Schluss mit Tristesse der 60er
Das Innere des alten Amtsgerichts wird originalgetreu restauriert


Moosgrün gefächerte Decken, braune Wände und durchgetretenes Linoleum: Die Farbgestalter der Amtsgerichtsflure müsste man eigentlich wegen vorsätzlicher Körperverletzung rankriegen. Doch jetzt ist Schluss mit der Tristesse. Das historische Gebäude soll alten Glanz zurückbekommen.

Um das ästhetische Versprechen der unter Denkmalschutz gestellten Fassade auch im Inneren des 1909 errichteten Gebäudes einzulösen, hat Restaurator Klaus Thönes umfangreiche Voruntersuchungen angestellt. Schicht für Schicht waren die Anstriche im Treppenhaus und in den Fluren abgetragen worden, um der originalen Farbigkeit auf den Grund zu gehen. Alte Pläne wurden zu Rate  gezogen. Und irgendwo hatte auch noch jemand zwei originale Türgriffe aufgetrieben, die durch rote Plastikgriffe ersetzt worden waren und nun rekonstruiert werden können.



"Wir haben sehr viel Originalbestand", freut sich Thönes, "nicht nur im repräsentativen Treppenhaus." Die prächtigen Türportale, reichhaltige Stuckverzierungen, bleiverglaste Fenster, schmiedeeiserne Treppengeländer, hölzerne Anzeigetafeln und maßgeschneiderte Bänke- alles noch vorhanden. Vom Look her entspricht das Hausinnere aber mehr dem Geschmack der späten 60er Jahre: Schwere Decken, die Wände mit einer synthetischen Farbe erstickt, der Fußboden zu hell.
Nach eineinhalb Jahren intensiver Vorbereitung wird dem Muff nun der Marsch geblasen. Die meisten Wände sind bereits bis auf das Mauerwerk freigelegt worden. In den nächsten Tagen soll in der zweiten Etage mit der Umsetzung des originalen Farbsystems begonnen werden. Decken und Türportale bekommen einen weichen, ockerfarbenen Anstrich, die Wände einen edlen blau-grauen Ton.
Bevor mit den Restaurierungsarbeiten begonnen werden konnte, mussten noch etliche Kilometer Kabel für eine neue Computeranlage verlegt und die Bestimmungen des Brandschutzes mit den Vorstellungen der Historiker harmonisiert werden. 1,6 Millionen Mark (818 067 Euro) wird die  Umgestaltung inklusive des technischen Aufwands kosten. Geld, für das sich Amtsgerichtspräsident Uwe Lissau förmlich "die Hacken abgerannt hat", wie er sagt.  204 516,75 Euro für die denkmalpflegerischen Mehrkosten kommen aus der Stiftung "Wohnliche Stadt", der Rest musste beim Land locker gemacht werden.

Nordsee-Zeitung vom 29. Januar 2002