Jeden Tag wieder ein neues Wunder
Ehrenamtliche Crew pflegt "Bremerlotse"

Ein Inferno bricht los, als Maschinist Günter Eckel den Schalter umlegt. Der 511-PS-Diesel im Bauch der "Bremerlotse" pfeift, brummt und knattert. Ein Schwall Seewasser rauscht an Deck. Schiffsingenieur Hermann Endres zieht eine Augenbraue hoch und hat für die nasse Ecke nur einen trockenen Kommentar: "Wieder mal so`ne Überraschung."


Bremerlotse, Foto Peter Müller 02.01.2005 Canon EOS 10D

Davon gab es einige, seit das ehemalige Lotsenversetzschiff 1996 von der Schiffahrtsgeschichtlichen Gesellschaft adoptiert worden ist. Mehr als ein Mal ist das Dutzend Männer, das die ehrenamtliche Crew bildet, dabei dreckig geworden. Rohre voller Kupferschlamm, Wasserfontänen, eine Maschine, die trotz Abschaltens nicht stoppen wollte. "Für das Kühl- und Brennstoffsystem gab es gar keine Pläne", erinnert sich Endres, "wir finden jeden Tag ein neues Wunder."
Das Befinden der "Bremerlotse", die in zwei Wochen 47 wird und damit die Jüngste in diesem Kreise ist, bietet dauerhaft Gesprächsstoff. Dabei hätten sich die Ehrenamtlichen, die sich regelmäßig an Bord treffen, mit ihren Lebensgeschichten genug zu erzählen: Da ist der Landwirt Eckel (71), der früher mal zur See gefahren ist und dem seine Treckersammlung und der Blick über den Deich nicht genug sind. Mit 65 hat er das Patent für Traditionsschiffe gemacht und dreht auf Geheiß von Ingenieur Endres (61) manche Schraube so fest, dass sie  auf ewig bleibt, wo sie ist. Der ist dankbar: "Ich habe die Kraft nicht mehr so."
Endres, gebürtiger Pfälzer, war bei der Marine, fuhr auf Kühlschiffen, Frachtern und zum Schluss auf den Fischdampfern "Hoheweg", und "Wien". Nach Arbeit an Land freut er sich, auf der "Bremerlotse" wieder Planken unter den Füßen zu haben.
Peter Loytved (64) und Peter Dittrich (63) sind als Kapitäne an Bord, wenn das einstige Versetzboot auf Gästefahrt geht.
Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef sammelt per SMS Spenden für Kinder in den Flutregionen Südostasiens. Spendenwillige können von ihrem Handy eine 2,99 Euro teure SMS mit dem Kennwort «UNICEF» an die Nummer 81190 schicken. 2,65 Euro davon gehen an die Unicef-Nothilfe.


  Dafür haben sie Ihre Patente  gegen Sporthochseeschifferscheine eingetauscht. Loytved fuhr früher auf dem Bergungsschlepper "Oceanic", zog Schwimmdocks über die Meere, war auch 1979 bei der Tankerkollision zwischen "Atlantic Express" und "Agent Captain" im Einsatz. "Ich konnte mir aussuchen, welchen ich nehme", so Loytved, "der kleinere sah besser aus." Der kleinere, 204 000 Tonnen, flog dann im Gegensatz zum größeren, 280 000 Tonnen, auch nicht später in die Luft.
Dittrich, einst Matrose auf Hansa-Dampfern, unter anderem mit Kamelen als Decksladung, studierte später und wurde Lehrer. Geografie, klar, Biologie und Englisch: "Hab ja früher schon die Liebesbriefe der restlichen Besatzung übersetzt." Den Berufs  hat er mit Schiffs-Manager Klaus Zisenis (65) gemeinsam, der gern zur See gefahren wäre, sich es nach dem Abitur doch anders überlegte.
Jetzt trägt er Farbe ab, beispielsweise am Schornstein, an dem teilweise noch der überpönte Originalanstrich von 1956 klebt. " Ich habe zwei linke Hände", sagt er, "aber dafür reicht`s." Donnerstags trifft er sich mit Käpt`n Dittrich am Kohlenkai im Fischereihafen zum Streichen. Dabei geht der Käpt`n  dann auch schon mal mit dem Pinsel in der Hand auf einem Ponton längsseits.
Unterdessen planen Endres und Eckel fürs Innere: "Der Generator muss raus." Klarer Fall, das Schiff muss in Schuss bleiben, ob es nun nach Weddewarden und Oldenburg geht oder nach Australien und Indochina. Denn alles andere wäre wider die Seemannsehre. Begleiteffekt laut Endres: "Man verblödet nicht."

Nordsee-Zeitung vom 13. Oktober 2003
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Foto Peter Müller 2. Januar 2005 mit CanonEOS10D