Mit 60 Jahren Aufbruch ins Ungewisse
"Abenteuer Spurensuche": Witwe Justina Tubbe

Justina Frederike Tubbe hatte es satt: Verwitwet, bankrott, bedroht von Hochwasser, Hunger und Halsabschneidern im Dorf. Die 60-Jährige nahm ihre Söhne, betrat im Oktober 1855 in Bremerhaven die Planken der Bark "Tuisco" und segelte in die Neue Welt. 145 Jahre später geht ihre Ururgroß-
nichte auf Spurensuche.

"Es war ein langer Weg", sagt Gisela Laudi, "bis wir alle erhalten gebliebenen Urkunden in Händen hielten. Er führte uns bis nach Texas. Als letztes Dokument stöberten wir den Geburtsschein auf." Die Nachfahrin führte am Sonnabend Besucher durch die multimediale Ausstellung "Abenteuer Spurensuche" am Alten Hafen.
Den Geburtsschein haben die Kieler Gisela und Jürgen Laudi im Städtchen Freyenwalde in Brandenburg gefunden. Dort ist Ururgroßtante Justina im Jahre 1795 als Böttchertochter zur Welt gekommen. Mit 18 Jahren heiratete sie den Webermeister Tubbe, zieht nach Oderberg und gebärt im Laufe von 26 Jahren neun Kinder. Zwei sterben, 1845 auch Justinas Mann Carl Ludwig. Sieben Jahre später wandern Sohn Wilhelm und Tochter Charlotte nach Texas aus. 1854 stirbt noch eine Tochter.
"Das war der Punkt, an dem Justina ihr Herz in die Hände nahm,  das Haus verkaufte und den Auswanderungsantrag stellte", erzählt die Nachfahrin Gisela Laudi.
Durch enge, schummerige Gänge in hellerleuchtete Räume, vorüber an Schautafeln und -kästen, Lichtsäulen mit Projektionen und Videos tastet die Schar der Besucher sich anhand der wiederentdeckten Zeugnisse an Justina Tubbes Biografie entlang. Gisela Laudi ergänzt die Chronik mit lebhaften Milieuschilderungen aus dem Alltagsleben jener Zeit.

Ein Brief aus Nacogdoches
Von der Existenz ihrer Ahnin wusste die 56-jährige schon durch Familien-
überliefertes. Initialzündung fürs Forschen- unter anderem im Deutschen Schiffahrtsmuseum- und für den Entschluss, die Lebensgeschichte in Buchform  herauszubringen, lieferte ein Cousin siebten Grades: "John Tubbe aus Nacogdoches in Texas. Der hatte 1993 den Pfarrer in Oderberg brieflich um Auskünfte gebeten- so kam unser Kontakt nach Amerika zu Stande."
Im Februar 1856 erreicht Justina mit ihren Söhnen Ludwig und August den Ort ihrer letzten Lebensjahre. Justina Tubbes Spur verwischt nach 1860. "In Nacogdoches leben heute noch 150 Nachfahren", erzählt Gisela Laudi. "Als ich dort mein Buch vorstellte, spendeten sie spontan 1500 Dollar- davon wurde dort ein Gedenkstein für Justina errichtet."

Nordsee-Zeitung vom 2.10.2000
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Gisela Laudi: Der weite Weg einer Brandenburgerin vom Oderbruch nach Texas, herausgegeben vom Westkreuz-Verlag Berlin/Bonn, ISBN 3-929 592-48-7