Frauen als Schweißerinnen bei AG Weser
Renate Meyer-Braun schrieb Buch über Bremer Werftarbeiterfamilien in den 50er Jahren

Wenn der Tumult auf der AG Weser zu groß wurde, musste der Werkschutz anrücken. Dabei wurde weder gestreikt noch demonstriert, nein, es waren Frauen, die für Unruhe sorgten. Sie schufteten als Schweißerinnen in voller Montur. Dass überhaupt Frauen in den 50er Jahren auf einer Werft arbeiteten, hatte die Männerwelt ohnehin schon genug verwirrt. Diese und andere weniger bekannte Seiten aus der Zeit der Pettycoats und Nierentische hat die Bremer Historikerin und Hochschulprofessorin Renate Meyer-Braun bei einem Forschungsprojekt entdeckt und nun ihrem Buch  "Alltag im Wirtschaftswunder" veröffentlicht.
Sie hat mit Werftarbeiterfamilien aus Gröpelingen, Oslebshausen und Grambke gesprochen und festgestellt: "Der Alltag in den 50er Jahren sah anders aus als er meistens gezeigt wird." Beispielsweise die Parzelle: Unbestritten ein beliebter Ort für Urlaub  und den Frühschoppen am Wochenende, aber auch die heranwachsenden Sprösslinge wussten die Laube ihrer Eltern zu nutzen: Ein eigenes Zimmer im Elternhaus hatten die meisten nicht, so wichen sie für Treffen der romantischen Art in die Kleingärten aus.
Für Renate Meyer-Braun war es sehr interessant, dass so viele Gröpelinger stark in ihrem Stadtteil verankert sind: "Viele wollten nie weg und waren es auch nicht." Möglichkeiten, sich wohl zu fühlen, gab es auch schon in den 50er Jahren genug: Die Lindenhofstraße galt als Flaniermeile, der Eingangsbereich des Kinos "Roland-Theater" bot auch außerhalb der Vorstellungen einen günstigen Treffpunkt für die Jugend, und ganz wichtig war die Kneipe "Zur Werft" von Bubi Schäfer.
Seit der Jahrhundertwende haben drei Generationen der Familie Schäfer die Kneipe gegenüber vom Werktor der AG Weser geführt. "Ich habe gehört, dass es nur hieß: "Wir gehen nach Bubi hin", erzählt die Historikerin, die schon mehrere Bücher über die Regionalgeschichte Bremens veröffentlicht hat. Bei "Bubi" wurden manchmal schon vor Schichtbeginn die Biere gestemmt, obligatorisch war das Bier mit Schuss nach Feierabend. "Frauen gingen nicht zu Bubi", hat Renate Meyer-Braun erfahren. "Aber Freitags, wenn es Lohn gab, standen sie davor. Oder manchmal auch schon am Werkstor, um ihre Männer davon abzuhalten, das ganze Geld zu vertrinken."
Vergnügen für alle Altersstufen boten die Vereinsheime. Besonders die Räume der TURA waren beliebt, sie wurde auch scherzhaft "Nahkampfdiele" genannt, wobei die Betonung nicht auf "Kampf", sondern auf "Nah" liegt: Enges Tanzen war erlaubt. Doch auch das Streikkomitee des Werftarbeiterstreiks von 1953 schmiedete Pläne in dem Vereinsheim.
Die Erinnerungen der Werftarbeiterfamilien, gespickt mit zahlreichen Anekdoten und Fotos, bringen den "Alltag im Wirtschaftswunder" ein Stück näher. Durch ihr Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Universität über "Kontinuität und Wandel des deutschen Arbeitermilieus in Ost und West" hat Renate Meyer-Braun die Gröpelinger Familien kennen gelernt. "Eigentlich ging es in den Interviews nur um die Arbeitswelt, aber sie haben mir so viel über ihr Leben erzählt, dass es es gerne verwenden wollte."

Der "Alltag im Wirtschaftswunder" auf 176 Seiten ist beim Edition Temmen Verlag erschienen und kostet 29 Mark. ISBN 3-86108-637-9

Weserkurier vom 28.11.2001
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Quellenhinweis:
http://www2.bremen.de/info/staatsarchiv/bestand/ubersich/ram_text.htm
7,2113 Aktiengesellschaft Weser

1872 hervorgegangen aus der 1843 gegründeten Maschinenfabrik Waltjen & Leonardt; 1926 bis 1945 Teil der Deschimag. 1983 in Konkurs gegangen. Die zentrale Überlieferung befindet sich im Historischen Archiv der Friedrich Krupp GmbH, Essen
Lit.: 125 Jahre AG ''Weser'', Bremen 1968; Peter Kuckuk, Die AG ''Weser'' bis 1914, Bremen 1987; derselbe, Die AG ''Weser'' 1914-1933, Bremen 1987.

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