Datenbank ist Schatztruhe
Historisches Phänomen Auswanderung wird digitalisiert

Das Historische Museum Bremerhaven/Morgenstern-Museum an der Geeste macht es ab Dienstag, 30. Mai 2000 möglich: per Mausklick kann sich jeder Museumsbesucher an die Spuren der Vergangenheit heften und in einem inzwischen rund drei Millionen Einträge umfassenden Datenschatz, der Deutschen-Auswanderer-Datenbank (DAD), "wühlen". Vom 18. bis 20. Jahrhundert wanderten etwa sieben Millionen Menschen über Bremen/Bremerhaven nach Nordamerika aus. Erstmals gibt es nun ein zentrales Computerregister, in dem alle derzeit verfügbaren Daten aus den Passagierlisten von Auswandererschiffen zusammengefasst werden. Premiere der DAD ist zur Expo 2000. Denn dieses europaweit einzig-
artige Forschungsprojekt ist ein registriertes Expo-Projekt und passt maßgeschneidert zum Thema der Weltausstellung: "Mensch- Natur- Technik" vom 1. Juni bis 31. Oktober.

Einzigartig in ganz Europa
Am 11. April 1866 erklomm der Kaufmann Heinrich Busch in Bremerhaven die Stiege eines der Schiffe, die im Zeitraum von 1820 bis 1939 rund zehn Millionen Menschen nach Übersee transportierten. Dieser Auswanderer wollte nach New Orleans. Die Deutsche Auswanderer-Datenbank (DAD) im Historischen Museum Bremerhaven/Morgenstern-Museum spuckt solche Daten aus.

Am Dienstag, 30. Mai 2000, wird die DAD am Historischen Museum eröffnet. Dann können Museumsbesucher an zwei Terminals selbstständig nach ausgewanderten Vorfahren suchen.
Seit 1980 werden mit Mitteln des Auswärtigen Amtes Passagierlisten von Auswandererschiffen an der Temple University Philadelphia/
-Pennsylvania/USA digital erfasst. 1998 schlägt Professor Dr. Dirk Hoeder (Uni Bremen), Nordamerika- und Migrationsexperte, das Historische Museum Bremerhaven als Standort für eine deutsche Auswanderer-Datenbank vor. Die Kooperation zwischen der Uni Philadelphia und dem Historischen Museum beginnt. Die Kulturstiftung der Kreissparkasse Wesermünde- Hadeln beschließt eine langfristige Förderung der DAD. Im gleichen Jahr  wird in Zusammenarbeit zwischen dem Museum und dem Studiengang Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Bremerhaven im Rahmen einer Diplomarbeit ein Programm zur Übernahme  der Datenbestände aus den USA und zur Erweiterung der Datenbank erstellt. Die Diplomanten Christian Hubl und Volker Scholz, betreut von Prof. Dr. Dieter Viefhues, wird mit dem Hochschulpreis der Hochschule Bremerhaven ausgezeichnet. Daraufhin werden eine Programmversion für die externe Erfassung von Passagierlisten und ein Transkriptionssystem ausgearbeitet, das den Aussagewert der Passagierlisten als historische Quelle berücksichtigt und damit  Datenbank für wissenschaftliche Abfragen nutzbar macht. Dieses Programm erarbeitete der Informatikstudent Thimo Plaumann. Als Diplomant macht sich Plaumann seit 1999 daran, ein Programm zur Recherche in der Datenbank und eine Benutzerversion für Museumsbesucher zu entwickeln. Um das gestalterische und didaktische Konzept kümmert sich Dr. Anja Benscheidt, stellvertretende Museumsleiterin, und die Grafik gestaltet Diplom-Designer Gerhard Bergmann.
Im November 1999 wird die DAD als dezentrales Projekt der Expo 2000 und als eingetragenes Markenzeichen registriert sowie patentrechtlich  geschützt.
Im Januar wird mit der externen Dateneingabe begonnen und so die DAD kontinuierlich als Langzeitprojekt erweitert. Im März richtet der Förderkreis Morgenstern Museum der Seestadt Bremerhaven e.V. eine Stelle für eine wissenschaftliche Mitarbeiterin ein. Die Historikerin Pia Dekorsy arbeitet ein Konzept zur wissenschaftlichen Bearbeitung und Organisation von externen Anfragen an die Datenbank.
Mit 2.000 Teilnehmern im April die "European Social Science History Conference" statt, das ist das weltweit größte und wichtigste Treffen von Sozialhistorikern aus aller Welt. Die DAD ist seitdem in ein internationales Forschungsprojekt einbezogen, das die europäische Wanderungsbewe-
gungen nachvollzieht und sozialhistorische Fragen ableitet.
Seit April präsentiert sich die DAD mit einer eigenen Webs-Site im Internet: "www.deutsche-auswanderer-datenbank.de". Schriftliche Anfragen werden bereits gegen eine Gebühr von 30 Mark bearbeitet.
Bei den privaten Anfragen werden aus anonymen Daten spannende und rührende Geschichten: So habe sich ein Drehbuchautor aus Österreich nach einer ungarischen Gräfin erkundigt, die einige Monate nach der Überfahrt eine Tochter gebar. Nun sollten Daten belegen, ob dieses Kind ehelich war, zumal der Ehemann die Gräfin auf der Reise nicht begleitet hatte. So wird die Historikerin zur Detektivin.
Auch sind die Reisedaten eines Auswanderers erfasst, der in den USA Furore machte, nämlich von Carl Schurz. Als Student nahm er an der Revolution von 1848 teil, floh zunächst in die Schweiz, dann weiter nach England. Dort lernte er  die Hamburgerin Margarete Meyer kennen. Beide wanderten im Jahre ihrer Hochzeit, 1852, nach  Amerika aus. In den Passagierlisten steht, dass die beiden im Zwischendeck des Schiffs "London" unter dem Kommando von Kapitän Hebard nach New York segelten und dort am 16. September 1852 ankamen. Schurz war Senator von Missouri (1869 bis 1875) und US-Innenminister (1877 bis 1881).
Zur Zeit sind die Daten von 1850 bis 1888 Dank der Kooperation mit der Universität erfasst, und die Jahrgänge 1904 und 1907 liegen bereits in Teilen vor. Die Erfassung der gesamten Datenmasse voraussichtlich mehrere Jahre.

Quelle: Bremerhavener Kurier vom 17. Mai 2000