
einmal versucht, die 1870 erbaute Festung durch eine Sprengung zu
beseitigen." Das halbzerstörte Ergebnis sieht man heute auf der
vorgelagerten Insel in der Weser.
"Die Batterie war mit vier Geschützen versehen. Da waren
Unterkunfts- und Waschräume, eine Kombüse und natürlich auch ein
Munitionsdepot. Das war alles auf dieser kleinen Insel untergebracht",
erinnert sich Fredo Neumann.
Er sitzt auf einem Sofa in seinem Haus mit Garten. Über 50 Jahre ist das alles
her. Doch die Erinnerung an die Zeit auf der Weserfestung hat sich mit allen
Zahlen, Menschen und Gesichtern in sein Gedächtnis eingebrannt. Am 1. Januar
1944 wurde Fredo Neumann direkt von der Schule zum Militärdienst eingezogen.
"Da hatte man mit der Uniform wenigstens mal was anderes zum
Anziehen", sagt er heute über das Gefühl, plötzlich Soldat zu sein.
Der 71jährige legt ein dickes Fotoalbum auf den Tisch, klappt den Deckel auf.
Seite um Seite blättert er um- mustert die Bilder, als ob es verloren-
gegangene Freunde wären. Die Geschichte wird lebendig. "Das ist eine
ehemalige Flakhelferin. Die hat immer viel gelacht. Aber die ist jetzt auch
schon tot", tauchen Gesichter auf vergilbtem Fotopapier aus der Vergangen-
heit auf.
"Angst", sagt Fredo Neumann " haben wir auf der Festung nie
gehabt. Man hat ja auch in dem Sinne auch keinen direkten Kontakt mit dem Feind
gehabt."
Blättern im Fotoalbum
Gefeuert wurde aus den vier Geschützen der Festung
Brinkamahof dennoch. Manches feindliche Flugzeug, das den Fehler gemacht hatte,
die Weser zu überfliegen, wurde vom Himmel geholt. "Einem Flieger
hatten wir das gesamte Heck weggeschossen. Der kam brennend in einer Spirale
direkt über der Festung herunter. Da wurde einem schon ein bißchen
mulmig."
Fredo
Neumanns Blick geht abwesend ins Nichts- fast so, als ob er den Donner der
Geschütze hören könnte. "Aber dann ist das Wrack auf eine Wiese
gestürzt", atmet er durch und blättert wieder eine Seite in dem Fotoalbum
um.
Einmal seien mehrere Flieger aus einem getroffenen Flieger abgesprungen.
"Als ich mit dem Rad nach Hause gefahren bin, habe ich sie gesehen. Die
steckten bis zur Hüfte in der Wiese. Die Fallschirme waren nicht
aufgegangen. Das war an meinem Geburtstag", erzählt Fredo
Neumann wie aus einem exakt geführten Tagebuch.
Der Flieger-Angriff auf Bremerhaven jedoch ist aus seinem Gedächtnis wie
ausradiert:" Ich kann nicht einmal sagen, ob der Befehl zum Feuern kam.
Ich sehe nur noch vor mir, wie der Phosphor-Vorhang vom Himmel regnete. Die
ganze Nacht war taghell. Die ganze Nacht war taghell. Selbst die Weser hat
gebrannt." Heutzutage erinnert wenig an den Zweiten Weltkrieg in der Stadt.
Die Ruinen sind wieder aufgebaut. Die Festung Brinkamahof ist eines der letzten
sichtbaren Zeugnisse dieser Zeit. Wenn sie in Kürze abgerissen wird, bleibt nur
noch eines: Sich zu Menschen wie Fredo Neumann aufs Sofa setzen, in Fotoalben
blättern und zuhören.
Nordsee-Zeitung vom 21.11.1999