Die Eröffnung des Hafens

Es war auch diesmal anders als geplant gewesen. Zwar scheint man 1829, als der Hafenmeister die- später wieder zurückgenommene Erlaubnis erhielt, kleinere Schiffe in den Hafen hineinzulassen, an keine Feier gedacht zu haben. Später aber ist, wie aus einem Bericht des  Hafenmeisters über das Einlaufen des ersten Schiffes hervorgeht, davon die Rede gewesen, daß die bremische Rigg "Graf Münster" den Hafen eröffnen solle. Und dieses Schiff gehörte nicht nur einem Mitgliede der Bremerhaven-Deputation, dem Senator Löning, sondern es war auch kurz nach dem Abschluß des Vertrages zwischen Bremen und Hannover im Jahre 1827 vom Stapel gelaufen, und man hatte damals nicht zufällig dem Grafen Münster die Patenschaft angeboten, der sie angenommen hatte mit dem freundlichen Wunsch, daß dem Schiffe die Seereisen besser bekommen möchten als dem Paten. Man hatte doch die Bedeutung des Hafens wenigstens auf diese Weise hervorheben wollen, selbst wenn keine Feierlichkeiten dabei stattfinden sollten. Aber der Plan wurde nicht ausgeführt, da Löning freiwillig zurücktrat. Der Hafenmeister Deetjen blieb weiter im Zweifel, ob er nun eigentlich Schiffe aufnehmen dürfe oder nicht. Am 10. September 1830 hatte freilich Senator Fritze bei einem Besuch in Bremerhaven die Anweisung gegeben, daß von jetzt ab Schiffe zugelassen seien; der 1. September dieses Jahres war ja auch in dem Vertrag mit den Unternehmern als Ende für die Arbeiten festgesetzt. Aber Fritze hatte dabei erklärt, daß noch eine schriftliche Ermächtigung folgen werde; außerdem scheint er auch etwas davon gesprochen zu haben, daß man eine Eröffnungsfeier zu veranstalten beabsichtige.
So war der Hafenmeister in großer Verlegenheit, als am Abend des 11. September der "Draper" auf der Reede erschien und Kapitän Hillert verlangte, in den Hafen eingelassen zu werden. Das Schiff kam an die Adresse des Ältermanns Rodewald, dessen Verwandten in Amerika es gehörte. Offenbar durch ihn war Kapitän Hillert genau über die neue Hafen-
anlage unterrichtet, und er hatte nun, wie Rodewald an Smidt, der damals in Frankfurt war, berichtet, "schon seit zwei Jahren seinen Kopf darauf gesetzt", der erste in dem neuen Hafen zu sein. Als echter Amerikaner machte er sich einen Sport aus dergleichen Sachen. Auch in einem Liverpooler neuen Dock war er vor kurzem der erste gewesen. Da man nun damit gerechnet hatte, daß der "Draper" erst im Oktober wieder nach der Weser kommen würde, und Rodewald der Meinung gewesen war, daß bis dahin in Bremerhaven alles fertig sein würde, so hatte er Hillert allerdings die Erlaubnis zum Einlaufen gegeben. Als Rodewald aber Anfang September erfuhr, daß das Schiff schon jetzt kam, nahm er seine Erlaubnis durch einen Brief an Hillert zurück, sei es nun, daß er die Arbeiten noch nicht als vollendet ansah oder daß er eine feierliche  Einweihung abwarten wollte. Kapitän Hillert behauptete jedoch, diesen Brief Rodewalds niemals erhalten zu haben. Der Hafenmeister hätte den Kapitän gern dazu bestimmt, freiwillig nach Großensiel hinauszusegeln. Aber Hillert bestand hartnäckig darauf, daß sein Verlangen erfüllt werde. Und es war nun wohl, ohne großes  Aufsehen zu erregen, nicht mehr möglich, das Schiff abzuweisen.
Die Baggerarbeiten im Vorhafen waren beendet, die ausbedungene Tiefe sollte erreicht sein - es ließ sich in der Tat kein Hinderungsgrund auffinden.
                Am folgenden Tag ging der Hafenmeister in aller Frühe an Bord. Um 6 1/2 Uhr erschien auch der Amtmann. Unmittelbar darauf lief das Schiff in den Vorhafen ein. Gleich in der Mündung geriet es aber auf Grund und konnte nur mit vieler Mühe wieder frei gemacht werden. Der Hafenmeister war in größter Besorgnis, obwohl er äußerlich die Ruhe bewahrte, und auch Kapitän Hillert erklärte wiederholt, "daß sein Schiff caput ginge", wenn man nicht wieder frei käme. Als es endlich gelungen war, hatte man im übrigen Vorhafen nach Ansicht des Amtmannes zwar hinreichendes, aber immer noch nicht viel überflüssiges Wasser. Trotzdem stieß das Schiff noch einmal auf den Grund, da es zu nahe an das Ufer heranfuhr und die Seitenböschung berührte, die sich bis dahin erstreckte. An dieser Stelle machte es sich aber bald wieder los, und so gelangte man nach dreistündiger Arbeit ohne weiteren Unfall in den Hafen. Das Schiff wurde an der westlichen Seite etwa 12- 15 Fuß von den Vorsätzen in die Länge gelegt. Es war aber noch zu nahe am Bollwerk; als mit der Ebbe der Wasserspiegel im Hafen sich senkte, stieß es auch hier wieder an die Böschung. Indessen erklärte der Kapitän das jetzt für ungefährlich.
Damit war die neue Hafenanlage "ohne alle weitere öffentliche Feierlichkeiten" eröffnet, und vielleicht war das, wie Rodewald in seinem Briefe an Smidt meint, "in der jetzigen bewegten Zeit"- es war das Jahr der Julirevolution, und auch in Deutschland fanden an vielen Orten Unruhen statt- "ebenso gut".

Georg Bessel: Die Geschichte Bremerhavens, Neudruck der ersten Auflage von 1927, Hrsg: Heimatbund der Männer vom Morgenstern 1989, S.240ff