Ein richtiger Deutscher werde ich nie mehr"
Johannes "John" Knull kehrt nach 30 Jahren in Amerika nach Deutschland zurück

Bremerhaven. Millionen von Menschen haben Anfang des 20. Jahrhunderts Europa verlassen. Sie sind ausgewandert. Die Ziele waren meist dieselben: Amerika oder Australien. Die Gründe für die Auswanderung auch: politische Verfolgung oder wirtschaftliche Not. Das Schicksal jeder einzelnen Familie, jedes einzelnen Auswanderers aber ist ein anderes. Das Sonntagsjournal stellt in einer Serie verschiedene Menschen vor, deren Leben durch die Auswanderung entscheidend verändert wurde.

Als Johannes Knull 1923 im kleinen Dorf Spaden bei Bremerhaven geboren wurde, konnte niemand- und er am wenigsten- ahnen, was einmal aus seinem Leben werden würde. Heute blickt der 77-Jährige in seinen Pass und präsentiert Schwarz auf Weiß, wohin ihn der Lebensweg führte: John Knull- der Steppke von damals ging nach Amerika.
"Das Bürogeschäft meines Vaters lag nach dem großen Angriff auf Bremerhaven im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche. Das musste erst einmal wieder aufgebaut werden, aber auch dann lief es mehr schlecht als recht. Amerika faszinierte mich schon seit der Kindheit. Ein Bruder und eine Schwester meines Vaters waren bereits in den 20er Jahren `rübergegangen, und die hatten uns etliche Male besucht", erinnert sich John "Johannes" Knull.
Aus seiner Wohnung im siebten Stock eines Hochhauses kann er direkt auf den Kaiserhafen blicken. Auch den Columbusbahnhof sieht er. Von dort ging die Reise am 15. Mai 1959 los. Doch eigentlich war der Aufbruch schon viel eher geplant.
"Ich wollte schon gleich nach dem Krieg `rübergehen. Aber die Schwiegermutter meiner zukünftigen Frau dachte wohl, wir würden zum Mond und nicht nach Amerika auswandern wollen. Jedes Mal, wenn ich den Gedanken äußerte, gab es Krach. Deshalb haben wir uns das erst mal verkniffen. Doch der Wunsch, in die USA zu gehen, ist nie aus meinem Hinterkopf verschwunden", erzählt John Knull.
Mit dem Dampfer "Berlin" machten sich John Knull, seine Frau Erika und die vier Kinder schließlich auf den Weg in die Neue Welt. Zehn Tage später kamen sie in New York an. Die Verwandten holten sie im Schuppen bei der Einwanderungsbehörde ab und nahmen  sie zunächst auf. Dann ging die Suche nach Arbeit los.
"Ich bin gelernter Büromaschinen-Mechaniker. Handwerk hat goldenen Boden. Das ist in Amerika heute noch so. Bei der Olivetti-Generalver-
tretung in Hakensack/New Jersey haben sie mich sofort eingestellt. 14 Tage nachdem wir in Amerika angekommen waren, hatte ich Arbeit", erinnert sich der 77-Jährige.

Schrecklicher Unfall
Dann ging es aufwärts: Das erste eigene Apartment, das erste gebrauchte Auto. Später wurde ein Haus für die Familie gekauft. Der erste chrom-
blitzende Neuwagen stand vor der Tür. Alles lief bestens für die junge Familie Knull- bis im Jahr 1966 ein tragischer Unfall das neue Leben in Amerika überschattete.
"Unser Sohn Harald hat sich als 16-Jähriger bei einem Badeunfall das Genick gebrochen und war danach querschnittsgelähmt", erzählt John Knull. "Ich habe mir einen Job direkt bei uns im Ort gesucht, um zu Hause sein zu können. Die Hilfsbereitschaft damals war unglaublich. Mitschüler, die Gemeinde, die Kirche- alle  haben gesammelt, um uns zu helfen. Innerhalb von drei Tagen kamen so 60.000 Dollar zusammen.
Der junge Harald Knull saß nach dem Unfall im Rollstuhl. Die Mutter kümmerte sich tagsüber um ihn. Er machte seinen College-Abschluss und ging anschließend zur Universität. Doch manchmal plagte ihn ein merkwürdiges Fieber, dessen Erklärung sich im eigenen Körper fand. Der Sohn litt an einer chronisch entzündeten Blase, die ihm dann operativ entfernt werden sollte. Der Eingriff gelang, doch Harald Knull reagierte allergisch auf Penicillin. Die Wunde heilte nicht. Drei Monate später war der Sohn tot.
"Meine Frau war danach mehr auf dem Friedhof als zu Haus", erinnert sich John Knull. Die Ehe litt unter dem tragischen Vorfall, ging in die Brüche. Zwei Jahre später zog John Knull mit seiner neuen Liebe nach Tennessee. Sie kauften ein Haus und lebten dort. Als die neue Miss Knull schließlich starb, zog es John Knull in die Heimat. Er kehrte 1988 zurück nach Bremerhaven.
"Meine Kinder leben heute noch alle in Amerika. Manchmal besuche ich sie und jedes Mal, wenn der Urlaub zu Ende geht, denke ich: Mensch, jetzt mußt Du wieder nach  Deutschland zurück. 30 Jahre habe ich in Amerika gelebt. Ein richtiger Deutscher werde ich glaube ich nie mehr."

Sonntagsjournal vom 15. Oktober 2000