Bremerhaven. Der frühere Schuppen 4 am Neuen Hafen (zuletzt
genutzt von der Firma Benthin) sorgt in der Bremerhavener Kommunalpolitik für
Zündstoff. Während Oberbürgermeister Jörg Schulz sich aus pragmatischen
Gründen für das sofortige Plattmachen einsetzt, verlangen insbesondere die
Grünen einen vorsichtigen Umgang mit den Überresten des alten Hafenquartiers.
Was die Grünen ärgert, ist die undifferenzierte Geisteshaltung der
Plattmacher-Seite. "Abbruch als Aufbruch verkaufen, das geht nicht",
meint der Stadtverordnete Hans-Richard Wenzel. Er sei nicht generell gegen einen
Abriss, falls der Schuppen einer konkreten Nutzung im Wege steht. Er wehrt sich
aber gegen einen "Abriss auf Vorrat", dass sich wieder einmal ein SPD
Oberbürgermeister "als Fleisch gewordene Abrissbirne präsentiert.
Oberbürgermeister Schulz befürchtet dagegen, dass bei einem Hinausschieben des
Abrisses künftige Lösungen belastet werden. Er fragt, was denn wohl passieren
werde, wenn ein Investor das Gelände bebauen möchte und sich dann einer
Diskussion über den Wert der dort noch stehenden Halle gegenüber sieht.
Schließlich sollen auf genau diesen Flächen die Attraktionen eines Ocean Parks
stehen, betont Schulz. Deshalb müsse so schnell wie möglich Klarheit
geschaffen werden. Er weist darauf hin, dass die ganz in der Nähe stehende
Debeg- Halle ganz anders behandelt wird- sie werde stehen bleiben.
Was der Oberbürgermeister angesichts der drohenden Zuspitzung des Streits für
wünschenswert hält, ist eine differenzierte öffentliche
Diskussion. Sie
müsste auf pragmatische Lösungen abzielen und auf gegenseitige Beschimpfungen
verzichten, meint er.
So könnte zumindest darüber nachgedacht werden, Teile des Schuppens aus den
1860er Jahren nach dem Vorbild der Hochschule in einen Neubau zu integrieren,
falls eine Gesamtnutzung nicht in Frage kommt.
Als Voraussetzung für ein solches Vorgehen muss allerdings die Verwaltung
bereit sein, auf die Schaffung vollendeter Tatsachen zu verzichten. Sonst
provoziert sie Misstrauen gegenüber ihrer Bereitschaft zu einem ernsthaften
Dialog mit den Bremerhavenern.
Über die frühere Halle 4 am Neuen Hafen gibt es nur wenige genaue Angaben. Sie
soll 1862 errichtet worden sein. Der Norddeutsche Lloyd hatte das genau 100
Meter lange Gebäude als Gepäckhalle für die Auswanderer-
schiffe errichten
lassen.
Im Krieg war sie ausgebrannt und wurde zuletzt von der Firma Benthin genutzt.
Bei einer Inspektion vor wenigen Jahren wurde der bauliche Zustand als
ausgesprochen gut bewertet.
Sonntagsjournal vom 9. Juli 2000