Das Auswandererhaus


Die Hochschule Bremerhaven ist immer noch das schönste und prägnanteste Gebäude Bremerhavens. 1982-1985 nach den Plänen des Architekten Gottfried Böhm erbaut, steht der Gebäudekomplex auf historischem Boden. Schon im Jahre 1672 errichteten die Schweden hier die Festung Karlsburg, die allerdings kaum eine militärische Bedeutung erlangte und 1849 wurde auf dem gleichen Gelände ein Auswandererhaus errichtet. Auch in der Architektur des Hochschulkomplexes widerspiegelt sich die Erinnerung an die alte Karlsburg. Im Mittelbau und an der Rückseite wurden alte Mauerreste der Karlsburg (-Brauerei) wiederverwendet und hier ein Bezug zum damals üblichen roten Backsteinstil gefunden.



Bremerhavens Aufstieg zur florierenden Hafenstadt hängt eng mit der Geschichte der Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert  zusammen.

Der Förderverein Deutsches Auswanderermuseum brachte  am 9.11.1985 eine Bronzetafel am neuerrichteten Gebäude der Hochschule an, deren Aufschrift lautet:
"Auf dem Gelände der historischen Carlsburg wurde 1849 das Auswander-
haus errichtet. Viele tausend Menschen verbrachten hier die letzten Tage, bevor sie Europa verließen. In den Neubau der Hochschule Bremerhaven wurde 1985 dieser Teil des Auswandererhauses einbezogen."


Das Auswandererhaus von 1849


Eine wirkliche Verbesserung bei der Unterbringung und Versorgung an Land bewirkte die Idee des Bremerhavener Spediteurs Johann Georg Claussen, der dadurch dem Ruf Bremens größeren Nutzen brachte als manche Verfügung des Senats. Sein großes Vorhaben waren Bau und Betrieb des Auswandererhauses. In diesem Haus sollten alle, die in Bremerhaven auf ihr Schiff warten mussten, eine menschenwürdige Unterkunft finden und sich von den Strapazen der Anreise erholen können. Für das körperliche Wohl wie für das Seelenheil der Auswanderer wurde gesorgt, sie fanden hier eine Krankenstation und eine Kapelle. Letztere kam auch den Bremerhavenern zugute, gab es vor 1855 doch noch keine andere Kirche. Außerdem bot das Haus dringend benötigte Lagerräume. Schließlich fanden auch Werftarbeiter Schiffszimmerleute, die zwar in Bremerhaven arbeiteten, aber hier nicht sesshaft waren, billige Unterkunft und Verpflegung.

Als das Auswandererhaus 1849 eröffnet gebaut und eröffnet war, wurde Bremen für diese hervorragende soziale Einrichtung gerühmt. Trotzdem blieb es Gegenstand öffentlicher und privater Interessenspiele. So kam ihm eine Senatsverordnung zugute, nach der die Auswanderer erst am Tage der Abreise an Bord der Schiffe gehen durften, um die Brandgefahr im Hafen gering zu halten. Bremer Expedienten boykottierten jedoch das Haus, indem sie über die Existenz einer billigeren und besseren Logiermöglichkeit nicht informierten.
Der Bau der Eisenbahnlinie Bremen- Geestemünde bewirkte schließlich, dass die Auswanderer bis zum Tag der Ausreise in Bremen behalten wurden, Wartezeiten in Bremerhaven entfielen. Der Rückgang der Auswandererzahlen zwischen 1855 und 1865 wurde dem Auswandererhaus vollends zum Verhängnis. Auch die Gründung eines Auffangunternehmens durch H. H. Meier und die Erhöhung des Übernachtungspreises von 15 auf 18 Grote konnten den finanziellen Niedergang nicht aufhalten.

Wechselvolle Geschichte
Nachdem der Auswandererbetrieb 1865 eingestellt werden musste, stand das Gebäude 5 Jahre lang leer. Ab 1870 diente es als Kriegsgefangenenlager und Lazarett, von 1871 bis 1886 dann als Kaserne des Schleswig-Holsteinischen Festungsartillerie-Bataillons Nr. 9. Nachdem vorübergehend die Absicht bestanden hatte, das Gebäude für die Stadtverwaltung zu benutzen, wurde es 1890 von einem Konsortium des Brauereibesitzers Kroker aufgekauft und im gleichen Jahr zur Brauerei umgebaut. Am 17. März 1892 begann die Arbeit im neuen Betrieb. Die Firma erhielt den Namen "Actienbrauerei Karlsburg". 1900 wurde in dem ehemaligen Lichthof ein drittes Gebäude errichtet.
Als im Ersten Weltkrieg die Schifffahrt lahmgelegt wurde, Handel und Gewerbe Beschränkungen erfuhren und die Karlsburg-Brauerei als Lieferantin des Norddeutschen Lloyd infolgedessen in Schwierigkeiten geriet, verlor sie ihre Selbständigkeit. Sie ging in den Besitz des Bremer Haake-Beck-Konzerns über.
Von 1890-1974 wurde hier das Karlburg-Bier gebraut. Nach der Machtergreifung durch die Nazis fanden hier  Misshandlungen und Verhöre durch die politische Polizei statt, u.a. wurden hier Willi Vogel und Alfred Balzer festgehalten
(vgl. Heimatgeschichtlicher Wegweiser 1933-1945, Bremen, VAS 1992, S.116).
Nach den Zerstörungen des zweiten Weltkrieges wurden Räumlichkeiten provisorisch instand gesetzt und als Brauerei genutzt, 1967 die Reste des rechten Seitenflügels abgebrochen und Neu- und Umbauten vorgenommen. Aber schon 1974 musste die Brauerei entgültig schließen.
Nach langem Leerstehen wurde das Gebäude 1979 von Bremen verkauft. Teile der alten Bausubstanz wurden in den Neubau der Hochschule Bremerhaven einbezogen, die ihre Eröffnung am 16. Oktober 1985 feierte.
 
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Literaturangaben:
1) Förderverein Deutsches Auswanderermuseum e.V. Bremerhaven, Vom Auswandererhaus zur Hochschule, 1989
2) Nordsee-Zeitung vom 10. Feb. 2000: Kapelle heute Portal der Hochschule
3) Nordsee-Zeitung vom 27.03.2000: Pestilenzisch dünstendes Gemach

weiterführende Literatur:
Dieter Strohmeyer: Karlsburg 12- 14, Ein Haus erzählt Geschichte und Geschichten, NWD-Verlag, 29,90 DM