


Karnevalsfeiern auf Brinkamahof
Fredo Neumanns Exkursion in die Vergangenheit
Bremerhaven. Seit 1878 hat sie Wind, Sturm, Wellen und sogar zwei Weltkriegen
getrotzt- die Weserfestung Brinkamahof. Jetzt machen ihr die Abrissbagger
den Garaus: Das massive Bollwerk fällt für den Bau des Container-Terminals
IIIa. Der ehemalige Wehrmacht-Soldat Fredo Neumann hat sich aufgemacht, um ein
letztes Mal dort zu sein, wo er seine Jugend erlebte.
"Dort oben standen die Flaks, da hinten waren in den Geschütz-Türmen die
Offiziers-Räume, und hier sind wir immer langgeflitzt, wenn der Spieß uns
Bengels um die Festung gehetzt hat", zeigt Fredo Neumann in die Runde. Der
heute 71-jährige steht vor der Ruine der Festung Brinkamahof und lässt seinen
Blick über die Trümmer gleiten. Für einen Moment ist er abwesend und man
sieht an seinem Gesichtsausdruck, dass er in Erinnerungen versunken ist.
"Eigentlich ", seufzt Fredo Neumann tief und ist mit klarem Blick
wieder zurück in der Gegenwart, "darf man hier ja nicht mehr rauf:
Einsturzgefahr. Aber wie sagt man so schön: Jeder Zaun hat ein Loch." So
auch dieser Stacheldraht und der Weg zur Festung ist frei. Überall wachsen
Bäume und Sträucher in den rissigen und bröckelnden Backsteinmauern. Ein
Vogel schreckt auf und fliegt mit empört- schrillem Pfeifen über das Wasser
davon.
"Ich war 15 Jahr alt, als ich hierher kam- gleich nach der Schule",
erzählt Fredo Neumann. "Das war schon eine Abwechslung. Da hatte man
wenigstens mal andere Hosen an. Wir hatten ja nur eine einzige." Damals
wohnte der heutige Wremer noch in Bremerhaven. "Wir hatten viel Spaß hier,
haben Streiche gemacht und auch Karneval gefeiert", erinnert sich Fredo
Neumann, während er sich über dicke Steinbrocken und durch
Fliederbeersträuche hindurch zur Mitte der ehemaligen Weserfestung vorarbeitet.
Zwischen den eingefallenen Mauern zieht der Wind hindurch. Der ehemalige
Flakhelfer bleibt stehen und atmet tief ein. Keine Frage, wenn auch alles andere
zerfallen und vergangen ist- die Seeluft riecht immer noch gleich.
"Da war einmal ein englischer Tiefflieger", sagt er plötzlich und
mustert mit seinen Augen den grauen Himmel, so als ob er das Flugzeug wieder
sehen, den Motor wieder hören könnte. "Der kam von da", schwenkt er
seinen Arm ausgestreckt wie damals das Mündungsrohr der Flak herum, "und
wollte dort über die Wiesen abhauen. Wir haben gefeuert- 3000 Schuss pro
Minute. Und die Flak gedreht und gedreht, immer hinterher- jo, und was macht der
Engländer? Zieht seine Maschine dicht über die Dächer von Weddewarden. Er war
weg und wir haben in die Betten vom Hotel Schloss Morgenstern geschossen.
Seitdem war in der Schneise absolutes Feuer-Verbot."
In Katakomben abgetaucht
Immer, wenn die jungen Flakhelfer Ruhe vor dem militärischen Drill haben
wollten, sind sie in die Katakomben der Festung abgetaucht. "Da war ein
langer, unterirdischer Gang. In dem haben wir kleine Knaller gezündet.
Das hat vielleicht gerumst", legt sich Fredo Neumann noch heute die
Hände auf die Ohren. Vielleicht auch, um sich daran zu erinnern, wo der Eingang
zu den Katakomben gewesen ist. "Ich glaube, da vorn" sagt er mit einem
Mal und zeigt auf einen halbverschütteten Rundbogen im Mauerwerk des
Festungsgewölbes. Die Lichtfinger der Taschenlampen tasten sich ins Dunkel
hinter dem Durchbruch vor und tatsächlich: Ein Weg führt leicht abwärts
hinter einer Kurve ins schwarze Nichts hinein. Fredo Neumann riecht förmlich
die Knaller vergangener Zeiten und macht sich auf den Weg in die Unterwelt.
Ein langer Gang
Die Lichtstrahlen der Taschenlampen erhellen den Weg nach vorn, verlieren
sich in der Weite. Der unterirdische Gang geht langgestreckt geradeaus. Trotz
der Lage unterhalb der Wasserlinie ist das gemauerte Gewölbe völlig trocken.
"Der Gang geht einmal quer an der Festung lang und kommt dahinten wieder
raus", ist sich Fredo Neumann sicher. Ein Blick zurück: Die absolute
Dunkelheit greift einem gierig über die Schulter und sorgt für Gänsehaut.
Rund 500 Meter geht es voller Spannung geradeaus. Am Ende, kurz vorm Tageslicht,
ist der Gang durch Geröll versperrt. Bleibt nur der Weg zurück und die
Vorfreude auf den Aufstieg aus dem Gewölbe. Ein paar Minuten später ist es
soweit. Nie zuvor waren Luft und Licht so wohltuend. Fredo Neumann zückt
einen Fotoapparat und macht Bilder. Die Festung Brinkamahof wird er nie wieder
sehen.
Sonntagsjournal vom 25. Juni 2000