Neues und Historisches
Alte Gebäude in der städtebaulichen Entwicklung berücksichtigen- Werft-Kran auf der Abschussliste?

Die Beachtung und Wertschätzung  alter Gebäude musste in Bremerhaven immer wieder gegen Verwaltung und Politik durchgesetzt werden. Auch die Hochschule wäre ohne einziges Steinchen des alten Auswandererhauses gebaut worden, wenn nicht Architekten und andere Beteiligte im Gegensatz zu den Vorgaben gehandelt  hätten. "Das Wettbewerbsgelände wird zur Zeit noch durch die Baulichkeiten einer ehemaligen Brauerei bestimmt, die spätestens bis Baubeginn abgebrochen sein werden. Die Gebäude wurden im vorigen Jahrhundert als  Auswandererhalle genutzt." So steht es wörtlich und voller Missachtung gegenüber dem Alten in der Ausschreibung für den "Architektenwettbewerb zur Realisierung der Carlsburg Hochschule in Bremerhaven" im November 1979.
Wie die Kehrtwende zum heutigen Bau unter Einbeziehung  alter Gebäude-
teile zustande gekommen ist, soll hier nicht im einzelnen dargestellt werden. Nach  Auskunft  des Architekten Friedrich Steinigeweg geschah dies erst bei einer später möglich gewordenen Überarbeitung des Entwurfs von Gottfried Böhm. "Diese Situation bot die Chance nach "Resten" des alten Auswan-
dererhauses zu suchen, um von diesem soviel wie möglich mitzubenutzen", erinnert", erinnert sich  Steinigeweg.
Das bedeutet im Klartext, dass die heute von allen hochgelobte Anlage der Hochschule überhaupt nur möglich wurde, weil der Abriss noch nicht vorweg erfolgt war. Nur dieses Abwarten bot die Chance für eine viel bessere Lösung  als ursprünglich geplant. Wer sich dagegen heute in der Stadt umsieht, begegnet allerorten der möglichst frühzeitigen Plattmacherei. In der Innenstadt ist am Alten und Neuen Hafen über Jahrzehnte ein toter Parkplatz immer weiter vergrößert worden, ohne eine schrittweise städte-
bauliche Entwicklung unter Einbeziehung alter Gebäude auch nur zu denken.
                Erst im vergangenen Sommer wurde handstreichartig eine Halle am Neuen Hafen beseitigt. Das Gelände von Geeste Metallbau wird zur Zeit fast porentief gereinigt. Zwar sind noch zwei Gebäude (Direktorenhaus und Kupferschmiede) stehen geblieben. Aber es sieht so aus, als sollte auch dieser kleine Rest geschleift werden, bevor irgendwelche Planungen erarbeitet worden sind. Auch der Werft-Kran steht angeblich wieder auf der  Abschussliste. Unklar ist, ob die Reste der alten Kajenanlagen und  Helgen bewahrt werden, um wenigstens "das alte Werft-Erlebnis sichtbar zu erhalten", wie es ein Architekt während des Workshops im Oktober  1999 formuliert hatte.
Genau an diesem Punkt liegt die Lehre aus der Art und Weise, wie der Bau der Hochschule in den Jahren vor der Grundsteinlegung von 1983 gerade noch gut gegangen ist- nämlich im Offenhalten von Möglichkeiten, etwas ganz Neues in der Verknüpfung mit historischen Gebäuden entstehen zu lassen. Bei der Hochschule klopfen sich inzwischen alle auf die Schulter und loben den Umstand, dass "wir" ein so wunderschönes Bauwerk bekommen  haben.
Wenn dies den  Anfang eines Lernprozesses markieren könnte, dann hätten auch die heutigen Akteure in Verwaltung und Politik die Möglichkeit, sich später für ihren Weitblick loben zu lassen. Das Gelände von Geeste Metallbau bietet in diesen Tagen ebenso einen Prüfstein wie das gleich gegenüber der Hochschule gelegene ehemalige Stadtbad. Dort wurde bekanntlich der gut eine viertel Million Mark teure erste  Versuch zur Verbindung von Alt und Neu, kürzlich auf den Mist geworfen, um wieder einmal zum alten Werkzeug zu greifen- der großen Bremerhavener Abriss-
birne.
Sollte es dann für das Stadtbad eine neue  Ausschreibung geben, kann man hierfür die alte Formulierung für die Hochschule übernehmen, dass "die zur Zeit noch vorhandenen Baulichkeiten spätestens bis Baubeginn abgebrochen sein werden". Manche Fehler werden bekanntlich immer wieder gemacht. Detlef Kolze

Sonntagsjournal vom 14. Januar 2001