"Die Jungs sollen Deutschland helfen"
Martha Hübner ging 1923 in die USA- Schicksal steht für viele

Martha Hübner war 17 Jahre alt, als sie 1923 in die Neue Welt aufbrach. Die Geestemünderin wollte in Amerika Geld verdienen, um der Familie zu helfen. Ihre Geschichte steht für viele. Zeitgleich mit Martha verließen in der Zeit von wirtschaftlicher Not und Inflation allein drei weitere junge Leute die Raabestraße.
Marthas Mutter war von dem Schritt der guten Absicht noch nicht begeistert: Sie blieb mit Ehemann Georg und zwei kleinen Kindern zurück. "Tu mir das nicht an", seufzte sie. Doch Martha ging. Erst am Ende ihres Lebens kehrte sie in die Heimatstadt zurück. Ihre Schwester Hanna Wolff- 1923 noch nicht ganz ein Jahr alt- und deren Ehemann Willy  holten die 78-Jährige aus einem Altersheim in Florida nach Wulsdorf. Dort verbrachte sie noch drei glückliche Jahre bei ihrer zweiten Schwester Käthe. Hanna Wolff hat die Lebensgeschichte der Auswanderin aufgeschrieben. Ein Buch ist geplant.
Bei "Schlackerschnee und Regen" ging Martha am 9. Dezember 1923 in Bremerhaven an Bord der "München". Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd brachte sie nach New York. Dort wartete  bereits eine Schwester von Vater Georg. Sie hatte es in den USA zu Wohlstand gebracht und gab nun der Tochter ihres Bruders Starthilfe. Nur die Mädchen der Familie durften in die Neue Welt kommen: "Die Jungs sollen Deutschland helfen", schrieb Tante Käthe in einem Brief.
Martha nahm eine Stelle als Kindermädchen bei einer Diplomatenfamilie an. sie lernte ihren späteren Ehemann Willy Seegers kennen. Der Bäcker stammte aus Hameln. Martha und Willy arbeiteten hart. Sie kauften sich ein Haus in Hoboken. Regelmäßig schickte die junge Frau, die ihr Heimweh in den ersten Jahren kaum ertragen konnte, Briefe an ihre Familie. "Da war immer Geld drin", berichtet Hanna Wolff.
Erst nach 13 Jahren sah Martha ihre Mutter wieder. 1936 legte der NDL-Dampfer "Columbus" an der Columbuskaje an, und sie war an Bord. In der Raabestraße hingen Transparente zur Begrüßung.
Als Willy in den 50er Jahren an einem Gehirntumor starb, stand Martha vor dem Nichts. Die Behandlungskosten hatten das Vermögen aufgezehrt. 20 Jahre lang arbeitete die Geestemünderin danach als Gesellschafterin für einen Fabrikanten. Als Pensionärin zog sie zu einer Freundin aus Geestemünder Tagen: Aenne Schoon- mittlerweile 96 Jahre alt- lebt auch heute noch in Florida. Von dort kehrte Martha nach Bremerhaven zurück. "Heimat ist, wo das Herz ist", sagte sie gern.

Nordsee-Zeitung vom 19. Oktober 2000