Vom Flüchtling zum Innenminister
Ausstellung "Abenteuer Spurensuche" zeichnet das Schicksal von Carl Schurz nach

Die Situation war fast hoffnungslos: Die Schlacht an der Murg war verloren, die Preußen hatten im Mai 1849 die Revolutionstruppen in der Festung Rastatt umschlossen. Wenn Carl Schurz ihnen in die Hände fiel, drohte ihm die Erschießung. Aber er gab nicht auf: Er quetschte sich durch den Ab-
wasserkanal in die Freiheit.

Eine interessante Geschichte, aber ob sie wahr ist, ist fraglich. So zumindest merkte es der Historiker Martin Kühn aus Oldenburg an, der am Sonnabend durch die Auswanderer-Ausstellung "Abenteuer Spurensuche" führte: "Eventuell war Schurz gar nicht in der Festung und hat mit der Episode nur seine Memoiren verziert."
Fraglos ist dagegen der Lebensweg von Carl Schurz. 1829 geboren in Liblar bei Köln brach er die Schule kurz vor dem Abitur ab, weil sein Vater sich verspekuliert hatte. Er holte den Abschluss aber nach und schrieb sich als Student an der Universität Bonn ein.
Aber viel gelernt hat er dort nicht, von Frankreich aus wehte der Geist der Revolution über Europa. Das Volk entdeckte seine Macht, Carl Schurz begeisterte sich für die liberalen Ideen und schloss sich diesen an- erst als Redner und Schreiber, bald auch als Kämpfer.
Nach der Schlacht an der Murg floh er über Frankreich in die Schweiz. Er kehrte aber 1850 unter dem Pseudonym Heribert Jüssen zurück, um seinen geschätzten Professor Gottfried Kinkel zu befreien, der in der Festung Spandau einsaß. Der Coup gelang, die Flucht führte nach Schottland.
Irgendwann nahm der in Deutschland steckbrieflich gesuchte Schurz ernüchtert zur Kenntnis, dass die bürgerliche Revolution gescheitert war- er wanderte 1852 in die USA aus. Er ließ sich- ohne Universitätsabschluss- als Rechtsanwalt in Watertown, Wisconsin, nieder. Schon 1856 engagierte er sich als Wahlkämpfer für die Republikaner, desgleichen 1860. Da hieß der Kandidat Abraham Lincoln, dem er vor allem die Stimmen der deutschen Einwanderer zuführen sollte. 21 000 Meilen soll er als Redner in diesem Wahlkampf in den USA zurückgelegt haben.
Der Einsatz lohnte sich, Lincoln wurde Präsident. Schurz wurde zum Gesandten am spanischen Hof ernannt. Er kehrte aber bald zurück, denn 1861 brach der amerikanische Bürgerkrieg aus. Schurz trat als Brigade-
general in die Armee der Nordstaaten ein.
Nach Kriegsende kehrte Schurz zurück nach Wisconsin, wurde 1869 Senator von Missouri, bis ihn Präsident Rutherford B. Hayes 1876 zum Innenminister ernannte. Kühn: "So ein hohes politisches Amt hatte danach nur ein Deutschstämmiger inne- Henry Kissinger."
Die Ausstellung "Abenteuer Spurensuche" am Alten Hafen ist ein Expo-Projekt und kann noch bis zum 31. Oktober besichtigt werden. Carl Schurz ist einer von sieben beispielhaft ausgewählten Auswanderern, deren Leben man darin verfolgen kann.

Nordsee-Zeitung vom 16. Oktober 2000