"Wir wollen alles sehen"
Tagung in Bremerhaven führt Amerikaner auch zurück in die Vergangenheit ihrer Vorfahren

Dass Bremerhavener zu ihrem Deich ein inniges Verhältnis haben, ist bekannt. Aber in diesen Tagen kann es passieren, dass auch Amerikaner dort stehen und aufs Wasser starren. So ging es etwa William Keel.
 Er dachte an seinen Urgroßvater, der vor genau 155 Jahren über Bremerhaven in die USA auswanderte.

Keel ist Vorstandsmitglied der Society for German-American Studies (SGAS zu deutsch: Gesellschaft für deutsch-amerikanische Studien), die zum ersten Mal ihre einwöchige Jahrestagung außerhalb der USA veranstaltet. Seit Sonnabend sind die 165 Teilnehmer in Bremerhaven, gut 100 davon sind aus den USA angereist.
Dass die Wahl auf Bremerhaven fiel, liegt nahe, wie der SGAS- Präsident Don Heinrich Tolzmann erläutert: "Bremerhaven ist für uns etwas Symbolisches. Sieben Millionen Auswanderer sind über diese Stadt in die USA gekommen. Hier zu tagen ist ein Meilenstein in der Geschichte der Society."
Eingeladen wurde die SGAS vom Förderverein Deutsches Auswanderermuseum- auch, um den Amerikanern zu zeigen, wie wichtig der Stadt Bremerhaven dieser Teil ihrer Geschichte ist. Das Expo-Projekt "Abenteuer Spurensuche" am Alten Hafen, die neue Auswanderer-Datenbank im Morgenstern-Museum, die Schau "Aufbruch in die Fremde" am Deich zeugen davon.



"Wir wollen alles sehen", kündigte Tolzmann gleich am ersten Tag an, und meinte auch das Auswandererdenkmal: "Viele von uns haben dafür gespendet, jetzt können wir es betrachten." Der Deich wird ohnehin locken. Keel:" Genau diesen Blick über das Wasser hatten auch unsere Vorfahren. Was mögen sie dabei gedacht haben?" Der Tagungsort Bremerhaven berührt die Teilnehmer auch persönlich- das wird schnell deutlich.
Gleichwohl startete mit dem offiziellen Empfang gestern Abend ein anspruchsvolles Fachprogramm. Neben einigen Exkursionen sind zahlreiche Vorträge vorgesehen, die die Vielfalt innerhalb der SGAS widerspiegelt. Historiker und Literaturwissenschaftler sind dabei, Sprachforscher und Ahnenkundige. Da geht es um das Echo, das die Sklaverei in deutschen Zeitungen gefunden hat, um den Norddeutschen Lloyd, um den Einfluss der deutschen Turnerbünde auf das Leben in  Amerika und natürlich immer wieder  um die Auswanderung über Bremerhaven und Bremen. Gesprochen wird bei der Tagung in zwei Sprachen: Englisch und Deutsch.

Plattdeutsch kehrt wieder
Oder besser: In drei Sprachen, denn einer der Schwerpunkte ist die  Wiederkehr des Plattdeutschen in den USA. In manchen Orten, berichtet der Germanist Keel, sind niederdeutsche Theaterbühnen entstanden. Und in einigen Gemeinden von Kansas wachsen Kinder bereits mit der Muttersprache Platt auf und lernen Englisch erst in der  Schule.
Vor allem im mittleren Westen entdecken die Menschen ihre Wurzeln und sind stolz auf ihre Abstammung. Sie wissen, welch großen Einfluss die Deutschen auf die Entwicklung der USA hatten, etwa im Bildungswesen oder den Religionen. Handfest wird dieser Einfluss bei einigen Einsprengseln in der Sprache ("Kindergarten") oder bei Ortsnamen, auch wenn es da zu Irritationen kommen kann: In Kansas liegt Bremen östlich von Hannover.

Quelle: Nordsee-Zeitung vom 13.06.2000