Kritiker kontra Abrissbagger
Auch nach Abbruchbeginn Votum für Erhalt der früheren Gepäckhalle des Norddeutschen Lloyd



Ein mehrere Quadratmeter großes Loch klafft seit gestern Morgen in der ehemaligen Gepäckhalle des Norddeutschen Lloyd am Neuen Hafen: Der Abriss des historischen Gebäudes hat begonnen. Doch die Kritik an der "Aktion Abrissbirne" ist damit noch nicht beendet. Nachdem die Kritik am geplanten Abriss in den vergangenen Wochen an Schärfe zugenommen hatte,  verteidigte Baustadtrat Volker Holm die Aktion gestern bei einem Lokaltermin in der alten Halle, während draußen bereits die Mitarbeiter der Abbruchfirma Hand anlegten.
"Seit dem Auszug des letzten Mieters im April haben wir mehrere Einbrüche registriert", sagte Holm. Weil die Stadt zur Sicherung verpflichtet sei, müsste man alternativ 25 000 Mark in die Schadensbeseitigung investieren: "Das lohnt sich nicht."
Jürgen Adelmann, Geschäftsführer der  Wirtschaftsförderungsgesellschaft BIS, die den Abbruch organisiert, erinnerte an die Brandserie auf dem verwaisten Werftgelände von Geeste Metallbau: "Leerstand lockt Brandstifter und Einbrecher." Ein Feuer in der Lagehalle auf der Ostseite des Neuen Hafens könne verheerende Wirkung haben, ergänzte Holm mit Blick auf die hölzerne Deckenkonstruktion. Nach dem Krieg sei das stark beschädigte  Gebäude mit einer Leimbinder- Konstruktion überdacht worden, "das brennt wie Zunder."
Bis zum 18. August, also noch vor der Sail, sollen diese und eine weitere Halle am nördlichsten Ende des Neuen Hafens abgerissen sein. Der mittlere der drei Schuppen wird im Herbst weichen, wenn für den Mieter eine Alternative gefunden worden sei.
Neben den Bündnis-Grünen  rügt auch der Förderverein Deutsches Auswanderermuseum den Umgang der Stadt mit dem historischen Erbe. Der Vorsitzende  Jürgen Rudloff: "Es ist uns immer wieder ein Anliegen gewesen, die letzten baulichen Zeugnisse des Auswandererverkehrs und der Auswandererunterbringung zu erhalten." Für die Lloydhalle habe der Verein sogar von einem Architekten eine Zeichnung zur Wiedererrichtung anfertigen lassen.
Rudloff verweist auf gelungene Beispiele von Rekonstruktionen historischer Gebäude und nennt das Auswandererhaus/Hochschule sowie das Schaufenster Fischereihafen. Die Bauten um den Neuen Hafen- Strandhalle, Simon- Loschen- Leuchtturm, Debeg- Halle und die ehemalige Gepäckhalle- bildeten ein eindrucksvolles Ensemble, das durch moderne Bauten sinnvoll ergänzt werden könnte, meint er.
Besonders empört Rudloff die Feststellung von Holm, dass sich über Jahrzehnte niemand für die Hallen und ihren Zustand interessiert habe: "Ich habe erst vor kurzem eine Stellungnahme zur Erhaltung historisch wertvoller Gebäude und Ensembles im Bereich Alter/Neuer Hafen abgegeben." Diese Stellungnahme kenne auch der Baudezernent.
Rudloff: "Ohne viel nachzudenken ist nach 1945 bereits zu viel historisch wertvolle Bausubstanz vernichtet worden." Laut Holm hat dagegen das Landesamt für den Denkmalschutz die Gepäckhalle nicht als schützenswert erachtet.

Nordsee-Zeitung vom 18. Juli 2000